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„Polizeiruf 110“ im Ersten: Jonas soll der Elias ausgetrieben werden. 

TV-Kritik: „Polizeiruf 110“

„Heilig sollt ihr sein“ – Ein Polizeiruf 110, der alles schuldig bleibt

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Der deutsch-polnische Polizeiruf verhebt sich schwer an seinem Thema Glaube und Wahn.

  • „Polizeiruf 110: Heilig sollt ihr sein“ dreht sich um Glaube und Wahn
  • Ein deutsch-polnischer Krimi in der ARD*
  • Im neuen Polizeiruf ist vor lauter Action keine Zeit für Erklärungen

Der deutsch-polnische „Polizeiruf 110“ hatte von Anfang an ein Problem mit der Frage, wann und von wem Polnisch hätte gesprochen werden müssen – es aber seltsamerweise nicht wurde. Nun, es ist immer noch zu wenig Polnisch, es sind aber in „Heilig sollt ihr sein“ immerhin ein paar längere untertitelte Passagen. Allerdings muss Adam Raczek, Lucas Gregorowicz, später allen Ernstes zu seiner Mutter (Malgorzata Zajaczkowska) sagen, er spreche „zur Strafe“ Deutsch mit ihr (denn sie widersetzt sich seinem Wunsch, sich behandeln zu lassen). Wie bitte?

TV-Kritik (ARD): „Polizeiruf 110“ - Man wartet gespannt auf Erklärungen für diese quasi übernatürlichen Vorkommnisse

Während also diese neue Polizeiruf-Folge mit der Zweisprachigkeit im Großen und Ganzen plausibler umgeht, versucht Hendrik Hölzemann, Buch, eine steile, eine sehr steile Nummer. Und scheitert.

Einiges passiert, was die Hauptfigur, ein junger Mann mit religiösen Wahnvorstellungen, für ein Wunder halten muss – aber die Zuschauerin in dieser Häufung von Spontanheilungen, bedeutsamen Muttermalen plus einer Jungfrauengeburt schon auch. Man wartet gespannt auf Erklärungen für diese quasi übernatürlichen Vorkommnisse. Gleichzeitig ist vor lauter Action keine Zeit für Erklärungen – wäre man ein misstrauischer Mensch, könnte man meinen mit Absicht, etwa wie bei einem Zauberkünstler, der mit Brimborium den Blick ablenkt von seinen Tricks.

TV-Kritik (ARD): „Polizeiruf 110“ - Es gab schon großartige Sonntagabendkrimis, die auf jede Wahrscheinlichkeit pfiffen

Da fehlt zum Beispiel die Zeit auszuführen, warum Jonas (Tom Gronau) als Teenie plötzlich anfing, sich für den wiedergeborenen Propheten Elias zu halten. Hölzemann bietet mit zwei, drei Sätzen an: Weil sein abwesender Vater sich von ihm geheilt fühlte. Heiland. Vielleicht auch, weil seine Mutter eine religiöse Fanatikerin ist? Die andererseits nicht an die Berufung ihres Sohnes glaubt und ihn zweimal die Woche zu einem Exorzisten schleppt, auf dass der ihm den Elias austreibe.

Es gab schon großartige Sonntagabendkrimis, die auf jede Wahrscheinlichkeit pfiffen. Und die damit blendend durchkamen, weil man ihre Überkandideltheit als genau das: eine kunstvolle Überkandideltheit nehmen konnte. „Heilig sollt ihr sein“ aber nimmt sich in der Regie Rainer Kaufmanns ernst. Häuft raunende Dunkelheiten, auch Blut und Gewalt.

TV-Kritik (ARD): „Polizeiruf 110“ - Ein Krimi über Glaube und Wahn

So dass also der Vater des schwangeren Mädchens (dem mit der Jungfrauengeburt) den Kopf gegen die Wand schlägt, bis er blutet, sobald die Polizei mit einer schlimmen Nachricht kommt. So dass also Kommissar Raczeks Mutter nach fünf Jahren Kontaktverweigerung just anreist, krebskrank, und darauf besteht, sich nur in Gottes Hände und nicht in die von Ärzten zu begeben. 

So dass also kleine Szenen mit einer über und über tätowierten, drogenabhängigen jungen Frau dazwischengeschoben werden, nur, damit sie am Ende als weitere psychisch und wahnhaft Kranke in der Haftanstalt auftauchen kann; klar versucht Jonas/Elias sofort, sie zu retten (aber warum sind die beiden eigentlich nicht in einer Klinik?). Wie das ausgeht, kann man sich früh denken. Spätestens dann, als Raczeks Mutter dazu kommt zur Geiselnahme und die günstige Gelegenheit nutzen will, von Jonas/Elias umarmt und wundergeheilt zu werden. Ach je.

TV-Kritik (ARD): „Polizeiruf 110“ - Kommissar sieht manchmal aus wie im falschen Film

Polizeiruf 110: Heilig sollt ihr sein“,

ARD, So. 03.05.2020, 20.15 Uhr.

Der Kommissar wiederum sieht manchmal aus, als wähnte er sich im falschen Film. Und wer wollte ihm das verdenken. Kollegin Olga Lenski, Maria Simon, ist indessen als letzte Stimme der Vernunft überfordert. „Sind Sie jetzt komplett bescheuert geworden?“, sagt sie zu Raczek. Und wer wollte ihr das verdenken.

Eine ganze Weile ist „Heilig sollt ihr sein“ dank seiner Rätselhaftigkeit spannend. Eine ganze Weile glaubt man auch, da beschäftige sich ein Film ambitioniert und interessant mit dem Thema Glaube versus Wahn. Aber am Ende bleibt er nicht nur seinem Publikum, sondern auch den Figuren alles schuldig.

Von Sylvia Staude

Im „Polizeiruf 110: Zehn Rosen“* Schlägt der Handlungshase nach Ansicht unserer Autorin viele Haken, weicht aber dabei keinem unglaublichen Zufall aus.

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