Frank Plasberg und seine Gäste bei „Hart aber fair“.
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Frank Plasberg und seine Gäste.

TV-Talk im Ersten

„Hart aber fair“ (ARD): Streit über politisch korrekte Sprache eskaliert

  • vonTeresa Schomburg
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Bei Frank Plasberg ging es um die Frage, was man eigentlich noch sagen darf. Die Meinungen gingen weit auseinander.

  • Bei „Hart aber fair“ wurde über Gender und Rassismus gesprochen.
  • Bei Frank Plasberg wurde über die Frage gestritten, ob Sprache ein „reales Problem“ sei.
  • Zu Gast in der ARD sind Stefanie Lohaus, Svenja Flaßpöhler, Jürgen von der Lippe, Jan Weiler, Stephan Anpalagan, Andrew Onuegbu

Was darf man noch sagen? Der Streit über die Sprache ist Thema bei Frank Plasberg. Hinkt er da den zeitgenössischen Diskussionen nicht etwas hinterher? Um die Berliner Mohrenstraße wurde schließlich schon im Juli heftig debattiert. Über Sprache und die in ihr lauernden Rassismus- und Gender-Fallen lässt sich aber nicht oft genug reden. Zumal mit solch viel verheißender Gäste-Riege, in der sich schnell Lager bilden.

„Hart aber fair“ (ARD) mit Frank Plasberg: Diskussion über Gender und Rassismus in der Sprache

Comedy-Aushängeschild Jürgen von der Lippe will sich sprachlich als Künstler nicht bevormunden lassen, ebenso wenig wie der Schriftsteller Jan Weiler, der Italien-Klischees im Roman und Drehbuch „Maria ihm schmeckt’s nicht“ verarbeitete und findet, man solle lieber die realen Probleme angehen, als die Sprache zu ändern. Damit stehen beide flugs in einer Ecke, die man mit „weiße alte Männer“ betiteln könnte. Jürgen von der Lippe weist Plasberg schelmisch drauf hin, dass das ja dreifach diskriminierend sei.

Viel mehr Pointen werden dem Unterhaltungskünstler im Lauf der Debatte nicht glücken, denn nun übernehmen vor allem der Theologe Stephan Anpalagan, sowie die beiden Damen, „Missy Magazin“-Gründerin Stefanie Lohaus und Svenja Flaßpöhler, Chefredakeurin des „Philosophie Magazins“, das Diskussions-Ruder. Anpalagan, der in Sri Lanka geboren wurde, weist darauf hin, dass Wörter wie „Mohr“ oder „Neger“ rassistisch und verletzend seien: „Mit Bevormundung hat das nichts zu tun“. Lohaus betont unterstützend, dass „Sprache das Denken und Fühlen konstruiert“ und schwärmt davon, wie gern sie das Gender-Sternchen und auch das Binnen-I verwende. Frau Flaßpöhler gibt dagegen zu bedenken, dass es einen Punkt gebe, an dem Sensibilisisierung auch ins Zerstörerische kippen kann.

Auch Pippi Langstrumpf wird zum Thema bei „Hart aber fair“ (ARD)

Wann aber ist dieser Punkt erreicht? Wenn die Alice-Salomon-Hoschule ein Gedicht von Eugen Gomringer von der Fassade entfernt, weil darin eine Frau zum Objekt von Bewunderung herabgewürdigt wird? Oder wenn in vorauseilendem Gehorsam Bilder von Künstlern nicht ausgestellt, Auftritte von Kabarettisten abgesagt oder kontroverse Videos aus dem Netz gelöscht werden? Zwischendurch müssen auch noch diverse englische Begriffe geklärt werden wie „Cancel Culture“, der einen systematischen Boykott von Künstlern meint, die sich mutmaßlich moralisch falsch verhalten haben. Das alles hält hier und da zu lange auf, immer wieder mahnt Plasberg zur Eile an.

Immerhin müssen mit der Gender- und der Rassismusfrage gleich zwei Themen zufriedenstellend abgedeckt werden, und auch die Zuschauer sollen per Tweet-Einblendung noch zu Wort kommen. Eine Zuschauerin will wissen, ob man nun Astrid Lindgrens „Negerkönig“ in „Pippi Langstrumpf“ stehen lassen könne?* „Unbedingt“, finden von der Lippe und Weiler, alles andere wäre ein Eingriff in die Kunst. „Sonst könnte man auch der nackten Venus von Milo einen Badeanzug anziehen“, scherzt Jan Weiler. Anpalagan will einen „Südseekönig“ draus machen, Flaßpöhler den alten Begriff stehen, ihn aber historisch einordnen lassen und Lohaus möchte das Buch gar nicht erst mit Kindern lesen ob seines kolonialistischen Hintergrunds und trotz des starken Mädchens als potentieller Identifikationsfigur.

„Hart aber fair“ (ARD) mit Frank Plasberg: Eigentlicher Höhepunkt der Sendung kommt reichlich spät

Die Begriffe „Neger“ beziehungsweise „schwarz“ nutzt Frank Plasberg als Überleitung für den nächsten Einspieler: Ein Leitfaden für Vielfalt des Berliner Senats wartet mit kreativen neuen Vorschlägen für sprachliche Verfeinerungen auf: „Menschen mit Migrationshintergrund“ könnten künftig „Menschen mit internationaler Geschichte“ heißen, und statt vom „Schwarzfahren“ sollte man lieber vom „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ sprechen. Das löst Schmunzeln, aber durchaus auch Zustimmung in der Runde aus. „Auch wenn Einiges sperrig klingt, ist es doch gut, dass die Verwaltung sich überhaupt Gedanken macht“, findet Stephan Anpalagan.

Da bittet Frank Plasberg seinen Joker-Gast in die Runde und nun kommt, etwas spät, der eigentliche Höhepunkt des Abends. Der nigerianische Koch Andrew Onuegbu hat sein Kieler Restaurant ganz selbstbewusst „Zum Mohrenkopf“ genannt. Im Mittelalter, hat er recherchiert, war der Begriff in Deutschland positiv besetzt und stand für gute Küche. Außerdem könne er als Schwarzer sich damit identifizieren. „Schlimm finde ich, wenn jemand mir sagt, wann meine Gefühle verletzt sind“, sagt Onuegbu. Das beeindruckt alle in der Runde, einschließlich Stephan Anpalagan, der aber doch bei seiner Meinung bleibt, man könne den Begriff nicht verwenden. Andere könnten sich immer noch dadurch verletzt fühlen.

Fair geht es durchaus zu, richtig hart kann Frank Plasberg diesmal allerdings nicht durchgreifen

Jetzt muss Frank Plasberg schnell wieder den Bogen zurück zum Gender-Thema schlagen, denn zu gern wollte er noch über das Binnen-I diskutieren. Während Jan Weiler die provokante These aufstellt, das Binnen-I sei diskriminierend, „weil es übergriffig gegenüber Frauen ist“, weist Svenja Flaßpöhler auf einen spannenden Punkt hin: Zu DDR-Zeiten sagten Frauen über sich selbst: „Ich bin Tontechniker“, weil es ganz normal war, dass Frauen ebenso arbeiteten wie Männer. Also ist die Debatte über Gender-Sternchen und Binnen-I ein Zeichen dafür, wie ungerecht es derzeit bei uns zugeht? Hier könnte es noch einmal richtig spannend werden, doch nun ist die Debatten-Zeit vorbei. Fair ging es durchaus zu, richtig hart konnte Frank Plasberg, dem Thema geschuldet, diesmal allerdings nicht durchgreifen. Aber muss man das immer? (Von Teresa Schomburg)

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