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Bayerns Ministerpräsident Söder betont in der ARD-Sendung Anne Will zur Corona-Pandemie ein wenig zu oft, was er „vorgegeben“ habe.

„Es wird nicht ohne Bitternis abgehen“

ARD-Talk stellt sinnlose Frage zu Corona – Ärztin fürchtet Krankenhaus-Kollaps

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„Deutschland im Ausnahmezustand – gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?“ lautet die Frage bei Anne Will – Mediziner zeichnen düsteres Szenario.

  • Deutschland im Ausnahmezustand – gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?“ lautete das Thema beim ARD-Talk Anne Will.
  • Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) betont ein wenig zu oft, was er „vorgegeben“ habe.
  • Der Verzicht auf eine rigorose Ausgangsbeschränkung ist aus Sicht der Medizinerinnen in der Runde richtig.

Aus Sicht der Medizinerinnen ist die Entscheidung der Bundesregierung, der Verzicht auf eine rigorose Ausgangsbeschränkung, richtig. „Wir brauchen die Zeit, um die Klinken vorzubereiten auf das, was kommt“, sagte Melanie Brinkmann, Professorin für Virologie am Institut für Genetik an der Technischen Universität in Braunschweig Sonntag Abend bei Anne Will. Und auch Bernadett Erdmann, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Wolfsburg, fand die „Regeln“ richtig, wie auch Jonas Schmidt-Chanasit dann in den Tagesthemen. Haben Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten also alles richtig gemacht? Diese Frage wird, wie so viele andere im Zusammenhang mit der Corona-Krise, erst die Zeit beantworten. Von zehn bis 14 Tagen ist die Rede, erst nach dieser Frist sei anhand der Fallzahlen erkennbar, ob die Maßnahmen gegriffen haben. 

„Deutschland im Ausnahmezustand – gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?“ lautete das Thema der Sendung. Die gleiche sinnlose Frage hatte schon Maybrit Illner am vergangenen Donnerstag gestellt, und Anne Will versuchte sich dann auch gar nicht erst an einer Antwort. Stattdessen hob sie zunächst auf den aus der Krisen-Konferenz kolportierten Streit ab zwischen Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder, CSU, und seinem Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, CDU.

ARD-Talk mit Anne Will: Konkurrenzkampf zweier möglicher Kanzlerkandidaten

Denn Söder, seit Wochen am Bild des entschlossenen Krisenmanagers arbeitend, war mit strengen Beschränkungen für die Bevölkerung vorgeprescht, was anderen, um Einigkeit bemüht, sauer aufstieß. So hatte Laschet mit elf Kollegen offenbar ein Maßnahmen-Papier vorgelegt – ohne Söders Beteiligung. Und weil die Moderatorin vielleicht nicht zu Unrecht im Zwist auch den Konkurrenzkampf zweier Kanzlerkandidaten vermutete, fragte sie Söder, ob Laschet sich jetzt durchgesetzt habe. Der lenkte ab: „Finden Sie die Frage wirklich angemessen?“

Aber Söder betonte eben auch in dieser Sendung ein wenig zu oft, was er „vorgegeben“ habe. Da half es auch nichts, dass Helge Braun, CSU, Chef des Bundeskanzleramts, den Beschwichtiger gab und beteuerte, die Regelungen seien „sehr sehr einheitlich“, aber dann doch „mit einigen wenigen regionalen Unterschieden“.

ARD-Talk mit Anne Will: Ärztin befürchtet Kollaps im Kampf gegen Corona-Pandemie

Doch der Mangel an der auch von Sebastian Fiedler, dem Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, beschworenen Einigkeit, verblasste angesichts der wirklichen Probleme, vor denen das Gesundheitssystem steht. Bernadett Erdmann fand die nun verkündete Kontaktbeschränkung zwar richtig, doch die komme zu spät, um die Krankenhäuser angemessen vorzubereiten. Sie befürchtet deshalb einen Kollaps in wenigen Wochen, denn es gebe zum einen zu wenig Personal, zum anderen kaum ausreichend Schutzkleidung – offenbar stöhnen die Kliniken im Würgegriff von Preistreibern. Erdmann sah die Politik gefordert, die aber, in Gestalt Helge Brauns, hatte darauf keine konkrete Antwort, und auch die Moderatorin hakte hier nicht nach. Die nun zur flächendeckenden Überwachung abgestellte Polizei verfüge, so Fiedler ebenfalls nicht über ausreichend Schutzkleidung. 

Der Gewerkschafter empfahl der Politik die Hilfe von Experten, weil vernetztes Denken nützlich sei. Nun stützt sich die Bundesregierung bei ihren Entscheidungen ja offenbar, anders als beim Klimawandel, stärker auch Wissenschaftler. Und die verweisen immer wieder darauf, dass die Entwicklung eines Impfstoffs ein bis anderthalb Jahre dauere – was die Frage aufwirft, ob die Deutschen sich auf eine derart lange Zeit unter das Diktat des Kontaktverbots begeben können. Melanie Brinkmann bezweifelt das entschieden. Der Fokus müsse dann eben darauf liegen, die Risikogruppen zu schützen. Und man müsse innerhalb Europas einen ähnlichen Weg einschlagen: „Wir sind keine Insel“. Europäisch handelt schon Tobias Hans, CDU, Ministerpräsident des Saarlands: Er nimmt Kranke aus Frankreich auf.

ARD-Talk mit Anne Will: Corona-Pandemie in Deutschland wird nicht „ohne Bitternis“ verlaufen

Leichter als die medizinischen Herausforderungen zu bewältigen fällt es der Politik, die finanziellen Maßnahmen zu treffen. Dem Taxifahrer, der per Einspieler nach Hilfe zur Existenzsicherung fragte, konnte Helge Braun zusichern, dass entsprechende Beschlüsse der Bundesregierung („mit einem beherzten Griff“) noch diese Woche durch die Instanzen gehen sollen. Aber Anne Wills Frage, ob die gesundheitlichen oder die wirtschaftlichen Folgen gravierender für das Land sein werden, beantwortete der Kanzleramtschef mit dem Satz: Er werde nicht so sein, „dass es ohne Bitternis abgeht.“

Anne Will, ARD, von Sonntag, 22. März, 22 Uhr.  Im Netz: https://daserste.ndr.de/annewill/

Von Daland Segler

Die zweistündige ARD-Sondersendung "Hart aber fair" mit Frank Plasberg zur Corona-Epidemie blieb blass und konservativ – aber diente immerhin als konstruktives Informations-Update.

In der Coronakrise liegen für Medien- und Verlagshäuser Erfolg und Gefahr nah beieinander: Während das Anzeigengeschäft einbricht, wächst das Publikumsinteresse.

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