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Anne Will.

„Anne Will“, ARD

Sie haben es nicht verstanden

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Bei Anne Will wurde der Graben zwischen konservativem Politikern und der Jugend offenbar.

Erinnert sich noch jemand an die Berichte des „Club of Rome“ aus den Jahren 1972, 1992 und 2004? Darin wurde die Notwendigkeit der Grenzen des Wachstums erklärt und (unter anderem) vor irreparabler Schädigung der Umwelt und der Ausbeutung von Rohstoffen gewarnt. Man hat also Bescheid gewusst. Wenn jetzt in aller Welt Tausende von Schülern an Freitagen auf die Straße gehen und für mehr Klimaschutz und gegen die Ignoranz der Politiker demonstrieren, dann besinnen sich die Verantwortlichen nicht auf die Jahrzehnte alten Warnungen von Wissenschaftlern, sondern kritisieren, dass die Jugend die Schule schwänze.

So geschehen jetzt wieder bei Anne Wills Sendung unter dem Motto „Streiken statt Pauken - ändert die Generation Greta die Politik?“ am Sonntag Abend, wo Wolfgang Kubicki, FDP-Vize, erstmal das formale Argument bemühte, „Fridays for Future“ sei kein Schulstreik, weil das ja eine politische Form von Arbeitnehmern sei, die Schülerinnen und Schüler aber sich selbst schadeten. Absurder geht's kaum. Aber der Mann darf immer wieder in bundesdeutschen Talkshows auftreten. Ähnlich abseitig hob Reiner Haseloff, CDU, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hervor, dass die Freitagsdemos ein Rechtsbruch seien und bemühte tatsächlich die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“. Drastischer hätte man die Ignoranz der Mächtigen im Lande nicht darstellen können. Sie haben es nicht verstanden.

Anne Will hatte Greta Thunberg, die Urheberin der Bewegung, interviewt, und das Gespräch zeigte noch einmal eindrücklich die Ernsthaftigkeit der jungen schwedischen Aktivistin. Sie versichert, dass sie nicht manipuliert werde und formuliert, sie wisse, was getan werden muss, „und dann tue ich es auch“. Sie habe keine Zweifel; es gebe keine andere Wahl. Sie verlange auch nicht, dass alle so lebten wie sie, sondern wolle vor allem die Aufmerksamkeit der Menschen erregen, damit sie sich aufkläre.

Greta Thunbergs Haltung wird bei Anne Will vertreten von der 19-jährigen Theresa Kah aus Dortmund, die eloquent den alten Herren widerspricht. Es gehe darum, jetzt etwas zu ändern es sollte allen klar sein, dass man nicht zum Beispiel bis zum Kohleausstieg 2038 warten könne, „während Sie uns den Kohlekompromiss jetzt als Erfolg verkaufen“. Robert Habeck, Chef der Grünen, legt nach, die Jugendlichen gingen auf die Straße, gerade weil sie in der Schule so viel gelernt hätten. Und die Kritik am „Schule schwänzen“ sei „ein Wegschieben der eigenen Verpflichtungen, die die Politik hat“.

Harald Lesch, Vorzeige-Wissenschaftler des ZDF, sagt, man wisse doch seit 1972, worum es geht, aber rede über „das Mäuschen in der Küche statt über den Elefanten“. Im Vergleich dazu, was die Klimakatastrophe darstelle, hält er die Schulpflicht „für unerheblich.“ Die Entwicklung vom Einzelprotest einer 16-Jährigen zur globalen Bewegung erklärt Lesch mit den Begriffen „Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit“ – also dem, was vielen der verantwortlichen Politikern nicht ganz zu Unrecht abgesprochen wird.

Aber Haseloff beteuert, er mache Politik nicht für sich, sondern für seine Enkelkinder, und wiederholt das auch schon bei der Verschärfung der Flüchtlingspolitik benutzte Argument, man müsse „die Menschen mitnehmen“ – unter Protest von Robert Habeck

Lesch bereichert die Runde um die Idee eines „Energie-Sabbat“, wenn das Land nur eine Stunde still stände, hätte das schon Folgen. Er selber – die Frage nach dem persönlichen ökologischen Fußabdruck ist ja heute schwer in Mode – versuche täglich eine gewisse Zeit lang gar nichts zu tun. Auch wenn er sich von Lesch kritisiert fühlen musste, verlangt Haseloff nach einer kurzen Medienschelte, dass die Sendungen des populären Professoren früher gezeigt werden müssten. Worauf sich Anne Will am Ende den Dank für die Hinweise auf andere Programme“ nicht verkneifen kann.

„Anne Will“, ARD, von Sonntag, 31. März, 21.45 Uhr.
Die Sendung im Netz

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