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Die Ärztin Annebärbel geht harsch mit ihren Patientinnen und Patienten um.

„Die Anfängerin“, ZDF 

Eine Frau läuft sich frei

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Es ist nie zu spät, die Richtung zu wechseln: Debütspielfilm von der Erfüllung eines Lebenstraums. 

Ob deutscher, französischer oder US-amerikanischer Herkunft, es gibt einige sentimentale Komödien, in denen das Herz eines verbitterten älteren Mannes von einer zarten Kinderseele berührt wird und der Griesgram einem halbwegs intakten Sozialleben zugeführt werden kann. Die Autorin und Regisseurin Alexandra Sell wählte für ihren Film „Die Anfängerin“, dem vierten Beitrag der Reihe „Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten“, eine seltener auftretende Variante. Und gesteht auch Frauen das Recht zu, anhaltend schlecht gelaunt zu sein. 

Die kindliche Frage „Darf ich den Hund streicheln?“ beantwortet Annebärbel Buschhaus (Ulrike Krumbiegel) mit einem derart schroffen „Nein!“, dass ein Tränenausbruch eine natürliche Reaktion wäre. Die 58-Jährige ist Ärztin und auch ihren Patienten gegenüber ungnädig eingestellt. Eine depressive Frau wird mit einem Rezept abgewimmelt, die Verlängerung einer Krankschreibung unbesehen verweigert mit den Worten: „Wir unterstützen kein Krankfeiern.“ Auch daheim in Gesellschaft des Gatten (Rainer Bock) geht es kühl zu. Und es kommt nicht überraschend, dass Ehemann Rolf beiläufig beim Fernsehen bekanntgibt, dass er Annebärbel verlassen werde. Denn: „Ich habe noch etwas vor in meinem Leben.“

Die übermachtige Mutter

Dann ist er einfach weg, hat nur einen Zettel hinterlassen. Es geht auf Weihnachten zu, um den Schein zu wahren, vollzieht die kinderlose Buschhaus die gewohnten Rituale. Weihnachtsbaum, Weihnachtsgans, Kranz an der Tür. Die Mutter (Annekathrin Bürger) kommt zu Besuch. Buschhaus gibt vor, Rolf sei ins Krankenhaus gerufen worden. Aber Irene Hanschke wittert den Betrug. Der Braten stammt vom Lieferdienst, und Rolf lebt mit einer neuen Partnerin zusammen. Für die herrische alte Dame ein willkommener Anlass, Annebärbel mit Vorwürfen zu überschütten. Das tut sie häufig. Die Tochter konnte es ihr nie recht machen. Es wird so weit kommen, dass die pensionierte Ärztin sich in die Praxis der Tochter drängt und ihr die Patienten abluchst. Annebärbel Buschhaus sucht Ablenkung, Erfüllung. Als Kind war sie Eiskunstläuferin, bis ihr die Mutter den Sport verdarb. Jetzt versucht sie es noch einmal, in einer Seniorengruppe.

Ein schmerzhafter Beginn

Beim ersten Versuch landet sie auf dem Hosenboden, ihr unterlaufen Ausrutscher jeder Art, sie handelt sich neue Demütigungen ein. Aber sie beweist ihren starken Willen und steht, buchstäblich, immer wieder auf. In derselben Halle trainiert der junge Nachwuchs, darunter Jolina Kuhn (Maria Rogozina), die vom Vater (Stephan Grossmann) und der kaltschnäuzigen Trainerin (Franziska Weisz) unbarmherzig gefordert wird und den Erfolgsdruck bereits verinnerlicht hat. Als Jolina stürzt und blutet, leistet Buschhaus Erste Hilfe. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, wie sie im Buche steht. Denn – da unterscheidet sich dieser Film nicht von Vorgängern wie „Der Stinkstiefel“, „Dreiviertelmond“, „Mein Freund, das Ekel“, „Das grenzt an Liebe“ – jeder Handlungsschritt ist leicht als Kopfgeburt zu erkennen, bald jede Szene auf momentane Wirkung ausgelegt. Die Autorin Alexandra Sell braucht einen langen Anlauf, um ihre Figuren zu etablieren und nicht nur auf dem Eis die ersten Pirouetten drehen zu lassen. Eine gediegene Exposition muss nicht zwangsläufig von Nachteil sein, im Gegenteil ist es ja gerade der Vorzug von Fortsetzungsserien, dass der Charakterzeichnung und -entwicklung dort Raum gegeben werden kann. Die Autoren des US-Serienhits „This Is Us“ verteilen die Vorgeschichten der Hauptfiguren sogar diskontinuierlich über mehrere Staffeln. Weshalb man solche Produktionen nicht auf Basis von nur einer oder zwei Folgen beurteilen kann.

Die Kür der Weltmeisterin

Aber Alexandra Sell hat für das ZDF einen neunzigminütigen Spielfilm gedreht, und dem hätte ein wenig mehr Dynamik und Handlungsvortrieb gutgetan. Nicht nur zu Beginn. Sell findet auch so recht kein Ende, trägt ihre Aussage zum Finale hin in mehreren Schichten auf und nähert sich dabei schon arg dem Kitsch. Für Eislauf-Fans hält der Film ein besonderes Bonbon parat: Die frühere DDR-Eiskunstläuferin Christine Stüber-Errath, Weltmeisterin von 1974 und mehrfache Europameisterin, spielt sich selbst. Inzwischen Hobbyläuferin, hat sie für den Spielfilm eigens eine Kür einstudiert. Und zeigt sich auch als 62-Jährige in Bestform.

„Die Anfängerin“, Mittwoch, 17.7., 23:15 Uhr, ZDF

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