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Firas Alshater erkundet seine deutsche Heimat - und landet zwischen Hummus mit Bratwurst und dem Schokoladen-Osterhasen.

„Ach, du liebes Abendland“, ZDF

Die Ungläubigen und ihr Wunsch nach der Kirche im Dorf

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Mit verschmitztem Blick erkundet der syrische Filmemacher Firas Alshater die christlich-abendländische Prägung der Deutschen.

In vielen gesellschaftlichen Bereichen ist der Blick von außen ein gefragtes Verfahren, als Supervision beispielsweise, Unternehmensberatung, Coaching. Ein Perspektivwechsel allein kann schon nützliche Fortschritte bringen. Was aber Offenheit und den Willen zur Veränderung voraussetzt.

Eine Art schelmische Supervision leisten das Autorenteam Michael Freund und Richard Rüb mit dem Protagonisten Firas Alshater. Alshater war ursprünglich Schauspieler, engagierte sich in Syrien gegen das Assad-Regime, wurde eingekerkert und gefoltert und kam über mehrere Zwischenstationen nach Deutschland, wo er Asyl erhielt und sich als Youtube-Kurzfilmer und Autor einen Namen machen konnte.

Alshaters erstes Video war überschrieben mit den Worten „Wer sind diese Deutschen?“. Dieser Fragestellung blieb er treu. Sie prägt auch die fünfundvierzigminütige Reportage, die das ZDF am Ostermontag ausstrahlt, und für die Alshater auf einige Pointen aus seiner heiteren Youtube-Reihe „Zukar“ zurückgreift. Der Ostermontag ist kein zufälliger Termin. Zu Beginn wundert sich der eher weltlich eingestellte Muslim, warum Schokoladenhasen zum Symbol eines Feiertages wurden, der an die Auferstehung Christi erinnern soll.

Syrischer Filmemacher blickt mit Interesse und Ironie auf die Deutschen

Der Einstieg ins Thema. Eine Ansprache des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder wird zitiert: „Ostern ist ein Familienfest. Es ist aber auch ein christliches Fest. Deswegen sollten wir an solchen Tagen auch noch mal über unsere christlich-abendländische Prägung nachdenken.“ Firas Alshater nimmt Söders Anregung auf und stößt unweigerlich auf jenen Widerspruch, den nationalistische Polemiker meist übersehen oder bewusst ignorieren: Das Abendland war ursprünglich heidnisch geprägt, das Christentum wurde aus Palästina importiert und gegenüber den Germanen mit Gewalt durchgesetzt.

Mit einer Mischung aus ehrlichem Interesse und verschmitzter (Selbst-)Ironie begeben sich Alshater und sein Team auf Informationsreise. Unter anderem besuchen sie eine Moschee-Baustelle in Erfurt. Einen Bauplatz für eine Moschee zu finden sei so schwierig wie ein Grundstück für ein Atomkraftwerk, sagt Suleman Malik, ein Vertreter der muslimischen Gemeinde. Gegner des Vorhabens warfen Schweinsköpfe auf das Gelände. Solche Taten seien unvereinbar mit dem christlichen Glauben, urteilt der evangelische Pfarrer Ricklef Münnich, der Hass-Mails erhielt, weil er sich für Toleranz gegenüber Andersgläubigen aussprach.

Gerade bei denen, die den christlichen Glauben lauthals im Munde führen, scheint er nicht besonders ausgeprägt. Eine Pegida-Demonstrantin gibt an: „Ich bin nicht gläubig in dem Sinne, aber ich möchte gern, dass die Kirche im Dorf bleibt und dass wir nicht irgendwann in die Moschee rennen müssen zu Weihnachten.“

Ashaters Blick entlarvt politische Bauernfänger

Dass mancherorts die Kirchen nicht mehr im Dorf bleiben beziehungsweise entwidmet und umgenutzt werden, ist nicht den Deutschen muslimischen Glaubens anzukreiden. Der Statistik zufolge gehören siebenundfünfzig Prozent der Deutschen dem christlichen Glauben an, zitiert Alshater im Film. Nur 4,7 Prozent von ihnen gehen einmal wöchentlich in die Kirche. Alshater belässt es nicht bei Zahlen, besucht einen spärlich besuchten Gottesdienst im katholisch geprägten Bayern und ein offenes „Gebetshaus“ in Augsburg. Dort gibt es Gästezimmer und einen Raum, wo rund um die Uhr gebetet werden kann. Die Gemeinde singt, eine Band liefert die Musik. Im Vergleich zum Gottesdienst in der herkömmlichen Kirche findet sich hier ein deutlich jüngeres Publikum.

Zu jedem Aspekt sucht Ashater das Gespräch mit Beteiligten und Betroffenen. Er fragt, staunt, möchte verstehen. Widersprüche werden mit sanfter Ironie und vor allem großer Verwunderung entlarvt. Ashaters Erkenntnisse regen zum Nachdenken an. Auch zu Skepsis gegenüber politischen Bauernfängern, die christliche Begriffe und Traditionen als rhetorische Finten missbrauchen.

„Ach, du liebes Abendland“, Ostermontag, 22.4., 18:15 Uhr, ZDF

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