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Weam (l.) und Ahmed (r.) im Tretpower Park in Berlin mit der kleinen Ilaf. Sie genießen ihr Leben zu dritt.

„37 Grad: Guter Hoffnung“, ZDF

Das Wunder des Lebens

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Eine Reportage schildert, welche Rolle Religion im Alltag dreier werdender Eltern spielt.

Der weltlich-säkulare Schein trügt: Nach wie vor bezeichnet sich die Mehrheit der Deutschen als gläubig; aber aus der Öffentlichkeit ist Religion weitgehend verschwunden. Überspitzt formuliert sind die Kirchen, Synagogen und Moscheen die letzten Zeichen von Religion in der Gesellschaft. Das gilt auch für die Medien. Einige Zeitungen haben eine wöchentliche Kolumne à la „Aus der christlichen Welt“, manche Radiosender bieten Wortbeiträge von Pfarrerinnen und Pfarrern, und im ersten Programm gibt’s immer noch den Klassiker „Das Wort zum Sonntag“. Andererseits hat die ARD vor einiger Zeit den Reportageplatz „Gott und die Welt“ (sonntags um 17.30 Uhr) in „Echtes Leben“ umbenannt; als fürchte man, das Wort „Gott“ könne Zuschauer, die nicht religiös sind, abschrecken. Abgesehen vom Gottesdienst ist der Glaube Privatsache geworden.

Unverkrampft über Religion im Alltag

Umso erfrischender ist „Guter Hoffnung“, ein ausnahmsweise 45 Minuten langer Beitrag zur ZDF-Reihe „37 Grad“: weil der Film ganz unverkrampft von Religion im Alltag berichtet. Schon die Idee leuchtet ein: Aljoscha Hofmann (Buch, Regie, Produktion) hat drei Paare in den Wochen vor und nach der Geburt ihres Kindes begleitet. Das Besondere dabei: Sie sind Christen, Moslems und Juden. Die sechs Männer und Frauen eint also nicht nur die Vorfreude, sondern auch der Glaube, zumal sie ihren Religionsgemeinschaften keineswegs nur auf dem Papier angehören. Mit gesunder journalistischer Neugier schaut Hofmann ins Leben dieser Menschen. Er will wissen, welche Rolle die Religion in der Zeit rund um die Geburt spielt

Die Qualität solcher Reportagen steht und fällt stets mit dem Vertrauen, das zwischen den Autoren und ihren Protagonisten entsteht. Bleiben sich beide Seiten fremd, ist das den Filmen in der Regel sehr schnell anzuhören: weil ein Sprecher das Reden übernehmen muss. Das ist in „Guter Hoffnung“ völlig anders: Der von Tom Vogt sehr angenehm vorgetragene Kommentar sorgt für die nötigen Hintergrundinformationen und Ergänzungen, aber ansonsten sprechen die Eltern. Genauer gesagt: die Mütter. Es ist allerdings keineswegs so, dass die Männer nur unwillig teilnehmen, das gibt es ja auch. Möglicherweise waren die Frauen schlicht redseliger; außerdem können zwei von ihnen auch deutlich besser deutsch. Der biografische Hintergrund ist ohnehin interessant, selbst wenn Hofmann ihn nicht weiter vertieft: Das muslimische Paar Weam und Ahmed, beide 26, studiert noch; es erwartet sein erstes Kind. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, er ist vor einigen Jahren aus Syrien gekommen. Das deutlich ältere jüdische Ehepaar stammt aus Israel. Sängerin Niva ist 37, ihr Mann Omer (46) ist Komponist und Dirigent; die beiden haben bereits eine kleine Tochter. Die Familie lebt seit fünf Jahren in Berlin und heute in Neukölln, einem stark muslimisch geprägten Stadtteil. Omer macht keinen Hehl daraus, dass er vermutlich seine Gesundheit riskieren würde, wenn er mit Kippa und israelischer Fahne auf die Straße ginge. Niva wiederum freut sich darüber, dass Töchterchen Gili lauter palästinensische Freunde hat. Martha (28) und Martin (35) sind Protestanten, sie haben einen dreijährigen Sohn, der kurz vor der Geburt überhaupt keine Lust hat, seine Mutter mit dem Geschwisterchen zu teilen.

Sehr sympathisch ist Hofmanns Unvoreingenommenheit. Gerade im Krimi stehen tiefgläubige Menschen regelmäßig im Verdacht des Fundamentalismus’, doch der Autor präsentiert seine sechs Protagonisten einfach nur als glückliche werdende Eltern, deren Glauben zwar kein Zufall ist, die ihre Religiosität aber auch nicht wie einen Appell vor sich hertragen; das ist sehr angenehm, weil die Reportage auf diese Weise ohne aufdringlich wirkende Missionierungsversuche auskommt. Natürlich sprechen die Paare über ihren Glauben, aber nur, weil Hofmann sie danach fragt. Weam sagt, sie danke Gott jeden Tag dafür, dass sie und Ahmed gesund seien. Martha erzählt freimütig, Fürbitten in eigener Sache seien ihr unangenehm, weshalb sie in solchen Fällen ihre Mutter bitte, das zu übernehmen, und Martin prägt den Begriff „Gebet to go“, weil er unterwegs noch rasch ein Stoßgebet losgeworden ist. Hofmann lässt in keinem Moment spüren, ob er sich einem der Paare mehr verbunden fühlt als den anderen. Gleiches gilt für seinen Umgang mit den verschiedenen Glaubensformen, die er gleichwertig nebeneinander stellt; auf diese Weise ist sein Film auch ein Plädoyer für Weltoffenheit und Toleranz. Zum besseren Verständnis werden bei den Moslems und den Juden einige Bräuche erläutert.

Die Vertrautheit zwischen Autor und Eltern vermittelt sich in fast jeder Szene. Reportagen und Dokumentationen sollen die Wirklichkeit abbilden, aber mitunter muss man ihr ein bisschen auf die Sprünge helfen. Diesen Eindruck erweckt der Film jedoch nie. Die Paare sind jederzeit natürlich und von sympathischer Offenheit; es gibt keinen einzigen Moment, der in irgendeiner Form gestellt wirkt. Ohne Scheu sprechen sie nicht nur über Hoffnungen, sondern auch über Sorgen; Ahmed zum Beispiel, der die Geburt jedes Kindes als Beweis für die Existenz Gottes betrachtet, sieht sich als Familienvater in einer neuen Rolle und hat Zweifel, ob er sie ausfüllen kann. Und ganz gegen das Klischee betont Weams Mutter, wie wichtig es ihr sei, dass ihre Tochter das Studium beende.

Für eine etwaige Fortsetzung wäre es sicher interessant, die Elternpaare zusammenzubringen; womöglich würden sie sehr bald feststellen, dass sie weit mehr gemeinsam haben als nur die Tatsache, dass alle drei ein Mädchen bekommen haben.

Zur Sendung

Reportage „37 Grad: Guter Hoffnung“

Sendetermin TV: Dienstag, 26.3., 22.15 Uhr, ZDF

Die Sendung im Netz

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