Schöner Fremdkörper: "Der Wechsel" von Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler.
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Schöner Fremdkörper: "Der Wechsel" von Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler.

63. Kurzfilmtage in Oberhausen

Trotziger Gruß des Zelluloidfilms

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Zwischen Gestern und Morgen: Die 63. Kurzfilmtage in Oberhausen präsentieren sich als Festival des Medienwandels.

Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson will das Zelluloid nicht sterben sehen. Von seinen jüngsten Kurzfilm, dem sechseinhalb-minütigen Musicclip „Daydream“ für Radiohead, schenkte er jedem US-Kino, das noch einen Projektor besaß und etwas damit anfangen konnte, eine Filmkopie.

In Oberhausen lief die elegische Wanderung von Sänger Thom Yorke durch die verschiedensten Schauplätze eines Lebens leider nur vom digitalen Träger. Es war vielleicht ein schlechtes Omen: Mitten im Film versagte die Festplatte und brachte den alljährlichen internationalen Musikvideo-Überblick für ein paar Minuten zum Stillstand – ein digitaler Filmriss, der freilich zum krönenden Abschluss des Franzosen Michel Gondry behoben war. „City Lights“, sein inzwischen fünfter Clip für die „White Stripes“, ist ein Meisterwerk des poetischen Minimalismus. Einziger Protagonist ist der Regisseur persönlich, freilich zur Unkenntlichkeit vernebelt in einer zugedampften Duschkabine. Mit dem Finger malt er auf die beschlagene Scheibe immer neue Figurationen, Gesichter mutieren zu Bäumen oder Flugzeugen, unverkennbar eine Hommage an den klassischen Kunstfilm „Le mystère Picasso“.

Solche kleinen Glücksmomente gehören zu den verlässlichen Wundern dieses einzigartigen Filmfestivals. Seit 19 Jahren nun hat Oberhausen das Musikvideo in sein Repertoire aufgenommen. Den traditionell nur unter den deutschen Clips ausgelobten Hauptpreis gewann der Hannoveraner Found-Footage-Virtuose Christoph Girardet mit „Second Chance Man“, einer erlesenen Videoarbeit für die Tindersticks. Auch dies ist eine Hommage an die Geheimnisse des Zelluloids, kompiliert aus den Hinterlassenschaften des klassischen Hollywood: Detailaufnahmen von Lenkrädern, Zündschlüsseln oder Naturaufnahmen fügen sich zu einem neuen Film-Noir, der sein Rätsel niemals preisgibt.

Geschichte und Gegenwart verbinden sich auch im Gewinner des Großen Preises von Oberhausen in mitteilsamem Minimalismus. Der chinesische Beitrag „Qui“ der in Kanada lebenden Künstlerin Cui Yi führt in ein historisches Theater in Peking. In nur einer einzigen Einstellung von 13 Minuten verwandelt sich das ehrwürdige Haus in einen würdelosen Erlebnistempel: Kellner dekorieren Tische im Akkord und zeigen in der Arbeit eine fast choreographische Anmut, bis sich schlagartig Touristen um die Tische balgen. Sogleich beginnt im Bühnenraum eine Tanzdarbietung, die nur fünf Minuten dauert, bis sich das Theater ebenso schlagartig wieder nährt. Kein Wunder, das die Filmemacherin Jury-Mitglied Peter Nestler begeisterte: Wie im Werk des 79-jährigen Dokumentarfilmers erweist sich die Kamera als geradezu ethnographisches Werkzeug.

Vielleicht geht es dem Kurzfilm ähnlich wie diesem alten Theater, das plötzlich in ganz anderen Funktionen überleben muss. In Zeiten des Medienwandels treffen wir das Medium mitten auf dem Weg ins Ungewisse. Und wenn wir auch nicht sagen können, wohin die Reise geht, wenn es den Film von der großen Leinwand in die kleinen Telefone drängt, lässt sich doch wenigstens etwas aus der Rückschau lernen.

Die retrospektive Themenreihe des Festivals behandelte das faszinierende Phänomen „Soziale Medien vor dem Internet“. Kuratiert vom Mainzer Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel, erinnerten verschneite Videorelikte an die Anfänge des Videoaktivismus in den 70er Jahren und an die Experimente der ersten freien Fernsehkanäle. Vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Utopien erwuchsen damals auch ästhetische Visionen – und die gelebte Hoffnung auf ein besseres, weil selbstbestimmtes Fernsehen.

WDR-Veteranin Carmen Thomas erinnerte persönlich an die Arbeit ihrer Programmgruppe „Forum für Mitmach-Sendungen“ in den 80er und 90er Jahren, doch bloß mitzumachen war anderen schon damals längst zu wenig. Zu den schönsten Wiederentdeckungen zählten die kunstvollen Video-Shows des Berliner Projekts „Läsbisch-TV“, des weltweit ersten Unternehmung ihrer Art.

Je tiefer man hineinschaute in die Anfänge des Social Media, desto sentimentaler stimmte die höhere Bedeutung, die man dem Sozialen in der Medienarbeit damals beigemessen hat. „Broadcast Yourself“, der bekannte Slogan von Youtube, erscheint dagegen wie ein Appell ans Ego, ans Sich-selbst-Versenden.

Das Festival an der Ruhr ist mit seinen 63 Jahren noch etwas älter als diese interaktiven Entwicklungen und kann sich doch auch als Mentor fühlen: Gegründet vom damaligen Oberhausener Volkshochschuldirektor und späteren Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann lehrte man nicht weniger als Medienkompetenz, auch wenn man es noch lange nicht so nannte. Heute erinnern lediglich die morgendlichen Kindervorstellungen an die lokale Bedeutung, die das Festival einmal hatte. Den überwiegenden Großteil seines Publikums lädt sich Oberhausen in Gestalt der Filmemacher und Journalisten selber ein.

Besonders umworben ist seit Jahren die Kunstszene, die in den Hauptjurys die Mehrheit hat und auch in den Programmregularien im Vorzug ist: So wurde ein wichtiger neuer Film des Kölner Filmprofessors Matthias Müller abgelehnt, weil er schon auf der Berlinale lief. Marcel Odenbach war dagegen mit seiner bereits im Museum Ludwig gezeigten Arbeit „Fishing Is Not Done on Tuesdays“ im deutschen Wettbewerb vertreten – einer äußerlichen Architekturstudie über das eigene Haus an der Küste Ghanas, dem keine Interaktion mit dem sozialen oder landschaftlichen Umraum gelingen mag.

So schön wie ein Fremdkörper wirkte da ein unbeschwerter Spielfilm, der zu Recht den NRW-Wettbewerb gewann. Die Kölnern Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler, bekannt für ihre Kapitalismus-kritischen „Westend“-Filme, dehten den Sechsminüter „Der Wechsel“ mit einer Stummfilmkamera von 1928. Ob sie es wussten, dass ihre Geschichte eines 50-Euro-Scheins, der in rasantem Wechsel die Besitzer wechselt und eine Vielzahl von Rechnungen begleicht, eine Lücke in der Filmgeschichte füllt?

1926 drehte Berthold Viertel den heute verschollenen Klassiker der Neuen Sachlichkeit, „Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins“. Bei einem Festival des Medienwandels, das auch in mehreren Archiv-Präsentationen an das bedrohte Filmerbe erinnerte, war es der schönste Überlebensbeweis des Zelluloids.

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