Thema im Polit-Talk bei Maybrit Illner: Frankreich im Ausnahmezustand. Zwischen EM-Fieber und Terror-Angst?
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Thema im Polit-Talk bei Maybrit Illner: Frankreich im Ausnahmezustand. Zwischen EM-Fieber und Terror-Angst?

Maybrit Illner

Vom Trotz der Franzosen

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Maybrit Illner wollte auch auf die Europameisterschaft einstimmen – mit einer Sendung über Terrorgefahr; doch interessant wurde die Debatte erst mit der Schilderung der sozialen Verhältnisse im Nachbarland.

Manchmal muss man sie ja direkt bewundern, die Talkmaster im Fernsehen. Wie sie noch aus absoluten Nicht-Themen versuchen, Honig für ihre Quoten zu saugen. Wie zum Beispiel soll man eine seriöse Gesprächsrunde über Terrorgefahr bei der kommenden Fußball-Europameisterschaft gestalten? Indem man die Maßnahmen zur Sicherheit der Veranstaltung aufzählt? Es muss ja oberstes Gebot sein, Panikmache zu vermeiden.

Aber genau dagegen verstieß Moderatorin Maybrit Illner bei ihrer jüngsten Talkshow unter dem wieder einmal reißerischen  Titel „Frankreich im Ausnahmezustand – Zwischen EM-Fieber und Terror-Angst“. Von EM-Fieber war dann auch kaum die Rede. Stattdessen von bereits geschehenen Anschlägen und möglichen Plänen des IS. Dafür sorgte vor allem Guido Steinberg, immer wieder mal  bei Illner eingeladen als Terrorismus-Experte. Und so malte er denn auch kräftig den dschihadistischen Teufel an die Wand. Wie bruchlos er dabei die aus Nahost Geflüchteten und die Terroristen aus dem IS in einen Zusammenhang brachte, das dürfte die Herzen der Rechtsextremen von AfD bis NPD höher schlagen lassen. Aber Steinberg muss ja an seinen Marktwert denken – da passt eine Entwarnung schlecht.

Zwar täten die Sicherheitsbehörden „eine Menge“, verriet der Experte. Doch sie wollen einfach nicht auf die Deutschen hören, wie ein Zitat des deutschen  Sicherheitschefs der Weltmeisterschaft 2006 lautete. Und André Schulz, Vorsitzender Bund Deutscher Kriminalbeamter, berichtete von gerade mal zwölf Polizisten, die ins Nachbarland einreisen durften – erstmal nur ohne Pistolen. Das  bot noch etwas Gelegenheit für etwas bundesdeutschen Chauvinismus: „Die Franzosen nehmen uns in der Sicherheitspolitik nicht ernst“, klagte Steinberg.

So erging man sich zunächst in erwartbaren Beschwörungen: Ja, der IS hat Großveranstaltungen „im Visier“, wie der Chef der  deutschen Verfassungsschützer Maaßen, eben wegen Unfähigkeit seines Ladens selbst im Visier, jüngst äußerte. Nein, absolute Sicherheit gibt es nicht (kann man nämlich nicht im Supermarkt kaufen). Und ja: „Es“ kann überall passieren. Die Einspieler der Redaktion taten ein Übriges. Der Erkenntnisgewinn im ersten Teil der Sendung ließ sich auch nicht dadurch steigern, dass Illner noch einmal nach der „Angst im Land“ fragte, obwohl die zugeschaltete Korrespondentin Natalie Steger eben vom „typischen Trotz der Franzosen“ berichtet hatte, die gerade zu Zehntausenden vor dem Eiffelturm die Präliminarien zum Public Viewing feierten. Und Autorin Gila Lustiger, seit 30 Jahren in Paris lebend, wusste: „Sie machen trotzdem weiter“ – nämlich trotz des schon länger  herrschenden Ausnahmezustands, der willkürliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen ermöglicht.

An Lustiger lag es dann auch, dass sich das Niveau der Debatte merklich anhob. Sie kühlte die Erregung erst einmal runter, indem sie darauf hinwies, dass halb Frankreich in der kommenden Woche streiken werde und es infolge der seit Ende März schwelenden sozialen Unruhen ohnehin „chaotisch“ im Lande zugehe. Der greise Ulrich Wickert übernahm die Rolle des Historikers und erinnerte daran, dass nach Anschlägen in Paris vor Jahrzehnten schon einmal alle Papierkörbe zugeschweißt worden waren.

Aber Gila Lustiger insistierte auf den sozialen Aspekten des Terrors. Prävention fang nicht bei Geheimdiensten, sondern in der Schule an,  so seien soziale Verlierer anfällig für  Radikalisierung.  Während Steinberg auf die gemeinsame Ideologie der unterschiedlichen Tätergruppierungen abhob, wies Sportstudiomoderator Jochen Breyer, auch Autor einer ZDF-Reportage über die Banlieues (Sendung am 10. Juni um 23.30 Uhr),  zurecht darauf hin, dass die Ideologie in den abgehängten Vierteln eben auf fruchtbaren Boden falle.

Als Moderatorin Illner dann vom „wachsenden Hass zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen“ sprach, musste sie sich von Wickert korrigieren lassen: „Das stimmt so nicht“.

Gila Lustiger und der ehemalige Tagesthemen-Moderator machten auch auf die Rolle des Front National aufmerksam, der Zulauf von rechts wie von links erhalte; Marine le Pens Feind aber sei Europa.

Da hätte es weitergehen können, aber Maybrit Illner wollte zurück zum Fußball. Und Jochen Breyer konnte dem Thema noch einen spannenden Aspekt abgewinnen: Das Konzept der Nationalelf werde ausgerechnet an der Hymne diskutiert, die vor Beginn von den Spielern gesungen wird – aber eben nicht von allen. Woraus die Rechtsextremen links und rechts des Rheins ihre Forderung nach einer „reinen“ nationalen Mannschaft ableiten – siehe die Ausfälle von AfD-Chefin Frauke Petry und ihrem Rechtsausleger Alexander Gauland gegen Mesut Özil. Thomas Oppermann, SPD-Fraktionschef, sah die Gelegenheit für einen starken Spruch gekommen: Man dürfe sich von Leuten wie Gauland die Nationalelf nicht madig machen lassen. Was die Runde nicht erwähnte: Auch Franz Beckenbauer hatte einst als Bundestrainer von seinen Spielern das Singen der Hymne verlangt – allerdings noch nicht unter den Vorzeichen des grassierenden Rassismus. Breyer sah sich denn auch genötigt zu betonen, dass es eben keinen Zusammenhang gebe zwischen dem Singen der Hymne und dem Status als Deutscher oder Franzose. Und dass Sport immer politisch sei, habe sich ja auch daran gezeigt, dass Kanzlerin Angela Merkel sich in die „Nasszelle“ der Kicker gewagt habe, um vom Glanz des Titels zu profitieren.

Und wird die Europameisterschaft wieder wie der WM-Titelgewinn 1998 Frankreich einigen, wollte Illner wissen. Breyer bezweifelte das, die Gesellschaft sei zu zerrissen. Eine so düstere wie realistische Prognose.

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