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Präsident Roosevelt (Bill Murray, l.) und seine Gattin Eleanor (Olivia Williams, 2.v. l.) genießen Erfrischungsgetränke.

„Hyde Park am Hudson“

Trittbrettfahrer von „The King’s Speech“

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In der enttäuschenden Politkomödie „Hyde Park am Hudson“ erzählt Regisseur Roger Michell - unfähig sich zwischen Staatsbesuch und Schmuddelkram zu entscheiden - nichts Halbes und nicht Ganzes. Sogar der chronisch verschmitzte Bill Murray wird einem bald zu viel.

Nicht nur in Hollywood, auch im britischen Kino wird immer weniger Neues produziert und immer mehr von dem, was es schon gibt. Die Oscars wollen uns jedes Jahr das Gegenteil davon beweisen, wenn man sie sorgsam über die wenigen Filmerfolge ausschüttet, die keine Fortsetzungen sind, aber natürlich sind sie mit schuld daran. Denn ohne die Preise, die „The King’s Speech“ vor zwei Jahren eingeheimst hat, gäbe es wohl keinen solchen Trittbrettfahrer wie „Hyde Park am Hudson“.

Hotdogs für Briten

Auf der Suche nach einem Nachleger zu der liebenswerten Geschichte vom stotternden König George VI. und seinem Mut zur Selbstüberwindung stieß man auf Richard Nelsons Hörspiel „Hyde Park on Hudson“, das 2009 von der BBC produziert worden war. Bereits im Juni 1939 zeigt King „Bertie“ hier persönlichen Einsatz für die Weltpolitik und überwindet seine Hemmungen, wenn er als erster Monarch die USA bereist. Und schließlich sogar in einen Hot Dog beißt! Der Krieg in Europa liegt schon in der Luft, doch am Hudson River lebt man noch recht unbeschwert. Hier kommt es zur historischen Begegnung zwischen König George VI. und dem Präsidenten Franklin D. Roosevelt im Landhaus von dessen Mutter im Örtchen Hyde Park im Bundesstaat New York.

Doch der König, gespielt von Samuel West, ist nur eine Nebenfigur in Roger Michells Filmerzählung, die sich aus den Aufzeichnungen einer entfernten Cousine Roosevelts entfaltet. Diese hatte eine Affäre mit dem US-amerikanischen Staatsoberhaupt, wie sich der Polio-Gelähmte überhaupt als rechter Bonvivant erweist.

Bill Murray chronisch verschmitzt

Ein chronisch verschmitzter Bill Murray betont dies als Roosevelt unablässig – bis einem sein Feixen bald zu viel wird. Sind die bescheidenen Sexabenteuer großer Männer wirklich so ein Thema? Ist es wirklich so bemerkenswert, dass er am Steuer seines behindertengerechten Automobils eine sexuelle Handreichung genießt? Wenn schon seine Ehefrau Eleanor huldvoll über seine erotischen Eskapaden hinweg sah, warum sollen sie uns dann so sehr interessieren? Schließlich kräht ja auch lange schon kein Hahn mehr nach der Oval-Office-Affäre von Präsident Clinton. Und das war wenigstens noch eine Affäre.

Unfähig sich zwischen Staatsbesuch und Schmuddelkram zu entscheiden, erzählt der Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) nichts Halbes und nichts Ganzes. Umso absurder, dass wir uns die Geschichte auch noch aus der Perspektive einer Toten anhören, deren Briefe und Tagebücher posthum gefunden wurden. Und selbst wenn sie aus dem Jenseits zu uns spräche – wie kämen dann alle Szenen in den Film, die sie gar nicht erlebt hat?

Es muss ja nicht gleich ein politisches Sittengemälde wie Spielbergs „Lincoln“ sein, aber ein würdigeres Biopic hätte der wohl einflussreichste US-Präsident des 20. Jahrhunderts durchaus verdient. Bill Murray gehört zu jenen Schauspielern, die erst dann ganz aufblühen, wenn man ihnen etwas Improvisation erlaubt. In den Filmen von Sofia Coppola und Wes Anderson reicht es, wenn Murray nur ein wenig deplatziert in seinem Umfeld wirkt, um von ihm fasziniert zu sein. Hier strahlt er so wenig wie eine ausgeschaltete Nachttischlampe.

Immerhin gelingt es Murray in seiner warmen Art, jener betulichen Szene ihre Sentimentalität zu nehmen, wenn er seinem stotternden Gast die Minderwertigkeitskomplexe austreibt, indem er auf die eigene Behinderung verweist. Etwas weniger Aufdringlichkeit und aus der Idee zu „Hyde Park am Hudson“ hätte ein sommerlicher Landhausfilm werden können, so wie man ihn in Frankreich jedes Jahr ein paar Mal produziert. Aber da würde man auch kaum so ein Gewese um das Liebesleben eines Präsidenten machen.

Hyde Park am Hudson GB 2012. Regie: Roger Michell, Drehbuch: Richard Nelson, David Aukin, Kamera: Lol Crawley, Darsteller: Bill Murray, Laura Linney u. a.; 94 Minuten, Farbe. FSK o. A.

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