Bernd Eichinger erhält bei der Oscar-Verleihung am 23. April 2010 eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.
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Bernd Eichinger erhält bei der Oscar-Verleihung am 23. April 2010 eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.

Zu Bernd Eichingers Tod

Triebkraft einer Industrie

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Den Ausgang nahm seine Karriere beim Neuen Deutschen Film, in den 80er Jahren kam mit Erfolgen wie "Im Namen der Rose" das große Geld: Der Filmproduzent Bernd Eichinger war das pochende Herz der deutschen Filmindustrie, und das hat nun aufgehört zu schlagen.

Den Ausgang nahm seine Karriere beim Neuen Deutschen Film, in den 80er Jahren kam mit Erfolgen wie "Im Namen der Rose" das große Geld: Der Filmproduzent Bernd Eichinger war das pochende Herz der deutschen Filmindustrie, und das hat nun aufgehört zu schlagen.

Bernd Eichinger, der „Filmbesessene“ wie er sich gerne nannte: Er ist nicht wegzudenken. Niemand wirkte so beherzt, agil und selbstbewusst wie der Bayer der schon in seinem Auftreten das Idealbild des modernen Filmproduzenten verkörperte. Die Energie, die er dabei nach außen abstrahlte, war nur der Dampfstoß jener unaufhaltsamen Lokomotive, die ihn in seinem Innern angetrieben haben mochte – zu einer der eindrucksvollsten Serie von Erfolgen der gesamten deutschen Filmgeschichte: Von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ über „Die unendliche Geschichte“ zum „Namen der Rose“.

Von „Das Geisterhaus“ über den „bewegten Mann“ zum „Schuh des Manitu“. Vom Oscar-Gewinner „Nirgendwo in Afrika“ über den Hitler-Film „Der Untergang“ zur Süskind-Verfilmung „Das Parfum“. Von „Resident Evil“ zu den „fantastischen Vier“. Und, ja auch das war Eichinger-Kino, von „Ballermann 6“ zum aktuellen Comedy-Hit „Die Superbullen“.

Auf Tuchfühlung mit dem Zeitgeist

Bernd Eichinger war das pochende Herz der deutschen Filmindustrie, und dass es nun aufgehört hat zu schlagen – völlig unerwartet bei einem Abendessen am Montag in Los Angeles – ist ein Schock für seine Freunde genauso wie für seine ebenso zahlreichen Kritiker.
Nur 61 Jahre ist er alt geworden, und doch umfasst seine Karriere seit seinem ersten Hochschulfilm ganze 40 Jahre. Vier Jahrzehnte, in denen ihn sein glückliches Händchen nie lange im Stich gelassen hat. In einer schnelllebigen Branche lebte Bernd Eichinger auf Tuchfühlung mit dem Zeitgeist. Und nicht immer schlug sein Herz dabei fürs populäre Genre.

Eichingers erste große Produktion war 1975 eine freie Adaption von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“: Wim Wenders führte Regie nach einem Peter-Handke-Drehbuch. Es war die Blütezeit des Jungen Deutschen Films – eines anspruchsvollen, aber international viel beachteten Kinos.

Eichinger produzierte Hans W. Geißendörfer („Die Wildente“), Edgar Reitz („Stunde Null“) Alexander Kluge („Der starke Ferdinand“) und Hans-Jürgen Syberberg: Zu dessen radikalem Kunstfilm „Hitler – ein Film aus Deutschland“ (1978) lieferte der Produzent ein Vierteljahrhundert später das perfekte Gegenstück – das naturalistische Geschichtsdrama „Der Untergang“.

Anfang der 1980er Jahre war es für Eichinger schlagartig vorbei mit künstlerischen Experimenten. Bei der Beststeller-Verfilmung „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kam es zum Bruch mit dem Regisseur Roland Klick. Eichinger engagierte stattdessen Uli Edel, der einen stromlinienförmigen Genrefilm ablieferte und Kassenrekorde brach: Kein deutscher Nachkriegsfilm war im Ausland bis dahin so erfolgreich. Bereits 1978 hatte der 29-jährige einen 25-Prozent-Anteil der angeschlagenen Verleihfirma Constantin erworben, die er als „Neue Constantin“ wieder auf Kurs brachte und zur führenden deutschen Filmproduktionsfirma ausbaute.

Erst 2006 trennte sich Eichinger von seinen letzten Anteilen an der Erfolgsfirma. In den Achtziger Jahren wurde Eichinger mit englischsprachigen Großproduktionen wie „Der Name der Rose“ zum Global Player. Wie weitsichtig er dabei agierte, zeigt etwa der damalige Rechte-Erwerb des Comics „Die fantastischen Vier“: Erst fünfzehn Jahre später produzierte Eichinger die Verfilmung für die amerikanische „20th Century Fox“.

Passionierter Leser

Man würde dem Phänomen Eichinger nicht gerecht, wollte man es auf Erfolgsformeln reduzieren. Denn gäbe es solche Formeln, wäre sein Erfolg nicht einzigartig. Einzelne Vorlieben aber lassen sich klar benennen: „Geschichten springen mich einfach an“, sagte der passionierte Leser, der bereit war, für die Filmrechte von Bestsellern tief in die Tasche zu greifen. So entstanden „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ (nach Hubert Selby, Jr.), „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (nach Peter Høeg), „Der Campus“ (nach Dietrich Schwanitz), „Elementarteilchen“ (nach Michel Houellebecq) oder „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (nach Stefan Aust).

Dennoch war Eichinger überzeugt: „Ich habe keine gute Nase für Stoffe, und ich versuche auch gar nicht, mich daran zu orientieren, was denn so en vogue ist. Ich gehe nur von mir aus.“

Als Sohn eines Arztes in Oberbayern aufgewachsen, gab er sich stets bodenständig. Jeder, der ihm begegnete, erhielt davon eine Ahnung: Etwa als er bei der Berlinale-Premiere 2006 die letzten Premierengäste von „Elementarteilchen“ zu seiner liebsten Würstchenbude kutschieren ließ.

Dass er seine Anzüge mit Turnschuhen kombinierte, mochte freilich erst einmal dem Drang nach Tempo geschuldet sein. Etwa als er so am Tag der Eröffnung des Ende der 90er Jahre erbauten Kölner Cinedom-Kinos, eines der ersten deutschen Multiplexe, durch eine staubige Baustelle stapfte. Ein paar Stunden später, bei der Eröffnung, waren dann alle Platten verlegt. Seinen „größten Film“ nannte er das Gebäude damals.

Imposanter freilich war dann ein paar Jahre später die Konstruktion der Deutschen Filmakademie, die er erfolgreich als Vergabeinstitution des Deutschen Filmpreises lancierte. Auch sie wird ihn überleben: Wie die meisten seiner Produktionen musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, das Populäre über die Kunst zu stellen. Ohne eine funktionierende Filmindustrie aber sieht es auch für die Filmkunst schlecht aus. Bernd Eichingers Triebkraft wird dieser Industrie nun schmerzlich fehlen.

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