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„Triangle Of Sadness“ im Kino: Der Kapitalismus in Seenot

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die einen werden bedient (hier Sunnyi Melles als Vera, rechts), die anderen bedienen. Foto: Fredrik Wenzel / Alamode Film
Die einen werden in „Triangle Of Sadness“ bedient (hier Sunnyi Melles als Vera, rechts), die anderen bedienen. © Fredrik Wenzel / Alamode Film

Ruben Östlunds Cannes-Gewinnerfilm „Triangle Of Sadness“ kommt ins Kino – lustiger kann dieses Kinojahr kaum noch werden.

Spätestens seit es das Kino gibt, dürften Kunst und Unterhaltung eigentlich nicht als Gegensätze gelten. Trotzdem sind Komödien rar in Festivalwettbewerben und noch seltener gewinnen sie Preise. Der Schwede Ruben Östlund, der eine messerscharfe Gesellschaftskritik in schwelgerische Bilder kleidet, hat es trotzdem nach „The Square“ schon wieder geschafft. „Triangle Of Sadness“ trug ihm im vergangenen Mai seine zweite Goldene Palme ein.

Von „hundert wohlplatzierten Pointen“ schwärmten wir in unserer Cannes-Besprechung, ein Filmverleih hört so etwas gerne und zitiert die Frankfurter Rundschau damit prominent in seiner Werbung. Beim Wiedersehen in dieser Woche bei einer Publikumspremiere möchte ich das ungern stehen lassen. Die Leute hören nicht auf zu lachen, es müssen an die tausend Pointen sein. Dabei waren schon die Erwartungen im ausverkauften Saal nicht gerade niedrig. Kurz vor Beginn warnt ein Platznachbar seine Begleiterin vor der ekligen Fressorgie in der Mitte. Er habe gehört, in Cannes sei die Hälfte der Leute rausgegangen. Das kann ich nicht bestätigen.

„Triangle Of Sadness“ im Kino: Weit komischer, als es der bittere Titel verspricht

In jedem Fall ist „Triangle Of Sadness“ weit komischer, als es der bittere Titel verspricht. Der Ausdruck wird gleich in der Eröffnungsszene, einem Casting für männliche Models, als geflügeltes Wort in der Modebranche eingeführt. Ursprünglich prägten ihn Botox-Ärzte für eine Falte zwischen den Augen. So etwas lässt sich in 15 Minuten reparieren. Dem blendend aussehenden Carl (Harris Dickinson) – sagt man eigentlich noch „dressman“? – wird das gleich empfohlen.

Das erste Kapitel dieser Komödie über kapitalistische Etikette erzählt davon, wie er und seine Freundin Yaya, eine Influencerin, lernen, ihre körperliche Attraktivität als Kapital zu begreifen. Er in einem Beruf, wo Frauen meist besser bezahlt werden. Und sie als Influencerin.

Von ihr werden in einer kuriosen Backstage-Choreographie alternierend nur zwei Gesichtsausdrücke erwartet: Arrogante Übellaunigkeit für die Nobelmarken und stumpfer Frohsinn für das billige H&M. Eine fast rührende Debatte über die Frage, ob traditionelle Geschlechterrollen beim Bezahlen der Restaurantrechnung eine feministische Korrektheit beanspruchen dürfen, schließt sich an. Als Yaya spielt die überraschend verstorbene, überaus begabte Südafrikanerin Charlbi Dean Kriek ihre letzte Rolle.

Kino-Film „Triangle Of Sadness“ führt geradewegs ins Herz des Klassenkampfes

Der Mittelteil des Films führt beide auf eine Luxuskreuzfahrt, mit der man der jungen Frau ihre freundliche Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken bezahlt – und geradewegs ins Herz des Klassenkampfs.

Ursprünglich als Hollywood-Produktion geplant, dann als multinationale europäische Koproduktion realisiert, blieb von der Originalbesetzung von „Triangle Of Sadness“ nur noch Woody Harrelson. Er spielt den Kapitän als marxistisch eingestellten Trunkenbold, aus dessen Kabine laut die „Internationale“ tönt. Das von der Willkür der Passagiere geknechtete Personal hat von ihm wenig Rückhalt zu erwarten. Etwa als eine reiche Russin in gönnerhaftem Ton befiehlt, dass sich alle Angestellten mal eine Auszeit auf der Wasserrutsche gönnen. Es ist eine fast surreale Szene, wie sie sich Luis Buñuel nicht besser für eine alles andere als charmante Bourgeoisie hätte ausdenken können.

Ruben Östlund geht es um zutiefst missbräuchliche Zustände in wirtschaftlich definierten Hierarchien, die gleichwohl für #MeToo kein Thema wären: Zu alltäglich sind die Erniedrigungen, die Angestellte in schlecht bezahlten Service-Berufen über sich ergehen lassen müssen. Gleich zu Beginn wird das Personal aufs bedingungslose Ja-Sagen eingeschworen, immer das hoffentlich üppige Trinkgeld vor Augen. Doch was tun, wenn ein Gast darauf besteht, dass ein dreckiges Segel gewaschen wird, wo man sich doch auf einer Motoryacht befindet? Es wäre leicht, mit der Not des Service-Personals seine Späße zu treiben, doch Östlunds Sympathien sind im Zweifelsfall bei der Unterschicht.

Spektakulärste Brechorgie der Kinogeschichte seit „Das große Fressen“

Spitzbübisch hat der Kapitän das Captains Dinner für die Superreichen auf den Abend eines angekündigten Sturms gelegt. Was folgt, ist die spektakulärste Brechorgie der Kinogeschichte seit Marco Ferreris Bourgeoisie-kritischem Klassiker „Das große Fressen“. Doch der Höhepunkt ist noch lange nicht das Ende: Der finale Akt schüttelt als Robinsonade die sozialen Hierarchien noch einmal so gründlich durcheinander, wie ein schlecht gemachter Martini seine Zutaten.

Wie es dazu kommt, dass sich ein Teil der uns bereits bekannten Figuren mit einigen anderen auf einer einsamen Insel wiederfinden, ist nach aller Drehbuch-Ethik eigentlich eine Frechheit: Unbekannte werfen – ohne nähere Erklärung – eine Handgranate auf das Schiff – geradewegs vor die Füße einer Rüstungsfabrikantin, die sie noch kurz aufhebt, um festzustellen, das sei doch eine aus ihrer Produktion.

Mit einem großen Knall trennt sich das Drehbuch schlagartig von einigen vermeintlich tragenden Figuren, darunter leider auch Harrelsons Käpt’n. Leinwandzeit erhält dafür Iris Berben in einer stillen Nebenrolle von Fellini-hafter Poesie: Als sprachgestörte Passagierin erreicht sie mit einem einzigen Dialogsatz eine bemerkenswerte Präsenz. Und erhält ebenso die Philippinin Dolly De Leon als ehemalige Toilettenfrau des Schiffes: An einem Ort, wo man sich für Geld nichts kaufen kann, haben plötzlich andere das Sagen; zum Beispiel, wer weiß, wie man einen Fisch aus dem Wasser zieht.

„Triangle Of Sadness“ rückt in federleichtem Ton die Schieflage einer ganzen Weltordnung ins Bild

War in Östlunds „The Square“ die Kritik an Klassismus und Scheinmoral noch auf den Mikrokosmos der Kunstwelt fokussiert, dreht er nun in „Triangle Of Sadness“ den Zoomring seiner Kamera deutlich zurück. Diese im wahrsten Wortsinn überbordende Farce rückt in federleichtem Ton die Schieflage einer ganzen Weltordnung ins Bildfenster.

Östlund kam von der Werbung zur Filmkunst, und auf deren schnelle Wirksamkeit und Deutlichkeit greift er noch immer gern zurück. Wie er uns in einem Gespräch erklärte: „Wenn man eine Idee unter die Leute bringen will, muss man erst Aufmerksamkeit finden – und dann erst kann man seine Ideen vorbringen.“ Doch was gibt es Besseres, als wenn eine gute Idee gleich ein Pointenfeuerwerk anregt?

Triangle of Sadness. Regie: Ruben Östlund. S/GB/USA/F/GR/TK 2022. 146 Min.

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