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Halit Güner unter Tage.
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Halit Güner unter Tage.

„Zukunft der Arbeit“, ARD

Wie man die Treppe fegt

  • Daland Segler
    VonDaland Segler
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Im Rahmen der ARD Themenwoche „Zukunft der Arbeit“  beleuchten zwei Dokumentarfilme auch Vergangenheit und Gegenwart der Arbeitswelt.

„Zukunft der Arbeit“ heißt die aktuelle Themenwoche der ARD. Der Senderverbund beleuchtet in unterschiedlichen Sendeformaten wieder ein spezielles Sujet, diesmal geht es also um die Tätigkeit „from nine to five“, wie es in den USA gerne umschrieben wird. Bei Anne Will wurde diskutiert, DGB-Chef Reiner Hoffmann musste „Farbe bekennen...“, selbst die Sendung mit der Maus ließ einen Roboter arbeiten, und am späten Montagabend ging es erst einmal um Gegenwart und Vergangenheit des Broterwerbs:  „Arbeit war das halbe Leben“ heißt ein Film von Simone Jung. Sie stellt sechs Menschen vor, die das traditionelle Verständnis von Arbeit repräsentierten, und das hieß vor einem halben Jahrhundert noch oft: Handarbeit.

Der Fischer, der Bergmann, die Krankenschwester, der Maler, der Stahlkocher, die Bäuerin: Sie verdienten ihr täglich Brot noch, indem sie „schafften“ – ein Wort, das heute nicht mehr so selbstverständlich für das Arbeiten verwendet wird. Die Interviews schneidet Simone Jung mit faszinierenden alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Eis schippenden Fischern, vom LPG-Bauern am Pflug hinter dem Pferdegespann, von rumpelnden Bussen auf leeren Straßen gegen, Bilder, die wirken wie aus einer anderen Welt.

Das gilt auch für die Erzählungen der heute Betagten, sie berichten von den erlittenen Strapazen, den langen Wegen, den Gefahren auch: Sicherheit hatte noch keine „Standards“: Stahlarbeiter Manfred Baumgärtner trug anfangs einen Filzhut, den ihm sein Vater überlassen hatte, der Autolackierer musste mit Schutzhaube ins Wageninnere klettern. Der Film macht zugleich deutlich, dass diese Menschen mit ihrer Schufterei mit bis zu 49 Stunden pro Woche  das „Wirtschaftswunder“ möglich machten. ...

"Wofür lebe ich?"

Bis zur 40 Stunden Woche und bis samstags Vati den  Kindern gehörte, dauerte es noch, und während einerseits dank der Industrialisierung die Arbeitszeit kürzer wurde, erhöhte sich andererseits der Druck infolge der Arbeits-Verdichtung. Die Anstrengungen wurden weniger körperlich, stattdessen nahm die psychische Belastung zu – so dass der zweite Film am Montagabend den Titel „Faktor Menschlichkeit“ trägt: „Was macht Unternehmen erfolgreich?“ fragt Autorin Ulrike Knobel-Ulrich und sucht sich drei Beispiele von aktuellen Entwicklungen in Management und Umgang mit dem Personal.

Der Chef eines Hotels im Ostseebad Kühlungsborn musste erst durch Befragung seiner Mitarbeiter sein Selbstbild eines guten Managers korrigieren. Nicht: „Wovon lebe ich?“, sondern „wofür lebe ich?“ solle man sich fragen, sagt  heute.  Und dank der Mitarbeit seiner Mitarbeiter ist bei denen der Krankenstand um die Hälfte gesunken und die Zufriedenheit gestiegen. „Wir sitzen im Endeffekt alle in einem Boot“, sagt eine Frau.

Einige sitzen aber immer noch etwas komfortabler als andere: Für 60 000 Euro spendiert der Chef einigen Angestellten eine Fortbildung besonderer Art, eine Besteigung des Kilimandscharo.  Das Zimmermädchen, das sich zum Mindestlohn abrackert, findet das nicht so prickelnd. Auf ihre Kritik hin wird den Kolleginnen ein Bonussystem gewährt. Ob das zum Tragen kommt bei diesem Arbeitsaufwand, fragt die Autorin nicht, wie überhaupt der Film teilweise etwas affirmativ wirkt und bisweilen mit Binsenweisheiten glänzt. So darf der Hotelchef sagen: „Im Grunde genommen geht es mir darum, dass die Mitarbeiter glücklich sind...“

Etwas weiter geht man beim Windrad-Zulieferer Phoenix Contact: Dort hängt das Gehalt des Personalchefs zum Teil von der Beurteilung durch die Mitarbeiter ab. Und zu Krisenzeiten verzichteten auch die Führungskräfte auf Geld, denn, wie  Geschäftsführer Gunther Olesch in einem schönen Bild sagt: „Die Treppe muss von oben gefegt werden.“

Solche Treppen, im übertragenen Sinne“; wird man bei Google vergeblich suchen. Hier scheint die komplett flache Hierarchie zu herrschen, Mitarbeiter „verabreden“ Ziele, spielen Tischtennis und fühlen sich, wie sie beteuern, rundum glücklich beim Internet-Riesen. Aber sie machen auch zuhause „nochmal den Computer an“, es gibt keine Kita und stattdessen „knallhartes Leistungsmanagement“, und die Interviews mit den Menschen auf dieser Arbeits-Insel der Seligen werden überwacht. Diese an den Kindergarten erinnernde Arbeits-Welt ist dann fast schon wieder unheimlich. Der US-amerikanische Autor Dave Eggers hat sie in einem fiktionalen Werk vor Jahren präzise beschrieben: „The Circle“. Von "nine to five" kann bei der Generation Google keine Rede mehr sein.

„Arbeit war das halbe Leben“ und „Faktor Menschlichkeit“, ARD, von Montag, 31. Oktober, 22.45 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

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