Sommerhaus Filmproduktion; Produzenten: J. Laube, M. Jungfleisch; Regie: Burhan Qurbani; Kamera: Yoshi Heimrath
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Sommerhaus Filmproduktion; Produzenten: J. Laube, M. Jungfleisch; Regie: Burhan Qurbani; Kamera: Yoshi Heimrath.

„Berlin Alexanderplatz“

Traumgebilde eines Flüchtlings

  • vonPhilipp Bühler
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Großstadtmontage frei nach Alfred Döblin: Burhan Qurbanis Neuadaption von „Berlin Alexanderplatz“.

Burhan Qurbani hat, das ist an sich schon literarisch, zwei sehr verschiedene Geschichten über die Entstehung seines Films in die Welt gesetzt. Nach der einen wollte er mit Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ seinen „Lebensroman“ verfilmen, suchte nur noch den narrativen Schlüssel. Nach der anderen ging es ihm darum, den schwarzen Dealern der Berliner Hasenheide, ein wohlbekannter Anblick für Einheimische und Touristen, manchmal der erste, einen Film zu widmen. Doch warum würde den jemand sehen wollen? Berlin Alexanderplatz! Die Wahrheit liegt wohl in der langweiligen Mitte, doch beide Geschichten sind schön, erzählen sie doch von der ungebrochenen Kraft dieses 1929 erschienenen Epochenromans und zugleich von seiner Aktualität.

Leben in einer Halbwelt

Der Anfang ist berauschend in jedem Sinne, gerade bildlich ein Strudel der Ereignisse: Dem tödlichen Meer knapp entrissen, schwört sich Francis (Welket Bungué), der afrikanische Bootsflüchtling und Wiedergänger von Döblins Franz Biberkopf, „ein anständiger Mensch zu werden“. Eine Erzählerin kündet uns davon, ihre Stimme gehört Jella Haase, die Francis’ Geliebte Mieze spielen wird – ein erster, genialer narrativer Kniff. Döblins stets anwesender Kommentator wird auf handelnde Figuren verteilt, wie man überhaupt sagen muss, dass Qurbani sich eng an die Vorlage hält und auch mehrere stilistische Eigenheiten der berühmten „Großstadtmontage“ nachvollzieht – Bibelzitate inklusive.

Als illegaler Bauarbeiter unter anderen Papierlosen gerät Francis gleich darauf an Reinhold (Albrecht Schuch), den mephistophelischen Freund, der seine Lage ausnutzt. Und das ist der zweite Kniff: Schuchs Darbietung als expressionistisch gekrümmter, nach Lust und Laune stotternder, sexsüchtiger Verführer sollte der Jury jeden Bären wert sein. Man versteht schon, warum Rainer Werner Fassbinder in seinem Fernsehmehrteiler von 1979/80 diese Figur so deutlich mehr faszinierte als die Hauptperson. Schuch spielt ganz anders als damals Gottfried John, aber mit ähnlicher Intensität und dem Willen zum Wahnwitz.

Diese gequälte Männerfreundschaft steht auch bei Qurbani im Mittelpunkt. Reinhold wird Francis gegen dessen Willen zum Dealen bringen und mit einer Mischung aus Liebe und Hass seinen Lebensweg bestimmen. Vom Alexanderplatz und weiten Teilen Berlins sieht man eher wenig. Stattdessen geht es hinab in eine Halbwelt der Kleinkriminellen, Prostituierten, Transen und anderen Ausgestoßenen, manche gut, manche böse, alle angetrieben von der verzehrenden Sehnsucht nach Anerkennung und Würde.

Das Wunderkind Burhan Qurbani, Sohn afghanischer politischer Flüchtlinge und schon 2010 mit „Shahada“ im Wettbewerb vertreten, hat sich das Buch ohne Zweifel zu eigen gemacht. Bei der Hauptfigur Francis B., später auf Franz getauft, ist man sich da nicht so sicher. Döblins Biberkopf, der seine Lage nicht erkennt und falsche Entscheidungen trifft, war schon immer schwierig. Rechte und Konservative mochten ihn nicht, die Linken aber auch nicht, weil er nicht ihrem Bild des Proletariers entsprach. Was man nun bei Qurbani sieht, ist abwechselnd das Traumgebilde eines Flüchtlings vom Ankommen in einem reichen Land – Francis lebt zumindest in der Nähe von Luxus und Glamour – und das Zerrbild des kriminellen Schwarzen Mannes. Genau so lässt sich Döblins Montage interpretieren. Problematisch wird es, wenn die Hauptfigur unscharf bleibt und die sozialen „Verhältnisse“, deren Opfer sie ist, so wenig zum Tagen kommen wie hier. Natürlich spielen Hautfarbe und Rassismus eine Rolle in einem Film, der eine weiße durch eine schwarze Hauptfigur ersetzt. Darüber hinaus lässt Qurbani, der dafür in sozialen Netzwerken heftig angefeindet wurde, das Thema links liegen. Er will nicht moralisieren, sondern ein Buch verfilmen.

Das künstlerisch gewagte Vorgehen erinnert durchaus an seinen bekanntesten Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ (2014) über die rassistischen Übergriffe von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992. Qurbanis Anspruch, die Wirklichkeit durch die Kunst klarer zu sehen, nimmt auf tagesaktuelle Befindlichkeiten keine Rücksicht. Sein Film kann den hypnotischen Sog des Anfangs leider nicht halten, am schwächsten sind ausgerechnet die Passagen, die ins Naturalistische kippen, die in einem anderen Film die stärksten sein könnten. Die goldene Mitte hat eben ihre Tücken. Doch vielleicht erweist sich der originäre Stilwille des Filmemachers auch diesmal wieder als nachhaltiger. Ein starkes Zeichen hat er in jedem Fall gesetzt.

Der Film „Berlin Alexanderplatz“ geht als Favorit für den Deutschen Filmpreis ins Rennen. 

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