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"Ihre Majestät die Liebe" mit Käthe von Nagy.

Berlinale

Traumfabrik ist untertrieben

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Die Retrospektive ist das Schönste dieser Berlinale. Hier kann das Weimarer Kino "neu gesehen" werden.

Ab und zu erinnert sich das deutsche Kino gern an die Zeit, als man es selbst in Hollywood bewunderte. Doch es waren nicht nur Caligari, Nosferatu oder Doktor Mabuse, die den Ruhm des Weimarer Films ausmachten. Neben Pasteten und Pralinen, den visuell anspruchsvollen Prestige- und Kunstfilmen, die den Kanon der Filmgeschichte prägten, waren auch Brot und Butter von manchmal überragender Qualität. Was die Berlinale-Retrospektive nun an wenig Bekanntem ausgegraben hat und in den besten Kopien präsentiert, gibt eine Ahnung vom kompletten Menü: Selbst Kenner staunen über die Vielfalt dieser vergangenen Filmkultur, die eben nicht nur Expressionismus und Neue Sachlichkeit hervorbrachte, sondern auch mutige Gesellschaftsdramen, verwegene Screwball Comedies und einen geradezu aufrührerischen sozialen Realismus.

Schwerpunkt der Auswahl waren die späten 20er und frühen 30er Jahre mit ihren aufbrechenden Geschlechterrollen. Wenn Lil Dagover 1932 eine Bildhauerin spielt in „Das Leben einer schönen Frau“ von Hermann Kosterlitz, dem späteren Henry Koster, wird mehr als ein Genre auf den Kopf gestellt. Aus dem „Maler und Modell“-Topos, dem wir so viele disproportionale Liebesgeschichten aus männlicher Meisterschaft und weiblicher Bewunderung verdanken, wird ein bis heute radikales Plädoyer der Selbstbestimmung.

Für einen Skulpturenauftrag sucht die Künstlerin ein athletisches Modell – was ihr und diesem Film erlaubt, Männer einmal so anzusehen, wie das Kino sonst so oft die Frauen betrachtet – reduziert aufs Körperliche. In einem englischen Polizisten und Preisboxer wird sie fündig, und die „romantic comedy“ scheint ihren vorgezeichneten Weg einzuschlagen. Doch selbst als sie von ihm ein Kind bekommt, denkt sie gar nicht daran, ihre Unabhängigkeit aufzugeben.

Dagovers charmantes Lächeln - das Revolutionäre im Bild

Schließlich fleht der Mann, der zufällig von dem Kind erfahren hat, die alleinstehende Mutter an: „Lass uns doch heiraten und noch eins bekommen, dann hat jeder eins.“ Das war, wie gesagt, ein Jahr vor 1933 – mehr als drei Jahrzehnte sollte es dauern, bis die sexuelle Befreiung wieder auf ähnliche Geschichten kam, nicht nur in Deutschland. Doch natürlich ist Film stets mehr als eine Story: Es ist das trotzig-charmante Lächeln Dagovers, das das Revolutionäre in die Bildebene überträgt.

Travestie ist ein Markenzeichen der Komödien Reinhold Schünzels, dessen Klassiker „Viktor und Viktoria“ später von Blake Edwards neu verfilmt wurde. Noch ausgelassener ist sein Stummfilm „Der Himmel auf Erden“: Schünzel selbst spielt einen bigotten Lokalpolitiker, der ausgerechnet an seinem Hochzeitstag überraschend den verruchtesten Nachtclub der Stadt erbt – mit der Auflage, sich jeden Abend dort aufzuhalten. Das Versetzen der Braut in der Hochzeitsnacht ist nur der Anfang. Als er sich aus Angst vor Enttarnung in Frauenkleider wirft, hat er auch noch den Schwiegervater am Hals, der sich in ihn verliebt.

Wer glaubt, das verruchte „Berlin Babylon“ aus der Serie von Jurypräsident Tom Tykwer zu kennen, der müsste nur einige Filmbüchsen öffnen, um sich ein Bild aus erster Hand zu machen. Es ist keine neue Erkenntnis, aber filmhistorische Retrospektiven überraschen damit immer wieder: Unser Bild von Geschichte ist maßgeblich von späteren Lesarten bestimmt, die wiederum Klischees späterer historischer Filme prägen. Das 20. Jahrhundert ist das erste, das uns genug filmisch-künstlerische Belege hinterlassen hat, das eine oder andere Vorurteil auszuräumen.

Wer bis jetzt glaubte, die schnellsten Screwball-Comedies seien in Hollywood entstanden, hat Joe Mays Musical „Ihre Majestät die Liebe“ (1931) nicht gesehen. Ein ehrgeiziger Unternehmerssohn kündigt darin seine Verlobung mit einem Barmädchen an, um seine konservative Familie zu ärgern – doch bevor er sie nach geglückter Erpressung wieder schnöde fallenlassen kann, hat er sich schon in sie verliebt. Noch im selben Jahr entstand ein Hollywoodremake dieser Tour de Force, deren Kapitalismuskritik den Geist der Depressionszeit spüren lässt.

Joe May neu bewertet

Schon lange arbeiten Filmhistoriker in Deutschland an einer Neubewertung des Werkes von Joe May, dem das Hamburger Forschungszentrum Cinegraph in diesem Jahr schon seinen zweiten Kongress ausrichten wird. Nur wenige Filmemacher waren in der deutschen Filmindustrie so angesehen wie der Regisseur aufwendiger Ausstattungsfilme wie „Das indische Grabmal“ oder „Asphalt“. Als jüdischer Filmemacher musste er Deutschland verlassen, konnte in Hollywood aber leider – anders als seine Entdeckung Fritz Lang – fast nur B-Filme realisieren.

Nur wenige stilbildende Regisseure des Weimarer Kinos konnten wie Gerhard Lamprecht auch nach 1933 im deutschen Film arbeiten. Der produktive Regisseur war auch einer der wichtigsten deutschen Filmhistoriker und erster Direktor der Stiftung Deutsche Kinemathek. Eine besondere Entdeckung im Werk dieses imaginativen Realisten („Emil und die Detektive“) ist das Historiendrama „Der Katzensteg“ nach Hermann Sudermann: Auch diese finstere Geschichte aus den preußisch-napoleonischen Kriegen überrascht mit einer ungewöhnlich differenzierten Frauenfigur: Gäbe es posthume Goldene Bären für die stärksten Darstellerleistungen, so hätte die heute vergessene Lissy Arna gute Chancen: Aus der Opferfigur einer Magd macht sie eindrucksvoll eine tragische Handlungsträgerin – neben den märchenhaften Wäldern das Faszinosum dieses ungemein spannenden Zweistundenfilms.

Wie so oft im Weimarer Kino fällt alles zusammen, Mystik und Realismus, Poesie und Härte. Das Wort „Traumfabrik“ ist eine Untertreibung.

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