Der Traum.
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Neu im Kino: "Körper und Seele"

Ein Traum von Hirschen

  • vonFrank Junghänel
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"Körper und Seele", das zarte Meisterwerk von Ildikó Enyedi, erzählt von der Annäherung zweier Außenseiter.

Leises Schneerieseln liegt über dem Wald, in dem zwei Hirsche durch das Unterholz streifen. Sie durchsuchen das herbstliche Laub nach Nahrung, halten inne, wittern, äsen friedlich weiter. Mit feuchten Nasen beschnuppern sich Bock und Kuh, ihr leises Schnauben erfüllt die gedämpften Klänge des Winters. Später legt der Bock zärtlich seinen Kopf auf den Rücken der Gefährtin. Es ist die Berührung zweier Wesen, deren Verbundenheit von absoluter Harmonie erfüllt zu sein scheint. Ein flüchtiger Augenblick und ein malerisches Bild, dessen Bedeutung sich dem Zuschauer bald auf wundersame Weise erschließen wird.

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi erzählt in ihrem Film „Körper und Seele“ eine Geschichte, wie sie poetischer, verstörender und ergreifender lange nicht mehr im Kino zu sehen war. Es geht um einen Mann und eine Frau, die Nähe suchen, obwohl sie Nähe scheuen, zwei einsame Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen in sich verkapselt haben.

Bei der diesjährigen Berlinale lief „Körper und Seele“ am ersten Tag des Wettbewerbs und gewann am Ende den Goldenen Bären. Selten wussten sich dabei Publikum und Kritik mit der Jury so einig. Auch beim nochmaligen Betrachten, wenn man weiß, was den beiden Liebenden bevorsteht, ehe sie sich einander zuwenden können, bewegt einen der Film zutiefst. Was nicht zuletzt im Schauplatz begründet liegt, an dem sich ihre Geschichte entfaltet.

Es ist ein Schlachthof, kein Ort, dem man ein romantisches Potenzial zubilligen würde. In der Fleischfabrik arbeiten Menschen daran, Tiere zu zerlegen. Sie handeln dabei nicht grausam, sondern lediglich effizient. In ihren dokumentarischen Szenen, die der traumhaften Eröffnung im winterlichen Wald folgen, erspart einem die Regisseurin nichts. Rinder, die soeben noch mit ihren großen, ja, traurigen Augen in die Welt blickten, werden getötet und von den Schlachtern mit professionellem Stumpfsinn entblutet, aufgebrochen und zersägt.

Ildikó Enyedis fünfter Spielfilm

In dem Budapester Kleinbetrieb arbeitet Finanzdirektor Endre (Géza Morcsányi), ein freundlicher Mann um die sechzig, der sich in sein Büro zurückgezogen hat und allenfalls zur Mittagspause seinen Kokon verlässt. Das ändert sich, als die neue Qualitätsprüferin Mária (Alexandra Borbély) in seinen Blick gerät, eine junge Frau, zierlich, blond und hübsch. Aber das ist es nicht, jedenfalls nicht nur, was seine Aufmerksamkeit erregt. Das alles hat er eigentlich hinter sich, denkt er. Doch diese Kollegin benimmt sich seltsam. Nicht nur, dass sie sich in der Kantine stets abseits hält. Sie lächelt nie, hasst Krümel auf dem Tisch und reagiert verschreckt auf jedes Wort. Am Anfang ist zu sehen, wie Mária panisch ihre Füße hinter die Schattenlinie zieht, als ihre Sandalen einen Flecken Sonne auf dem Beton berühren.

Irgendwas stimmt mit ihr nicht, so viel zeichnet sich bald ab. Mária leidet an einer Persönlichkeitsstörung, sie kann mit Gefühlen nicht umgehen, nicht mit ihren eigenen, nicht mit denen der anderen. Sie hat den Kontakt zu den Menschen nicht verloren – sie hat ihn nie gehabt. In der äußeren Ordnung sucht sie inneren Halt.

Endre spürt die Zwänge, mit denen diese Frau in ihrem Leben ringt, denn mit seinem gelähmten Arm gehört auch er zu denen, die nicht so funktionieren, wie es in einer konformistischen Welt von ihnen erwartet wird, wie sie es selbst von sich erwarten. Bei aller Freiheit der Wahl unterliegen Liebesbeziehungen heute einem Reglement, das sich immer stärker an gesellschaftlichen Normen orientiert. Empfindungen sind programmiert, sozial und medial.

Wie sich hier zwei Außenseiter behutsam nähern, wie sie aus sich heraus und zueinander finden, erst in ihren Träumen und schließlich in dem, was wir das wirkliche Leben nennen, zeugt von einer großen Menschenkenntnis der Regisseurin.

Es ist erst der fünfte Spielfilm der 61-jährigen Ildikó Enyedi, die 1989 mit ihrem Debüt „Mein 20. Jahrhundert“ beim Festival in Cannes mit dem Nachwuchspreis geehrt wurde. Danach hatte sie einige bittere Rückschläge hinnehmen müssen, viele Projekte sind gescheitert, zuletzt hat sie für den amerikanischen Kabelsender HBO an einer ungarischen Version der Serie „In Treatment“ gearbeitet, die sich um die Tätigkeit eines Psychotherapeuten dreht.

Dort mag sie Erfahrungen gesammelt haben, die ihr nun zugute kommen. Aber es ist ja nicht nur das von leiser Situationskomik durchzogene Doppelporträt zweier verletzter Seelen, das den Film unvergesslich macht. Es sind die Gesichter der beiden Hauptdarsteller, es ist Laura Marlings Lied „What He Wrote“, das für Mária eine lebenswichtige Rolle spielt. In Erinnerung bleiben die großartig fotografierten Bilder, die Ildikó Enyedi immer wieder findet, um ihre zarte Liebesgeschichte nicht nur zu erzählen, sondern sinnlich erfahrbar zu machen.

Es gibt eine hinreißende Szene, in der Mária ausprobieren möchte , wie es sich anfühlt, einen weichen, warmen Körper anzufassen. Sie schaufelt sich einen Berg Kartoffelbrei auf den Teller und greift zu, tastend zunächst und dann immer kräftiger. Ein Anfang ist gemacht.

Körper und Seele. Ungarn 2017. Regie: Ildikó Enyedi. 116 Min.

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