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Natalie Portman als Frau mit Phantasie.

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“

Die Träume und das Trauma

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Natalie Portmans feine Romanverfilmung muss man vor schlechten Kritiken in Schutz nehmen.

Es stecken viele Geschichten in Natalie Portmans Langfilm-debüt, das man vehement in Schutz nehmen muss gegen eine Flut schlechter Kritiken, die den roten Faden darin vermissten. Man hat auch schon anders von der israelischen Staatsgründung erzählt, in großen, pathetischen Massenszenen ging Otto Premingers „Exodus“ von 1960 die Sache an. In ihrer Verfilmung des autobiografischen Romans von Amos Oz rückt sie die historischen Dimensionen des geschichtlichen Hintergrunds zurecht auf menschliche Dimensionen, was keineswegs eine Verkleinerung bedeutet. Denn was gibt es Größeres als die Träume?

Der junge Amos kommt mit seinen aus der Ukraine geflohenen Eltern nach Palästina. Es gibt gleich zwei Perspektiven des Jungen auf die Geschichte, eine kindliche und eine reifere, reflektorische, die sich als Kommentar durch den Film zieht. Dreh- und Angelpunkt dieser Betrachtungen ist die eigentliche Protagonistin, seine von Portman selbst verkörperte Mutter. Das alte Europa trägt sie als einen Geschichtenschatz bei sich, den sie, erweitert um surreale Erfindungen, in herrliche Erzählungen verwandelt. Ihre farbenreich artikulierte Fantasie verwandeln Portman und der große polnische Kameramann Slawomir Idziak, der schon mit Kieslowski arbeitete, in ebensolche Bilder.

Den Strom ihrer Erfindungsgabe inszeniert Portman als Metapher für die Vielstimmigkeit eines Volkes, das sich eine neue Heimat sucht, aber auch als Gegenentwurf zur introvertierten Art, mit der ihr Ehemann, ein Schriftsteller, die stürmischen Ereignisse durchlebt. Die Tragik der Geschichte ist das Verebben dieses Stroms der Fantasie, wenn sich die mütterliche Melancholie in eine Depression verwandelt.

In diesen Augenblicken hat Portmans Film die Perspektive des Jungen besonders gut im Blick. Ohne in die Problematik von Traumaübertragung eintauchen zu müssen, macht sie doch die Belastungen des Kindes und seinen frühen Reifeprozess spürbar. All das sind mehr Perspektiven und Geschichten als für gewöhnlich in anderthalb Kinostunden passen, aber Portman hat sie so fein miteinander verwoben, dass man sich beschenkt fühlt und kein bisschen erdrückt. Nein, man könnte ein solches Kondensat aus einem literarischen Werk kaum besser machen als in diesem Stil konzentrierter Leidenschaft.

Die in Jerusalem geborene Schauspielerin, die fließend Hebräisch spricht, hat diesen Film ganz offensichtlich aus einem tiefen persönlichen Impuls geschaffen. Das sollte man eigentlich für selbstverständlich halten, doch die meisten Filme sehen anders aus. Dass sie eine komplexe Dramaturgie beherrscht und gleichzeitig noch die Hauptrolle spielt, ist weit mehr als ein Talentbeweis. Eine große Regisseurin wurde geboren.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Israel/USA 2016. Regie: Natalie Portman. 96 Min.

Der Trailer bei Youtube

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