Szene aus dem Film „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“.

Toy Story

„Toy Story“: Wenn Spielzeuge erwachsen werden

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In „A Toy Story 4“ erreicht Pixars Filmserie eine beeindruckende emotionale Tiefe – und verabschiedet sich von ihrem Erfinder John Lasseter.

Für die Geschichte der Computeranimation war Pixars „Toy Story“ im Jahre 1995 so bedeutend wie Walt Disneys „Schneewittchen“ für den Zeichentrickfilm fast sechzig Jahre vorher: In beiden Fällen war die technische Innovation gar nicht die Hauptattraktion. Worüber die Zuschauer jeweils noch mehr staunten, war die Anteilnahme, die sie den künstlichen Helden in einer artifiziellen Welt entgegenbrachten.

A Toy Story – Alles hört auf kein Kommando.USA 2019. Regie: Josh Cooley. 90 Min.

Pixar-Gründer John Lasseter, der zu Beginn seiner Karriere in Disneys Archiv der alten Zeichnungen den Fotokopierer bediente, wusste um immer dieses alte Erbe. Und so tränkte er die beiden Fortsetzungen mit noch mehr Emotionalität; genauer gesagt einer tiefen Verlustangst, von der Disneys frühe Helden „Pinocchio“ (selbst ein lebendiges Spielzeug) und „Bambi“ ein Lied singen können: Spielsachen gingen verloren und wurden wieder gefunden, kamen in neue Kinderhände oder wurden von einem bösen Sammler gekidnappt. Und sie überwand dabei manche Existenzkrise.

Nun kommt der vierte Teil ins Kino, der letzten Film, den John Lasseter noch bei Pixar lancierte und konzipierte. Als er sich im November 2017 nach bis heute kaum verifizierten Vorwürfen sexueller Belästigung aus dem Studiobetrieb zurückzog (nichts war justiziabel), hatte er bereits etwa zwei Jahre an diesem Film gearbeitet. Die Regie hatte er bereits vorher an Josh Cooley abgegeben, einen der Autoren von Pixars inhaltlich anspruchsvollstem Film, dem kindlichen Entwicklungsdrama „Alles steht Kopf“. Was wir nun zu sehen bekommen, hebt das Leitmotiv der Teile zwei und drei, die Abschiednahme von der Kindheit, auf eine weitere Ebene. Und man kann nicht anders, als auch die Geschichte des Abschieds eines Studios von seiner Vaterfigur Lasseter darin durchscheinen zu sehen.

Spielzeuge in „A Toy Story 4“ offenbaren eine komplexe Psychologie

Zunächst einmal aber ist „A Toy Story 4“ (auf deutsch hat der Film den rätselhaften Titel „Alles hört auf kein Kommando“) ein Plädoyer für Nachhaltigkeit im Kinderzimmer. In einer Zeit, in der industrielles Spielzeug manchmal keinen Geburtstag überdauert, begegnen uns die alten Helden in bester Verfassung. Ihre aktuelle Besitzerin ist die kleine Bonnie, ein kreatives Mädchen, das schon beim Orientierungstag im Kindergarten ein eigenes Spielzeug bastelt: Eine Einweggabel: Ein Pfeifenreiniger und zwei Plastikaugen reichen ihr, um einen kleinen Freund namens Forky zu erschaffen – und Woody und seine Gang als Lieblingsspielzeuge zu entthronen.

Nobel erklärt es die lebenserfahrene Cowboypuppe (im Original noch immer von Tom Hanks gesprochen) dem restlichen Spielzeug; durch welche Hölle war Woody schließlich im ersten Teil gegangen, als sich Buzz Lightyear zum Lieblingsspielzeug aufschwang?

Wie in jedem Toy-Story-Film offenbaren die Spielzeuge, kaum dass sie sich selbst überlassen sind, eine komplexe Psychologie. Bei Forky sind dies suizidale Neigungen – schließlich besteht sein Körper im Wesentlichen aus einer Einweggabel, und hält er sich für Müll. Ihn drängt es folglich in die nächste Tonne – und so muss Woody zur Rettung eilen.

Kino-Trailer: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“

In den Toy-Story-Filmen waren die Spielsachen immer so wie Eltern

Das aber ist noch lange nicht der finsterste Moment in diesem Film. In einem Anitquitätenladen machen sie die Bekanntschaft mit einer altmodischen Mädchenpuppe, die dort ein finsteres Regiment führt. Ihre Sprechfunktion ist über die Jahre kaputt gegangen, nun hat sie es auf den kleinen Plattenspieler in Woodys Stoffbauch abgesehen. Gefahr und Trost aber lauern dicht beieinander. Woody begegnet einer verlorenen Gefährtin der ersten Filme wieder, der rustikalen Schafhirtin Bo Peep. Auf sich allein gestellt, hat sie eine bemerkenswerte emanzipatorische Entwicklung durchlebt – und mit dem Credo aller „Toy Story“-Spielsachen gebrochen: Statt um jeden Preis einem Kind gehören zu wollen, gehört sie lieber sich selbst. Es dauert ein wenig, bis diese Erkenntnis auch zu Woody durchdringt: Wie ein Vater, dessen Kinder erwachsen geworden sind, wird er eine neue Lebensbestimmung finden müssen.

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Im Gespräch erklärt es Filmemacher Josh Cooley: „In den Toy-Story-Filmen waren die Spielsachen immer so wie Eltern – mit den entsprechenden Schutzgefühlen. Der dritte Teil handelte davon, dass sich Woody von Andy lösen musste, weil der ins College ging. Jetzt hat Woody das ,Empty-Nest-Syndrom‘: Was wird er nun anfangen, wenn er diese Lebensaufgabe nicht mehr hat?“

Und das wiederum bringt uns zurück zu Pixar ohne Gründervater John Lasseter. Niemand, gesteht Cooley, hatte seit anderthalb Jahren zu ihm Kontakt, der Film wurde ihm vorab nicht gezeigt. „Das war auch nicht lustig, es war schwer“, sagt Cooley. „Aber Pixar hat auch andere schwere Zeiten überstanden, das erste Mal, als Joe Ranft starb. Aber wir arbeiten dann weiter an dem, was wir tun und blicken nach vorne.“


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