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„Top Gun: Maverick“, der größte Erfolg von Tom Cruise: Nicht denken, machen!

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Top Gun: Maverick“ – Tom Cruise fliegt immer noch selbst. Foto: 2022 Paramount Pictures
„Top Gun: Maverick“ – Tom Cruise fliegt immer noch selbst. © 2022 Paramount Pictures

Mit „Top Gun: Maverick“ feiert Tom Cruise den erfolgreichsten Filmstart seiner Karriere. Bereits vor Jahren fertig gestellt, passt der Film so gut in diese Zeit, dass es auch Angst machen kann.

Mancher Filmkritiker sammelt Autogramme, ich nicht. Von Tom Cruise aber habe ich eines; er ist der einzige Star, der mir ungebeten sein Autogramm gegeben hat. Nach dem Ende einer Berliner Pressekonferenz mit Steven Spielberg zu „Minority Report“ nahm er mir mein Presseheft aus der Hand und schrieb seinen Namen darauf. Das war einerseits überraschend, passte anderseits aber auch zu meinem Bild dieses zugkräftigsten Hollywoodstars der letzten Jahrzehnte. Am Abend nahm er sich auf dem roten Teppich mehr Zeit für seine Fans als ich es je bei einem anderen Star gesehen hatte.

Robert Redford beklagte sich einmal, es sei nicht leicht, Robert Redford zu sein. Aber Tom Cruise zu sein, dachte ich in diesem Augenblick, ist wohl noch ein anderes Kaliber. Wie hart arbeitet dieser Mann in jedem Augenblick, den er in oder für die Öffentlichkeit verbringt. Immer wirkt er wie unter Strom, was ihm auf der Leinwand eine elektrisierende Präsenz verleiht, außerhalb davon aber manchmal fast manisch wirken kann. In seinen Actionfilmen riskiert er seinen Hals bei aufwendigen Stunts, und für Stanley Kubrick opferte er so viel seiner normalerweise kaum bezahlbaren Arbeitszeit, dass es der gemeinsame Film „Eyes Wide Shut“ ins Guinnessbuch gebracht hat – für die mit 46 Wochen längsten durchgehenden Dreharbeiten der Filmgeschichte.

So sehr er sich freilich an jenem Tag in Berlin um die Presse bemühte – am nächsten Tag sollte doch in einem Großteil der Artikel das eine Wort stehen, nach dem er nicht gefragt werden wollte: Scientology.

Beim großen Werkstattgespräch, das jetzt in Cannes der Europapremiere von „Top Gun: Maverick“ vorausging, waren vielleicht aus Vorsicht gar keine Publikumsfragen zugelassen. Ausführlich erzählte Cruise stattdessen von seiner Lust, überall auf der Welt sein Publikum auf roten Teppichen kennenzulernen. Ja, er rühmte sich sogar, Hollywood überhaupt erst auf die Idee mit den internationalen Premieren-Events gebracht zu haben – beim ersten „Top Gun“: „Ich kannte Fotos von den glamourösen Hollywoodpremieren im Chinese Theatre oder aus Cannes und hatte die Idee, dass man das exportieren kann, indem man überall vor den Kinos rote Teppiche auslegt. Ich bestand fortan darauf, nur noch bei Filmen mitzumachen, wenn ich mit ihnen um die Welt reisen konnte und mit den Menschen reden.“

„Top Gun: Maverick“, das ist eine Woche nach dem Start sicher, wird auch ohne ausgedehnte Tournee ein Welterfolg. Es sind Einspielergebnisse, wie man sie auch vor der Pandemie selten hörte: Bis zum Sonntag waren weltweit 248 Millionen Dollar in der Kasse gegenüber Herstellungskosten von 170 Millionen. Für den 59-Jährigen ist es der erfolgreichste Filmstart seiner bisherigen Karriere. In Hollywood analysiert man die Gründe umso interessierter, als die üblichen Verdächtigen nicht dazu zählen: Es gibt keine Superhelden, Monster oder Laserschwerter und nicht einmal ein Übermaß an Computereffekten – Tom Cruise fliegt immer noch selbst. Nostalgie dürfte durchaus ein Faktor sein, aber das erklärt höchstens, warum die nach der Pandemie besonders häuslich gewordenen älteren Jahrgänge ins Kino gehen.

In einer Umfrage des Branchenmagazins „Variety“ rühmen die meisten Befragten ausgerechnet eine Qualität, die, wie es scheint, bei manchem Marvel-Hit eine zu vernachlässigende Größe war: ein gutes Drehbuch.

Aber ist es das wirklich? „Top Gun: Maverick“ ist ein schnörkelloser und windschnittiger Film, und sicher verdankt er das auch seinem Drehbuch. Aber die Geschichte spendiert keiner der Figuren ein Übermaß an Charakterzeichnung, und nur wer mit dem ersten Film verbunden ist, hat eine Vorgeschichte oder ein Leben außerhalb des Militärdiensts. Kelly McGillis, die als Ausbilderin und Freundin des Helden im ersten Film die weibliche Hauptrolle spielte, wurde übrigens von den Produzenten nicht einmal angerufen.

„Das würden sie auch niemals tun“, erklärte sie der US-amerikanischen Website „ET“: „Ich bin alt, und ich bin dick, und ich sehe altersgemäß aus. Und das ist nicht, worum es in dem ganzen Ding geht. Aber ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut. Ich werde jetzt weder ins Kino rennen, um den Film zu sehen, noch werde ich wegrennen, um ihn nicht zu sehen. Es ist einfach nichts, das auf meiner kleinen Liste wichtiger Dinge steht.“

Wahrscheinlich sind es gerade die Auslassungen im Drehbuch, die diesen Film so effektvoll machen – aber auch immer wieder problematisch. Das Land, gegen das gekämpft werden soll, hat keinen Namen. Und der eine, wie eine Parole inszenierte Satz im Dialog von Cruise’ Maverick lässt sich geradezu als Denkverbot verstehen: „Don’t think, just do.“ Das hatte sein junger Pilot im ersten Film noch etwas anders formuliert: „Da oben hast du keine Zeit zu denken; wenn du denkst, bist du tot.“

Die Geschichte der Rückkehr des hochbegabten, aber wegen seiner Sturheit lediglich zum Leutnant aufgestiegenen Maverick an seine alte Flugschule ist denkbar simpel: In der Ära der Drohnen, die scheinbar alles besser können, fliegt der Testpilot gegen alle Anweisung wie der Teufel. So beweist er, was in der scheinbar obsoleten Technik steckt – doch zu viel Eigensinn hat man beim Militär noch nie ertragen. Das kennt man schon aus John Fords Kavallerie-Western. Die Berufung zum Ausbilder an seiner alten Schule ist eine Strafversetzung, nur knapp entgeht er der unehrenhaften Entlassung.

Man kann nicht anders, als bei diesem Plädoyer für alte Technologien auch an das Schicksal dieses Films zu denken, der drei Jahre auf Halde lag, bis die Kinos wieder öffnen. Amazon und Netflix rieben sich bereits die Hände. „Ich kann Ihnen versichern, dass nie und niemals daran gedacht war, ihn online herauszubringen“, beteuerte Cruise in Cannes und erntete dafür den Beifall der Cinephilen. Andererseits: Was ist das für eine Technik, die hier in den imposantesten Flugaufnahmen seit dem legendären Stummfilmklassiker „Wings“ von 1929 zu bewundern ist?

Es ist eben jene Kriegsmaschinerie, für deren Aufrüstung sich heute sogar in Deutschland überwältigende Mehrheiten finden lassen. 1986, als Schüler, hätte ich mir den vom Pentagon unterstützten „Top Gun“ jedenfalls nie angesehen. Schließlich wurden zur selben Zeit erst die Pershing-II-Raketen aufgestellt, gegen die ich zuvor mit Hunderttausenden demonstriert hatte.

Vom damaligen Gegenwind ist heute nichts mehr zu spüren. In den USA, wo „Top Gun: Maverick“ laut der Website Rotten Tomatoes in 97 Prozent der Kritiken und von 99 Prozent der Nutzer und Nutzerinnen gelobt wurde, hört man allerdings auch warnende Stimmen. Der Filmkritiker Ty Burr schreibt unter dem Eindruck des jüngsten Schulmassakers: „Was mich aufregt an einem Film wie ,Top Gun: Maverick‘ ist nicht, was er zeigt, sondern was er auslässt. Die menschlichen Kosten von Krieg und Gewalt … Was werden diese Mavericks tun, auch wenn es nur einer ist, wenn die echte Welt nicht mehr zum Drehbuch in ihren Köpfen passt?“

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