Toni Kroos: Weltmeister 2014, viermaliger Champions-League-Sieger.
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Toni Kroos: Weltmeister 2014, viermaliger Champions-League-Sieger.

„Kroos“, arte

arte Doku: Toni Kroos - der verkannte Weltstar von Real Madrid

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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  • Toni Kroos gilt hierzulande als „verkanntes Genie“
  • Viele halten den Superstar von Real Madrid für unnahbar
  • Der Fernsehsender arte widmet Toni Kroos eine Dokumentation

Der Dokumentarfilm ist eine sehenswerte Verbeugung vor dem großen Mittelfeldstrategen.

Nach Ansicht der Experten ist Toni Kroos ein verkanntes Genie; zumindest hierzulande. Der Fußballer musste erst nach Madrid wechseln, um die gebührende Wertschätzung als einer der besten Mittelfeldstrategen der Welt zu erfahren. Bei Real hat er die Rückennummer 8, und der Film „Kroos“ macht sich einen Spaß daraus, die beiden „O“ im Titel zu einer 8 zusammenzuziehen. Diese Form der subtilen Hommage ist typisch für Haltung, mit der das fast 120 Minuten lange Porträt konzipiert worden ist: Kroos schätzt seine Bedeutung für das Spiel von Real wie auch der deutschen Nationalmannschaft vermutlich genauso ein wie die Experten; öffentlich aussprechen würde er das jedoch nie.

„Kroos“ (arte): Weggefährten kommen zu Wort

Spiritus rector hinter „Kroos“ ist Leopold Hoesch, der mit „Klitschko“ (2011) und „Nowitzki. Der perfekte Wurf“ (2014) bereits zwei ganz ähnlich strukturierte Porträts produziert hat. Als klassische Dokumentarfilme kommen die Werke ohne jeden Kommentar aus. Stattdessen setzt sich das Bild nach und nach wie ein Puzzle zusammen, und so sieht auch die Dramaturgie aus: Gerade noch schwärmte Real-Trainer Zinédine Zidane von den Qualitäten des Taktgebers, dann erzählen im fernen Greifswald die Großeltern von früher. Angehörige und Weggefährten des zumindest nach Titeln erfolgreichsten deutschen Fußballers (vierfacher Champions-League-Sieger und Weltmeister) kommen ohnehin viel öfter zu Wort als er selbst. Regisseur Manfred Oldenburg versichert, Kroos habe keine Tabus vorgegeben, aber der Kicker aus Vorpommern ist nicht gerade dafür bekannt, allzu freigiebige Einblicke in sein Seelenleben zu gewähren. Daran hat auch das vertrauensvolle Verhältnis zu den Filmemachern nicht viel geändert, selbst wenn Kroos dem Kamera-Team bereitwillig Tür und Tor geöffnet hat. Er spricht zwar gerade im Dialog mit Bruder Felix sogar mal über Gefühle, bleibt dabei aber stets kontrolliert und distanziert. Weil das auch für seinen rationalen Spielstil gilt, haben ihn die Fans in Deutschland nie geliebt. Franz Beckenbauer ist es einst genauso ergangen; Fußball muss hierzulande immer auch nach Arbeit aussehen.

Dokumentation „Kroos“ auf arte: Rund dreißig Interviews mit dem Fußballer

Oldenburg hat den Star eineinhalb Jahre lang begleitet und außerdem rund dreißig Interviews geführt. Kroos’ Eltern sprechen über die Vergangenheit, Ehefrau Jessica über die Gegenwart, alle anderen über Fußball. Selbst wenn Uli Hoeneß dem einstigen Bayern-Star immer noch gram ist, weil der beim verlorenen „Finale dahoam“ 2012 nicht zum Elfmeterschießen angetreten ist: Niemand verliert auch nur andeutungsweise ein böses Wort über Toni Kroos. Der wiederum rechnet kurz mit Jürgen Klinsmann ab, der während seiner unrühmlichen Bayern-Episode das Talent des damals noch jungen Kickers verkannt hat, aber der Rest sind Elogen: von seinem fußballerischen Ziehvater Jupp Heynckes und von Pep Guardiola, von seinen Mitspielern bei Real Madrid, von seinen Beratern, von Sportjournalisten – und von Robbie Williams. Warum der Sänger zu Wort kommt, bleibt bis zum Schluss offen, aber er stört auch nicht weiter.

Fokus auf die WM 2014

Sicherlich hätten Hoesch und Oldenburg gern noch ein paar Ruhmestaten von der WM 2018 gezeigt, und was wäre das für ein Filmfinale geworden, wenn Kroos’ Freistoßtor zum 2:1 über Schweden das Endspiel entschieden hätte; so bleibt der fulminante Treffer ebenso wie das ganze Turnier bloß eine filmische Fußnote. Die WM in Brasilien bekommt naturgemäß einen deutlich größeren Stellenwert, auch wenn Oldenberg die Bilder aus unerfindlichen Gründen mit den Kommentaren der Hörfunkreporter unterlegt; deren Geschrei klingt gerade angesichts des ansonsten sehr sachlichen Tonfalls des Films reichlich deplatziert. Ungleich beredter ist eine Aufnahme, auf der Kroos gar nicht zu sehen ist. Es zeigt die deutsche Elf nach dem WM-Sieg im Umkleideraum mit Kanzlerin und Bundespräsident, alle strahlen und jubeln. Und wo ist Kroos? Der sitzt am Rand auf einer Bank und zieht sich die Schuhe aus.

Zur Sendung: „Kroos" (arte)

Sendetermin: 31. August 2020, Arte, 20.15 Uhr. Die Sendung in der Mediathek.

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