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„Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer - 2. Teil“: Tom (Roland Demongeot) und Huck (Marc di Napoli) wühlen kniend in einem Raum den Boden auf.
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Nicht ganz geheuer ist es Tom (Roland Demongeot, l.) und Huck (Marc di Napoli) bei ihrem nächtlichen Abenteuer. Sie sind in die Scheune neben Muff Potters Gefängnis eingedrungen und suchen im Schein einer Laterne den günstigsten Platz für einen Durchbruch in den Nebenraum.

3sat zeigt ZDF-Vierteiler

„Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“: Politisch inkorrekt für Gleichberechtigung und Freiheit

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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3sat zeigt am 3. Januar 2022 ungekürzt den legendären ZDF-Vierteiler „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“.

Wussten Sie, dass der Mississippi durch Rumänien fließt? Wenn Sie den legendären ZDF-Vierteiler „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ (Originaltitel „Les Aventures de Tom Sawyer“) aus dem Jahr 1968 heute (03.01.2022) in 3sat wiederentdecken, werden Sie nämlich eines Besseren belehrt. Gedreht wurde wegen der relativ geringen Kosten im Donaudelta, das Drehbuchautor und Co-Produzent Walter Ulbrich (15. Juni 1910 in Metz bis 13. November 1991 in Unterpfaffenhofen) „viel ursprünglicher“ fand als die Originallandschaft, sowie in vier Studios nahe Bukarest.

Der filmische Trick ging voll auf: Bis heute wirkt die kongeniale Adaption der wohl berühmtesten Romane von Mark Twain (eigentlich Samuel Langhorne Clemens, 30. November 1835 in Florida, Missouri bis 21. April 1910 in Redding, Connecticut), „Tom Sawyers Abenteuer und Streiche“ (1876) und „Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn“ (1884, deutsche Ausgabe: 1890), die durch den Band „Leben auf dem Mississippi“ (1883) ergänzt werden, amerikanischer als alle 20 (US)-Versionen seit 1917 zusammen. 

3sat zeigt legendären ZDF-Vierteiler „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“

Das hat mehrere Gründe: Unter der umsichtigen Regie von Wolfgang Liebeneiner (6. Oktober 1905 in Liebau, Provinz Schlesien - 28. November 1987 in Wien), der einst selbst Schauspieler („Liebelei“, 1933) war, aber auch die nationalsozialistischen Propagandastreifen „Bismarck“ (1940), „Ich klage an“ (1941), „Die Entlassung“ (1942) und „Das Leben geht weiter“ (1945) inszenierte, behielten die beiden jugendlichen Darsteller der Titelrollen - Roland Demongeot als Tom und Marc di Napoli als Huck - ihre Unbekümmertheit.

Nach seiner Entnazifizierung - die britischen Besatzungsbehörden stuften ihn als „unbedenklich“ ein, weil er durch Aussagen jüdischer Mitarbeiter entlastet wurde, die bestätigten, er habe ihnen still und diskret geholfen - gelang ihm mit „Liebe 47“ nach Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ ein erstes Nachkriegs-Meisterwerk.

Dass er mit jungen Schauspielern besonders gut zusammenarbeiten konnte, hatte er er zwei Jahre vor „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ bereits mit seiner wundervollen, ebenfalls vierteiligen Version von Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ (alle vier Folgen am 4. Januar in 3sat) unter Beweis gestellt, wo er den 21-jährigen Michael Ande als Jim Hawkins zu einer absolut authentisch wirkenden Glanzleistung führte.

Auch bei diesem TV-Klassiker war Walter Ulbrich, seit „Die seltsamen und einzigartigen Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, berichtet von ihm selbst“ (1964) „Vater der Adventsvierteiler“ genannt, Drehbuchautor und mit seiner DEROPA Film- und Fernseh GmBH (später Tele München) Co-Produzent. Geschäftspartner war der in Rumänien geborene Henri Deutschmeister (21. Mai 1902 als Heinrich Fritz Deutschmeister in Brăila - 20. Februar 1969 in Paris) mit Franco London Film.

Tante Polly (Lina Carstens) glaubt, den vielen Streichen ihres Zöglings Tom (Roland Demongeot) mit besonderer Strenge begegnen zu müssen.

Letzterer hatte eine untrügliche Nase für Trends und Kassenhits. Deutschmeister verpflichtete nahezu sämtliche Stars des französischen Unterhaltungsfilms der 1950er und frühen 1960er Jahre, darunter Jean Gabin, Brigitte Bardot, Gérard Philipe, Louis de Funès und Bourvil. Er produzierte aber auch anspruchsvolle Werke wie René Clairs Faust-Variante „Der Pakt mit dem Teufel“ (1950) und André Cayattes Werbefilm für die deutsch-französische Völkerverständigung, „Jenseits des Rheins“ (1960), mit Charles Aznavour und Cordula Trantow. Was sollte also bei „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ schiefgehen?

„Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“: 344 spannende (Film-)Minuten

Die akribische Vorbereitung nahm fast Stanley Kubricks Auswahlverfahren des aus 5000 Kindern rekrutierten Danny Lloyd im Horror-Klassiker „Shining“ (1980) vorweg: Der zwölfjährige Roland Demongeot (deutsche Synchronisation: Conny Thomas) stach beim Casting für die Rolle des Tom Sawyers immerhin über 150 andere Bewerber aus. Er agiert als echter Lausbub - intelligent, aber faul, romantisch, aber frech.

Diebisch freut er sich, wenn er den Gartenzaun seiner Tante Polly (Lina Carstens) von den anderen Jungen des Städtchens am Mississippi in Missouri oberhalb St. Louis streichen lässt und sich dafür noch bezahlen lässt, weil er ihnen suggeriert, das es nichts Schöneres auf der Welt gibt, als an einem arbeitsfreien Sonntag freiwillig eben diesen Gartenzaun zu streichen. In unschuldiger, aber dennoch leidenschaftlicher Liebe ist er seiner Mitschülerin Becky Thatcher (Lucia Ocrain, die drei Jahre später in „Der Seewolf“ Humphrey van Weydens kleine Schwester Bessy spielte) zugeneigt.

Manchmal packt ihn aber die Abenteuerlust und dann zieht er mit Huckleberry Finn los: Dieser wird vom französischen Teenieschwarm der Swinging Sixties Marc di Napoli (deutsche Synchronstimme: Thomas Margulies) verkörpert. Als ewiger Herumtreiber, lässt sich der vierzehn Jahre alte Junge, der feste Zeiteinteilung und ordentliche Kleidung hasst, in kein Schema pressen. Er schläft wie einst der antike griechische Philosoph Diogenes in einem Fass und erwehrt sich der Fürsorge der Witwe Douglas (Marcella Russu).

Gemeinsam erleben die beiden in 344 (Film-)Minuten so viel wie andere in ihrer ganzen Jugend nicht: Sie befreien den unschuldig einsitzenden Dorfschreiner Muff Potter (Otto Ambros) aus dem Gefängnis und entlarven Indianer-Joe (Jacques Bilodeau) als Mörder. Später finden sie den Schatz des geflüchteten Verbrechers, der in einem Höhlen-Labyrinth umkommt, indem das bei einem Schulausflug sich verirrende Pärchen Tom und Becky nur knapp selbst dem Tode entrinnt, und werden reich. Huck lässt sich schließlich doch von der Witwe Douglas adoptieren und zieht bei ihr ein.

Dem gepflegten Leben überdrüssig, flüchtet er im vierten Teil, der dem Jugendbuch-Klassiker „Die Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn“ (für Ernest Hemingway „das Schlüsselwerk der US-Literatur“) entlehnt ist, jedoch gemeinsam mit dem Sklaven Jim (Serge Nubret) auf einem Floß. Dadurch trennen sich die Wege von Huck und Tom. Ganz im Gegensatz zum Roman, wo sich die beiden Freunde am Ende noch einmal treffen, wird die Geschichte nicht aus der Perspektive von Huck erzählt, sondern vom Erzähler Ernst Fritz Fürbringer, der auch den Off-Kommentar in den drei Episoden zuvor spricht.

RolleDarsteller:in
Tom SawyerRoland Demongeot
Huckleberry FinnMarc di Napoli
Tante PollyLina Carstens
Muff PotterOtto Ambros
JimSerge Nubret

Huck(leberry) Finn gab es wirklich. Er hieß Tom (sic!) Blankenship, wurde 1839, geboren und wuchs gemeinsam mit dem vier Jahre älteren Samuel Langhorne Clemens (alias Mark Twain!) in Hannibal, Missouri auf. Beide Familien wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Mark Twain charakterisierte ihn in „Meine geheime Autobiographie“ (1906) so: „In Huckleberry Finn habe ich Tom Blankenship genau so gezeichnet, wie er war. Er war unwissend, ungewaschen und unzureichend ernährt, er hatte aber ein so gutes Herz wie nur irgendjemand. Seine Freiheit war schrankenlos. Er war der einzige wirklich unabhängige Mensch in der Gemeinde – ob Knabe oder Mann; folglich war er gelassen ohne Unterlass und wurde von uns anderen beneidet. Wir mochten ihn; wir genossen seine Gesellschaft. Und da uns der Umgang mit ihm von unseren Eltern verboten war, verdrei- oder vervierfachte das den Wert, und so suchten wir seine Gesellschaft häufiger als die jedes anderen Jungen.“ 

Über seinen weiteren Lebensweg wusste der Schriftsteller aber so gut wie nichts, denn die beiden Freunde verloren sich tatsächlich aus den Augen. Der wahre Huck soll später als Friedensrichter in den Indianergebieten von Oklahoma und Montana gedient haben, andere Quellen besagen, dass er bei einer der Cholera-Epidemien, die den Mississippi hinaufschwappten, umgekommen sei.

ZDF-Vierteiler „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ ist stimmig besetzt

Roland Demongeot, der heute von der Öffentlichkeit zurückgezogen lebt, und der mittlerweile gefeierte Maler Marc di Napoli, der noch in Claude Chabrols Thriller „Das Biest muss sterben“ (1969) als Philippe Decourt und in dem Jules-Verne-Vierteiler „Zwei Jahre Ferien“ (1974) als Doniphan Weldon überzeugte, waren seinerzeit echte „Bravo“-Stars. Homestorys in der Teenie-Postille hielten die Leserschaft genauso in Atem wie ihre TV-Abenteuer, die nur ein Jahr nach der Fernsehausstrahlung vom 1. bis 22. Dezember 1968 im ZDF wiederholt wurden, was seinerzeit äußerst selten war.

Bis in die kleinste Nebenrolle ist der Vierteiler, der ausgezeichnete zeitgenössische Kritiken und den Perla-Fernsehpreis in Mailand erhielt, stimmig besetzt: Die strenge, aber herzensgute Tante Polly, bei der Tom mit seinem strebsamen Bruder Sid (Robert Hecker) lebt, findet in der unvergessenen Lina Carstens, welche 1962 zusammen mit Schauspieler-Genie Oskar Werner als Titelfigur „Raskolnikoff“ im gleichnamigen Rundfunkspiel von Leopold Ahlsen als wucherische Pfandleiherin Aljona Iwanowna Hörspiel-Geschichte schrieb, ihre Idealverkörperung. Und Jack Bilodeau wirkt als Antagonist Indianer-Joe mit seiner abgebrühten Art viel gefährlicher als der chargierende Benno Fürrmann in Hermine Huntgeburths geglätteter Neuverfilmung „Tom Sawyer“ anno 2011.

Zum Faszinosum trägt auch die Filmmusik des rumänisch-französischen Komponisten Vladimir Cosma („Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“, 1972; „Schach dem Roboter“, 1976; „La Boum - Die Fete“, 1980) bei: Dem heute 81-jährigen gelang als Twen mit „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ der Durchbruch. Der skurril-komödiantischen Titelmusik steht das mit seinen gestopften Trompeten und zu Herzen gehenden Streichern sehnsuchtsvolle „Mississippi-Heckraddampfer“-Thema „Die Paul Jones“ gegenüber. Neben zwei EPs mit den besten Stücken durfte Roland Demongeot auf einer CBS-Single („Tom Sawyer“/“La fête au pays“) die Hauptmelodie einsingen. 1975 wurde dann Vladimir Cosma mit dem ebenfalls sehr erfolgreichen Soundtrack zum Jules-Verne-Fernseh-Vierteiler „Michael Strogoff (Der Kurier des Zaren“, mit Raimund Harmstorf) beauftragt. „Die Abenteuer des David Balfour“ (1978) und der letzte klassische ZDF-Abenteuer-Vierteiler „Der Mann von Suez“ (1983) wurden durch ihn ebenfalls musikalisch veredelt.

„Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“

Vier Teile, Montag, 3. Januar 2022, 3sat, ab 11.40 Uhr

ZDF-Vierteiler „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“: Satirische Schärfe bleibt erhalten

Die satirische Schärfe von Mark Twain ist durch den Off-Kommentar von Ernst Fritz Fürbringer bei „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ erhalten geblieben. Der alltägliche Rassismus dem die „People of Color“, also die Ureinwohner und die Afroamerikaner, im sogenannten „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ausgesetzt waren (und leider immer noch sind), durchschauen wie bei ihrem Schöpfer auch seine Protagonisten Tom und Huck im vierteiligen Film. Sie halten der Heuchelei und Verlogenheit der herrschenden Verhältnisse durch ihr Herumstreunen und der Befreiung des Sklaven Jim einen Spiegel vor: Sie verkörpern das neue, freiere Amerika.

1968 in Zeiten, wo Political Correctness tatsächlich noch ein Fremdwort war, aber Studentenunruhen weltweit, vor allem in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland, für Furore sorgten, wurden Afro-Amerikaner noch als „Neger“ bezeichnet. Vorlage wie Fernsehserie liefern allerdings eine detailreiche Beschreibung der Menschen und Orte an den Ufern des Mississippi und geben ernüchternde und bissige Einblicke in die fest verwurzelten Verhaltensweisen dieser Zeit. Mark Twains Bücher werden bisweilen selbst als rassistisch missverstanden, weil Jim in ihnen durchweg als „Nigger“ bezeichnet wird. Dem Fernsehklassiker, der sich für Abolition und Gleichberechtigung einsetzt, dieses negative Prädikat ebenso zu verleihen, wäre unfair. Dann müsste man auch die Filme von Quentin Tarantino - „Django Unchained“ (2012) und „The Hateful 8“ (2015), wo das „N“-Wort immer wieder auftaucht, als rassistisch bezeichnen. Neben Ruth Scheerbarths sechsteiligem Ariola-„m-Records“-Hörspiel aus den 1970er Jahren mit Claus Biederstaedt als Erzähler, Viktor Schneider als Tom und Mathias Einert als Huck ist keine Interpretation dem Original Twains so werkgetreu nah gekommen wie das TV-Event „made in Romania, France & Germany“.

Ein Vorschlag zum Ende: Nachdem kurz vor Weihnachten die gelungene achtteilige Neuverfilmung von Jules Vernes Bestseller „In 80 Tagen um die Welt“ im ZDF gelaufen ist, könnte der Sender , der mit der European Alliance eine eine Co-Produktionsschmiede ins Leben gerufen hat, vielleicht einmal über eine Adaption der eher unbekannten satirischen Roman-Fortsetzungen „Tom Sawyer im Ausland“ (1894) und „Tom Sawyer als Detektiv“ (1896) nachdenken. Humorvoll-anspruchsvolle Fernsehunterhaltung für Groß und Klein sollte es doch nicht nur 1968, sondern auch 2022 geben … (Marc Hairapetian)

Unser Autor Marc Hairapetian hat das Kapitel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ über die Hörspiel-Adaptionen der Abenteuer-Vierteiler im ZDF in der zweiten Auflage des Bildbandes „Seewolf und Co.“ (Oliver Kellner/Ulf Marek, Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 2005, Euro 29.80) verfasst.

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