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Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) und Johanna Leonberger (Helena Zengel). Foto: Bruce W. Talamon/Universal/Netflix
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Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) und Johanna Leonberger (Helena Zengel).

„Neues aus der Welt“

Tom Hanks und Helena Zengel in „Neues aus der Welt“: Zwei ritten zusammen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Tom Hanks und das deutsche Nachwuchstalent Helena Zengel sind das Ereignis im Western „Neues aus der Welt“ – zu sehen bei Netflix.

Schlechte Nachrichten reisen schnell, weiß ein englisches Sprichwort. Auch im amerikanischen Westen des Jahres 1870 mag das bereits gegolten haben, wenngleich sie mitunter auf anderen Wegen unterwegs waren. Ein ehemaliger Captain der konföderierten Streitkräfte und früherer Zeitungsdrucker reitet in dem Western „Neues aus der Welt“, „News of the World“, von Ort zu Ort, um den vielfach leseunkundigen Leuten die neuesten Nachrichten vorzutragen.

Anders als man es vielleicht in einer so rauen Gegend erwarten kann, sind allerdings üble Räuberpistolen weniger gefragt als die guten Nachrichten. Wann immer es Captain Kidd gelingt, etwa der tragischen Meldung von einem Grubenunglück eine heroische Rettungsgeschichte folgen zu lassen, geht ein Aufatmen durch den Saloon, in dem er gastiert. Aber machen wir uns nichts vor: Spätestens vor der Tür nimmt man sich besser in acht vor den bösen Jungs mit den Pistolen.

Tom Hanks ist im heutigen Hollywood vielleicht der einzig legitime Nachfolger des großen James Stewart. Man kann sich gut vorstellen, dass dieser Schauspieler, der wie kein anderer Tapferkeit mit Schüchternheit verbinden konnte, auch Captain Kidd gespielt hätte. Vermutlich hat schon die Autorin der literarischen Vorlage, Paulette Jiles, an einen berühmten John-Ford-Western mit Stewart gedacht. Am Ende von „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ muss sich dieser als Zeitungsmann belehren lassen: „Dies ist der Westen. Wenn die Legende zur Tatsache wird, drucken Sie die Legende.“

Vor allem aber haben Jiles und Regisseur Paul Greengrass noch einen anderen John-Ford-Film im Hinterkopf gehabt. In „Der schwarze Falke“, besser bekannt als „The Searchers“, wird ein von Comanchen geraubtes Mädchens zurück zu einer Siedlerfamilie gebracht. Diesmal geht es um die Überführung eines von Kiowa verschleppten Mädchens, das eine Armee-Patrouille aufgelesen hat, nachdem sie offenbar auch ihre zweite Familie ausgelöscht hat. Widerstrebend willigt Kidd ein, das traumatisierte Mädchen, das außer ein paar Brocken Deutsch nur Kiowa spricht, zu Verwandten zu bringen, die 400 Meilen entfernt leben.

Bis heute verstört Fords Meisterwerk durch seine ambivalente Darstellung von Rassismus und Trauma, Paul Grengrass macht sich seine Sache deutlich leichter. Obwohl er mit der durch „Systemsprenger“ berühmt gewordenen Helena Zengel die ideale Darstellerin gefunden hat, wird ihre Traumatisierung nicht wirklich zum Thema. Über weite Strecken erinnert die episodische Geschichte eher an Mowglis Rückkehr zur Menschensiedlung unter der Obhut von Baghira dem Panther. Das macht „Neues aus der Welt“ noch lange nicht zu einem schlechten Film – nur zu einem weniger anspruchsvollen Western.

Besonders schade ist es um die Kameraarbeit, die unentschlossen zwischen wackelnden Handaufnahmen und John-Ford-artigen Rahmungen changiert und sich auch vor sinnlosen Flugaufnahmen nicht scheut. Anderseits inszeniert Greengrass die konventionelle Episode einer Schießerei mit Menschenräubern, die es auf das Mädchen abgesehen haben, höchst effektvoll. Das ist der Zeitpunkt in der Mitte des Films, wo man möglicherweise die Erwartung aufgibt, dass es sich hier um einen psychologischen „Edelwestern“ handelt – und dann mehr als zufrieden ist, vielleicht etwas in der Art von Budd Boetticher zu bekommen.

Das Zusammenspiel von Tom Hanks und Helena Zengel entschädigt für die fehlenden visuellen Qualitäten – und dazu eine merkwürdige Mischung aus historischem Realismus und fast grotesker irrealer Überhöhung. So imponiert die realistische Darstellung der notleidenden Landbevölkerung – man wünscht sich fast, einmal Edgar Reitz einen Western über die zweite Heimat deutscher Immigranten in Texas drehen zu sehen. Anderseits fehlt eine entsprechend nuancierte Zeichnung der indigenen amerikanischen Bevölkerung. Einmal taucht eine Gruppe von Kiowa aus einer Staubwolke auf, schenkt dem Mädchen ein Pferd und verschwindet dann wieder in der malerischen Erhabenheit einer Nachstellung der berühmten Edward-S.-Curtis-Fotografie „The Vanishing Race“.

Auch das mag zugleich eine Hommage an John Ford sein, der dieses Bild für sein Spätwerk „Cheyenne Autumn“ nachstellte. Aber wie auch immer, seit hundert Jahren ist jeder Western auch das Zitat eines anderen. Es ist schön, einmal wieder ein veritables Exemplar der Gattung zu sehen, auch wenn diese Begegnung auf Netflix selbst die Beute eines Eroberungsfeldzuges ist: Die Universal-Produktion konnte wegen der Corona-Krise nicht ins Kino kommen. Netflix schlug zu und schmückt sich mit einer weiteren Filmpremiere.

Neues aus der Welt. USA 2021. Regie: Paul Greengrass. 119 Min. Läuft auf Netflix.

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