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„Tod und Spiele – München ’72“ (ARD): Schwarzer September

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Von: Tilmann P. Gangloff

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Tod und Spiele - München ‚72
Am 5. September 1972 nimmt eine Gruppe von Palästinensern elf israelische Sportler als Geiseln. © ARD/rbb/Everett/Shutterstock

Die bedrückende Doku-Reihe schildert die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von München abwechselnd aus der Sicht der Täter und der Opfer.

Frankfurt – 27 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte sich die Bundesrepublik Deutschland während der Olympischen Spiele 1972 in München von ihrer schönsten Seite zu zeigen. Als ein palästinensisches Terrorkommando elf Israelis ermordete, platzte der Traum wie eine Seifenblase. Zum fünfzigsten Jahrestag am 5. September befassen sich diverse Artikel, Bücher und Dokumentationen mit dem Thema. Meist geht es dabei auch um die westdeutsche Aufbruchstimmung der frühen Siebziger. Selbst ohne den Anschlag, der als Geburtsstunde des internationalen Terrorismus gilt, hätten die Spiele der XX. Olympiade einen Wendepunkt markiert: Die DDR trat erstmals mit eigenem Team und eigener Hymne an, Ost und West missbrauchten den Sport fortan als Schauplatz für den Kalten Krieg, das IOC entdeckte Olympia als Goldgrube, und zum ersten Mal in der Geschichte der Wettkämpfe wurde eine Goldmedaille wegen Dopings aberkannt.

„Tod und Spiele - München ’72“ (ARD): Der Sport spielt eine Nebenrolle

All’ das wird in „Tod und Spiele“ allenfalls am Rande erwähnt. Bence Máté und Lucio Mollica konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf den Tag des Terrors sowie seine Vor- und Nachgeschichte. Zwar kommen auch deutsche Beteiligte zu Wort, doch der Sport spielt nur eine Nebenrolle. Zentrale Figuren sind die Überlebenden sowie die Angehörigen der Opfer, und zwar auf beiden Seiten. Das macht den Dokumentarfilm besonders bedrückend: Die Mörder zeigen keinerlei Reue. Er sei stolz auf das, was er getan habe, sagt einer der Geiselnehmer. Das Autorenduo – der Ungar Mátá ist Nahost-Experte, der Italiener Mollica ein angesehener Filmemacher – hat auf jede Form des Kommentars verzichtet, weshalb die Aussagen unwidersprochen bleiben.

Damit bewegt sich die federführend von RBB und SWR verantwortete deutsch-französische Koproduktion naturgemäß auf dünnem Eis. Da Máté und Mollica auch die Gründung des Staates Israel nach dem Zweiten Weltkrieg und somit die Geschichte des Nahen Ostens erzählen, wecken sie womöglich mindestens Verständnis, wenn nicht gar Sympathie für die Sache der Palästinenser: weil sie nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern eine Stimme geben.

„Tod und Spiele - München ’72“ (ARD): Spannend wie ein Thriller

Demgegenüber stehen die Betroffenheit der Überlebenden sowie das Leid der Hinterbliebenen. Würde sich das Prädikat in diesem Zusammenhang aus Gründen der Pietät nicht verbieten, wäre „Tod und Spiele“ spannend wie ein Thriller, zumal gerade die männlichen Zeitzeugen ihre Erinnerungen auf fesselnde Weise schildern. Als Illustration dienen zeitgenössische Aufnahmen, Ausschnitte aus Nachrichten- und Sondersendungen sowie damalige Interviews, aber das Herzstück von „Tod und Spiele“ sind die heutigen Erzählungen. Der Geher Shaul Ladany war als Kind im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Die Zeitungen schrieben nach dem Überfall, er habe den Holocaust überlebt, um dann bei seiner Rückkehr 27 Jahre doch noch in Deutschland zu sterben; zum Glück eine Falschmeldung. Der Sportschütze Zelig Shtorch hatte den Anführer der Terroristen gar im Visier und fragt sich noch heute, ob sich die Ereignisse an jenem 5. September anders entwickelt hätten, wenn er abgedrückt hätte. Er hat es nicht getan, weil er vermutete: Das wäre der sichere Tod für seine Kameraden gewesen.

„Tod und Spiele - München ’72“ (ARD): Eindrucksvoller Facettenreichtum

Bei allem Verständnis für die mutmaßliche Freude der Autoren über ihren Coup, zwei der Palästinenser erstmals vor eine Kamera zu bekommen: Deren Schilderungen bescheren dem Projekt eine ähnlich morbide und daher fragwürdige Faszination wie ein „Egoshooter“-Videospiel. Wenn einer der beiden berichtet, wie die Gruppe kurzerhand über den Zaun rund ums olympische Dorf geklettert ist, weil viele Sportler das ebenso gemacht hätten, gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass es sich um eine kaltblütige Killertruppe handelte; selbst wenn ein Fatah-Funktionär versichert, niemand habe getötet werden sollen. Allerdings dürfte den Palästinensern die israelische Doktrin bekannt gewesen sein, sich von Terroristen nicht erpressen zu lassen.

Zur Sendung

5.9., 20.15 Uhr (ARD): „Tod und Spiele - München ’72“. Die Sendung in der Mediathek.

Dennoch sind es gerade die ständigen Perspektivwechsel, die dem Dokumentarfilm einen eindrucksvollen Facettenreichtum bescheren, zumal der britische Terrorismusexperte Gerald Seymour die Schilderungen als Augenzeuge ergänzt. Heute so schockierend wie damals ist schließlich das Komplettversagen der deutschen Sicherheitsbehörden: Eine Geiselnahme war bei ihren Planspielen schlicht nicht vorgesehen; der dilettantische Befreiungsversuch endete in einem Desaster. „Tod und Spiele“ ist eine vierteilige Reihe, die ARD zeigt im „Ersten“ eine neunzigminütige Zusammenfassung; das Original steht in der Mediathek. Der Epilog (Folge vier) beschreibt die dubiosen Umstände, unter denen die Geiselnehmer freigekommen sind, sowie die israelische Vergeltung. (Tilmann P. Gangloff)

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