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„To the Ends of the Earth“ im Kino: Freiheit für die Ziege

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eine japanische Reporterin in Usbekistan.
Eine japanische Reporterin in Usbekistan. © trigon-film.org

Der Japaner Kiyoshi Kurosawa drehte in Usbekistan eine bezaubernde Version von „Lost in Translation“ – die romantische Mediensatire „To the Ends of the Earth“.

Eigentlich gibt es aus jeder Kinokrise und aus jedem Sommerloch einen sicheren Ausweg: Einfach mal schauen, was es Neueres aus Japan gibt. Kaum eine Filmnation hat seit der Nachkriegszeit einen so hohen Qualitätsstandard gehalten und dabei über die Kunst auch die gute Unterhaltung nie vergessen. Kiyoshi Kurosawa hat im letzten Vierteljahrhundert fast jährlich einen Film gedreht, von denen im Westen vor allem seine elegischen, effektscheuen Thriller und Horrorfilme Anerkennung fanden. Vielleicht ist deshalb diese bereits 2019 gedrehte Geschichte über kulturelle Gegensätze erstmal liegen geblieben. Doch jetzt kommt sie gerade zur rechten Zeit.

Hinter dem gewaltigen Titel „To the Ends Of the Earth“ verbirgt sich ein kleiner großer Film von überraschender Romantik. Doch die wenigen Klänge, die er anschlägt, hallen weit über die zwei Stunden Laufzeit hinaus. Es ist ein Reisefilm über ein Fernsehteam, das eine Reisereportage dreht. So sehen wir wenig von Japan, aber viel von Usbekistan. Sehen aber heißt noch lange nicht verstehen.

Denn wie Sofia Coppola in ihrer Japan-Komödie „Lost in Translation“ porträtiert Kurosawa zugleich die Reisenden in ihrer Unfähigkeit, sich auf das Fremde einzulassen. Aber auf seine behutsame Art zeichnet er dabei ein größeres Bild als Coppola. Die Pest, die er fast unmerklich seziert, ist das pseudo-dokumentarische Reportagefernsehen an der Schwelle zur Dokusoap. Jene Art von Journalismus, die in die Welt hinauszieht, um Klischees bestätigt zu finden und dazu ein paar Kuriositäten einzusammeln.

Atusko Maeda, in Japan ein bekannter Popstar, spielt die Reporterin Yoko. Geduldig folgt sie dem Prinzip ihres abgebrühten Regisseurs (Shota Sometani), der auf seinen Reisen nicht sucht, sondern nur findet – was im Drehbuch steht. Das gestaltet sich insofern schwierig, als in einem künstlichen See eben nicht der ominöse Riesenfisch zu finden ist, von dem man ihm erzählt hat. Und das Nationalgericht für japanischen Geschmack leider aus viel zu wenig gekochtem Reis besteht – und damit für die Reporterin ungenießbar ist. Geduldig täuscht sie Gaumenfreuden vor. Übergeben muss sie sich erst, als sie zum wiederholten Mal die Schaukel-Attraktion eines putzigen Vergnügungsparks am eigenen Leib erproben muss.

Sie zweifelt an ihrer Arbeit

Kurosawa zeigt die Arbeit von Yoko und ihrem kleinen, ausschließlich männlichen Team, mit dokumentarisch anmutender Ausführlichkeit. Man könnte kaum sagen, ob ihnen einige der Missgeschicke nicht wirklich passiert sind. Angesichts des erbärmlichen Materials, vor allem aber weil sie am Sinn ihrer Arbeit zweifelt, macht sich Yoko selbst auf die Suche nach Sehenswertem. Widerstrebend lässt sich der Regisseur darauf ein, eine vor einem Haus angebundene Ziege anzukaufen und sie vor der Kamera freizulassen. Ihre eigentliche Entdeckung aber erscheint ihm für das Publikum zu anspruchsvoll: In Tashkents prächtiger Nationaloper, in die sie einfach hineinspaziert, fühlt sie sich merkwürdig heimisch. Tatsächlich wurden die imposanten, piktoralen Stuckarbeiten von japanischen Kriegsgefangenen ausgeführt.

Zwischen Heimweh (sie vermisst ihren Freund, einen Tokioter Feuerwehrmann) und Sinnsuche (im Opernhaus träumt sie in einem surrealen Intermezzo von ihrem Berufswunsch als Sängerin) lässt sie sich treiben: Ohne Kenntnis von Sprache oder Gesetzen durchstreift sie Tashkent mit der Videokamera und landet schließlich in Polizeigewahrsam.

Man wüsste gerne, ob sich Kurosawa das Thema „Lost in Translation“ wirklich bei Coppola abgeschaut hat, einem Film, der in Japan wohl nicht nur bewundert wird. Die unglückliche, in Andeutungen und über Telefonate erzählte Liebesgeschichte lässt das vermuten. Bekannt ist, dass sein Film als Auftragsarbeit zur Feier von 25 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Japan und Usbekistan begonnen wurde.

Umso erstaunlicher ist die Freiheit, mit der er seine offene Reiseerzählung gestaltet. Wie er auf der einen Seite all das Kolorit liefert, das man vielleicht von einem Jubiläumsfilm erwartet, es zugleich aber auch an den touristischen Vorstellungen bricht. Erst am Ende erlaubt er sich, in den weiten Berglandschaften zu schwelgen – und auch das nicht ohne Ironie. Mit Blick auf die befreite Ziege findet auch Yoko hier ihren Sehnsuchtsort im Stil von „The Sound of Music“ – und schmettert in unwiderstehlicher Leidenschaft eine japanische Version von Edith Piafs „Chanson d’amour“.

To the Ends Of the Earth. Japan 2019. Regie: Kiyoshi Kurosawa. 121 Min.

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