Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Garance Marillier als junge Alexia in einer Szene des Films „Titane“.
+
Garance Marillier als junge Alexia in einer Szene des Films „Titane“.

„Titane“

„Titane“ im Kino: Von der Hölle durch die Welt zum Himmel

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Eine kunstvolle Achterbahnfahrt zwischen Genre- und Geschlechteridentäten: Julia Ducournaus Cannes-Gewinner „Titane“ kommt ins Kino.

Manchmal muss man Dinge ein zweites Mal entdecken. Das chemische Element Titan zum Beispiel wurde der Welt 1791 von dem englischen Geistlichen und Amateurforscher William Gregor erschlossen. Nur vier Jahre später stieß auch der deutsche Chemiker Martin Heinrich Klaproth darauf, der ihm sogleich den stolzen Namen aus der griechischen Mythologie verlieh. Techniken, die das Leichtmetall auch anwendbar machten, sollte es freilich erst im 20. Jahrhundert geben.

Auch Julia Ducournaus zweiter Spielfilm, „Titane“, erinnerte manche bei seiner Premiere in Cannes an etwas, das es schon gibt. Die enge Verbindung von Körperidentität und Schrecken, in der Genretheorie als „Body Horror“ bekannt, dazu ein erotisierendes Verhältnis zu Automobilen bis hin zum Transhumanismus – das kennt man auch von David Cronenberg. Oder vom amerikanischen Film- und Videokünstler Matthew Barney, den der Kanadier inspirierte. Aber im Chemiebaukasten des Kinos stehen diese Elemente natürlich zur freien Verfügung, und die 37 Jahre alte Filmemacherin aus Paris begegnet ihnen mit einem ganz eigenen Blick. Beim letzten Cannes-Wettbewerb, den sie damit gewann, konnte es kein anderer Film mit der verwegenen Kraft von „Titane“ aufnehmen.

Zunächst einmal ist da ein Darstellerpaar, so anziehend unterschiedlich, dass sich zwischen seinen Polen eine schier unbegrenzte emotionale Skala auftut. Agathe Rousselle, nichtbinär, spielt die Protagonistin Alexia und ist ein Naturtalent. Man hält den Atem an, so schonungslos überlässt Rousselle sich Ducournaus künstlerischer Vision – und diese dankt es durch eine äußerst intime Inszenierungskunst. Und dann ist da auf der anderen Seite Vincent Lindon als Feuerwehrhauptmann Vincent, ein Charakterdarsteller, der alles kann, vielleicht der beste des französischen Kinos. Zuletzt sah man ihn, im gleichnamigen Film, als Bildhauer Rodin; bei Stéphane Brizé spielte er – in „Streik“ und „Un autre monde“ – erst einen Arbeiterführer und dann einen Industriellen. Die Laiendarstellerin und der Vollprofi – auch eine solch ungleiche Besetzung gleicht immer einem chemischen Experiment. Roberto Rossellini oder Rainer Werner Fassbinder wussten, welch ein Feuer aus derartigen Verbindungen entstehen kann.

Verführerisch wie ein schwüler Alptraum folgt der Film zunächst der surrealen Entwicklungsgeschichte der androgynen Frauenfigur, stählern und gleichwohl zerbrechlich. Man begegnet dieser Alexia als Pin-up-Model bei einer Autoshow. Wie ein Relikt aus einer Zeit des ungebrochenen Sexismus räkelt sie sich da auf Motorhauben, beantwortet geduldig Autogramm- und Selfiewünsche der Besucher. Dann aber reagiert sie auf die unbeholfenen Belästigungen mit mörderischer Gewalt. Schon hier, in den hyperrealistischen Gewaltszenen, betritt der Film eine zweite Wirklichkeitsebene. Als sich Alexia zurück in die Ausstellungshalle schleicht, hat sie Sex mit einem Auto. Die Schwangerschaft, die daraus entsteht, lässt Motoröl aus ihren Brüsten tropfen.

So viel Irrealität scheint zu viel für ein in der Alltagwirklichkeit verortetes Drama, doch die Form, die Ducournau dafür entwirft, wirkt erstaunlicherweise stimmig. So wie umgekehrt der Vater eines ihrer Opfer kein Problem dabei empfindet, Alexia statt des verschollenen Sohnes bei sich aufzunehmen. Ihre Brust und ihren schwangeren Bauch bindet sie notdürftig ab, als sie sich als dieser ausgibt.

Die Filmemacherin verteilt Gleichheitszeichen in einer ungleichen Welt. Mann oder Frau, leiblicher Sohn oder Hochstaplerin, Mörderin oder unschuldiges Kind: Wenn sich auch die elementarsten Gegensätze im liebevollen Blick des anderen auflösen können, dann sind erst recht die Genregrenzen des Kinos obsolet. Was mit grausigen Mordszenen beginnt, findet – in Faustischer Magie – seinen Weg von der Hölle durch die Welt zum Himmel.

Man kann die verwegene Wucht von „Titane“ als provozierendes Kalkül abtun und die Grausamkeit der frühen Morde als gezielte Schockmomente. Doch Julia Ducournau ist kein zweiter Lars von Trier und lockt ihr Publikum in keine Versuchsanordnung. Auch ist ihr Film eben doch kein Horrorstück, das sein Publikum mit Schockeffekten überrumpeln würde. Ihre Vision ist demokratisch genug, uns Zeit zu geben wegzuschauen, wenn wir das wollen, weil es allzu grausam wird. Auch das ist eine Option im Kino: Man muss nicht jedes Bild anschauen, um am Geschehen teilzuhaben.

Manchmal sind es Filme, die gesellschaftliche Prozesse kanalisieren, bevor sie Allgemeingut werden. Noch wird über die sprachlichen Mittel gestritten, Geschlechteridentitäten ohne Restriktionen zu begegnen. Was hilft es, wenn sich Androgynität bis in ebenjene Antike zurückverfolgen lässt, in der die Titanen noch ein mächtiges Göttergeschlecht waren. Jede Zeit braucht für das nur allzu Humane ihre eigenen Bilder, und dieser Film fügt sich als künstlerischer Beitrag in einen heute allgegenwärtigen Diskurs. Zugleich ist es ein Film über die Diversität von Liebeskonzeptionen, auch das ein Thema, das immer wieder neu enttabuisiert werden muss.

Ganz schmerzlos lässt sich das bei Ducournau nicht erleben, doch was sie uns im ersten Teil abverlangt, gibt sie im zweiten Teil zurück – wenn nicht vergoldet, dann doch in bestem Titan.

Titane. F/B 2021. Regie: Julia Ducournau. 108 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare