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Jeff Lowe in der Netflix-Serie „Tiger King“.

„Nächste Folge - Coronakrisen-Edition“

Lockdown mit Tiger

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Wie uns Real-Crime-Dokus in der Corona-Quarantäne zusammenbringen. Die Coronakrisen-Edition unserer Serienkolumne.

Wenn man sich den ganzen Tag sieht, ist das für manche Paare eine völlig neue Erfahrung. Einige lernen sich in der Corona-Quarantäne ja erst richtig kennen. In China sollen die Ausgangsbeschränkungen aufgrund des Coronavirus bereits zu einer erhöhten Scheidungsrate geführt haben. Gut, wenn eine Situation, in der man als Paar mehr Zeit miteinander verbringen kann, zur Trennung führt, hätte man die Beziehung vielleicht auch schon früher einmal überdenken sollen.

Aber es kann eben auch Unangenehmes durch das dauerhafte Beieinandersein ans Licht kommen. Was also tun, wenn aus dem ersten vorsichtigen Annähern („Was sind eigentlich deine Hobbys?“) schon der erste handfeste Streit geworden ist, da man feststellen musste, dass man einen FDP-Sympathisanten geheiratet hat?

Netflix bietet viele gute Real-Crime-Dokus

Vielleicht hilft ja das gemeinsame mitfiebern und rätseln über echte Kriminalfälle. Netflix hat einige gute Real-Crime-Dokus im Programm, die Spannung garantieren und mit Sicherheit wilde Diskussionen im Haushalt auslösen werden und von neoliberalen Abgründen ablenken können.

Die über einen Zeitraum von zehn Jahren produzierte Dokumentation „Making a Murderer“ schildert die Ereignisse um Steven Avery, der 18 Jahre unschuldig in Haft saß. Als das Urteil schließlich revidiert wird und er Schadenersatz verlangt, wird er „zufälligerweise“ für einen Mord verurteilt.

Der zweite Schuldspruch ist ein Segen für die Staatskasse, Steven Avery hätte für die bereits unschuldig in Haft verbrachten Jahre 36 Millionen Dollar bekommen sollen, und die Beweise sind mehr als fragwürdig. Dennoch sitzt Avery bis heute in Haft. Die Geschichte ist schockierend, mitreißend – und zurück bleibt Entsetzen über das US-amerikanische Rechtssystem.

Murder Mayhem und Madness bei „Tiger King“

Der Untertitel von „Tiger King“ hält, was er verspricht: Murder, Mayhem, Madness. Die Dokumentation ist ein einziger Plottwist, und wäre es ein fiktionales Werk, würde man den Autorinnen und Autoren vorwerfen, ihre Geschichte sei realitätsferne Übertreibung. Man kann tatsächlich nicht glauben, welche Abgründe sich zwischen den beiden Großkatzen-Exzentrikern Joe Exotic und Carole Baskin auftun. „Tiger King“ ist großartige Unterhaltung, die dazu noch viel Gesprächsbedarf hinterlässt.

Die Kolumne „Nächste Folge“  nimmt regelmäßig Streaming- und TV-Serien in den Blick.

Das Verschwinden des kleinen Mädchens Maddie im Urlaub in Portugal beherrschte im Jahr 2007 monatelang die Medien. Auch, weil ihre Eltern in den Fokus der Ermittlungen rückten. Die Dokumentation „Das Verschwinden von Madeleine McCann“ schafft ein übersichtliches, teilweise neues Bild der Situation. Spannend.

Schade ist, dass die rassistischen Strukturen unserer Gesellschaft nicht thematisiert werden, die dazu führen, dass das Verschwinden eines weißen, mitteleuropäischen Mädchens so viel dauerhaftere Aufmerksamkeit bekommt als die vielen anderen Kinder auf der Welt, die ebenfalls tagtäglich verschwinden.

„The Staircase“ behandelt den Fall von Michael Peterson, dessen Frau bei einem Treppensturz stirbt. Schon bald hegt die Polizei den Verdacht, dass es kein Unfall gewesen sei. Insbesondere, nachdem sie herausbekommen, dass Peterson bisexuell ist und Kontakt zu männlichen Prostituierten hatte. Ein auf homophober Argumentation aufgebauter Prozess beginnt, in dem zwielichtige Experten aussagen. Eine aufwühlende Dokumentation, die sich insbesondere mit dem Umgang der Familie mit dem Mord und der Anklage widmet.

Gemeinsames Schauen auch in Corona-Zeiten möglich

Auch für diejenigen, die alleine zu Hause sind, aber gerne mit anderen zusammen die schockierenden Enthüllungen der Real-Crime-Dokus erleben wollen, gibt es Möglichkeiten. Zum Beispiel ein Add-on für Google Chrome namens „Netflix Party“. Das kostenlose Tool synchronisiert die Wiedergabe von Bild und Ton auf verschiedenen Rechnern. In einem Chat-Fenster kann man sich über das Gesehene austauschen.

Natürlich gibt es auch noch andere Optionen ohne Tool. Man macht einen Whats-App- oder Skype-Gruppenanruf, ruft „Los“, und alle drücken auf Play. Ein Vorteil davon ist, dass man sich dank Videofunktion auch sehen kann. Denn der Gesichtsausdruck von Menschen, die das erste Mal Joe Exotics Musikvideo „I saw a Tiger“ sehen, ist unbezahlbar.

In der fünften Coronakrisen-Edition:Die Magie von Anime.

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