Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Amy Adams als Kinderpsychologin, die selbst Probleme hat – Platzangst könnte noch das geringste sein.
+
Amy Adams als Kinderpsychologin, die selbst Probleme hat – Platzangst könnte noch das geringste sein.

Netflix-Thriller

„The Woman in the Window“: Im Schatten des Zweifels

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Mit dem prominent besetzten, rätselhaften Thriller „The Woman in the Window“ endet eine Ära: Als letzte Produktion des Labels „Fox 2000“ landet er auf Netflix.

In der Hitliste der Hausweisheiten rangiert jene von der Geschichte, die sich wiederhole, ganz weit oben. Vor allem in Amerika liebt man diesen „truism“ wie die Mutter aller sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Filmgeschichten wiederholen sich erst recht, von denen das Genrekino angeblich überhaupt nur eine Handvoll kennt, die es stets aufs Neue variiert. Filmstudios begriffen früh, dass ihre Zuschauer im Glauben, das Neue zu suchen, doch immer wieder zum Vertrauten greifen. Die Menschen lieben Überraschungen, aber mehr noch lieben sie ihre Rituale.

Bei dem Hollywood-Psycho-Thriller „The Woman in the Window“, der seit Wochenbeginn weltweit auf Netflix reüssiert, ist schon der Titel ein Déjà-vu. Bestseller-Autor A. J. Finn (eigentlich: Daniel Mallory) übernahm ihn für seinen Debütroman von einem klassischen Film noir, den Fritz Lang 1944 inszenierte. Die Handlungsidee selbst hatte er sich bei einem anderen Film abgeschaut, wie ihm die Kritik kurz nach seinem Überraschungserfolg attestierte – „Copycat“, Jon Amiels Thriller um eine psychisch kranke Kriminal-Psychologin, die an Platzangst leidet. Dass Finn auch seine offizielle Biografie inklusive eines falschen Oxford-Abschlusses erfunden hatte, entschuldigte er mit seiner eigenen Persönlichkeitsstörung, die ihn zum zwanghaften Lügen verleite. Jedenfalls konnte man ihm nicht vorwerfen, dass er sich in seine Protagonistin nicht hätte einfühlen können.

In der Verfilmung spielt Amy Adams die Kinderpsychologin Anna Fox, die aus Gründen eines Traumas, das erst spät im Film enthüllt wird, neben anderen Problemen an Platzangst leidet. Glücklicherweise ist das Domizil, das sie kaum zu verlassen wagt, ein historisches New Yorker Stadthaus in Harlem; groß genug, sich darin zu verlaufen. Oder selbst die Hauptrolle als gruselige Villa in einem Horrorfilm zu spielen. Teil von Fox’ Persönlichkeitsstörung, die uns in mehreren psychologischen Sitzungen erklärt wird, sei eine übersteigerte Neugier gegenüber ihren Mitmenschen – gar nicht schlecht eigentlich für eine Kinderpsychologin.

Diese Neugier befriedigt sie hinter der Fensterscheibe beim Beobachten ihrer neuen Nachbarn von gegenüber: Gary Oldman und Jennifer Jason Leigh schmücken die Besetzungsliste als Ehepaar, Fred Hechinger ist der Teenager-Sohn, bei dem Fox gleich eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Tatsächlich ist dies die Sorte von Psychothriller, bei der nur eine Minderheit noch alle Tassen im Schrank hat.

Wie ein weiteres Vorbild aus der Filmgeschichte, der an den Rollstuhl gefesselte Pressefotograf in Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“, besitzt Anna Fox ein starkes Teleobjektiv. Und wie James Stewarts Filmfigur kommt ihr dabei etwas vor die Linse, das wie ein Mord aussieht.

Im Opfer glaubt sie die echte Mutter des Teenagers von Gegenüber zu erkennen. Kennengelernt haben wir sie kurz zuvor bei einem Überraschungsbesuch. Tatsächlich klingeln wie in einem Boulevard-Theaterstück immer wieder schillernde Nebenfiguren an der Tür der Protagonistin und machen ihre Aufwartung. Julianne Moore gelingt es dabei als redselige Fremde, in wenigen Minuten nicht weniger verrückt zu erscheinen als ihre Gastgeberin. Schade, dass sie so früh aus diesem Film abtreten muss, die beiden Meisterdarstellerinnen harmonieren wunderbar. Weniger anfangen kann Fox mit zwei anderen Dauergästen, dem Polizeiinspektor und seiner Kollegin. Sie glauben ihr einfach gar kein Wort.

Es ist schon kurios, dass eines der plagiierten Werke ausgerechnet „Copycat“, „Nachahmer“, heißt. Der Autor der Vorlage bediente sich offensichtlich wie eine Elster aus allen erdenklichen Quellen. Auch dem Filmemacher Joe Wright ist das nicht entgangen. Offenbar um sich nicht selbst des Plagiierens verdächtig zu machen, zitiert er lieber offen und direkt aus der Filmgeschichte. Immer wieder lässt er seine Protagonistin dazu Film-Noir-Klassiker aus ihrer DVD-Sammlung auflegen. Ihr Lieblingsfilm ist, wie könnte es anders sein, Hitchcocks Psychoanalyse-Thriller „Ich kämpfe um Dich“ mit der berühmten Traumsequenz von Salvador Dalí. Eine gute Wahl für eine psychisch kranke Psychologin.

„The Woman in the Window“ ist der klassische Fall der ehrgeizigen Verfilmung eines undankbaren Buches. Alles, was Joe Wright aufbieten kann, um das obskure Werk zu retten, ist eine eindrucksvolle Form. Aber was für ein Augenschmaus gelingt ihm. Konsequent nutzt er das Thema Platzangst, um den ganzen Film in Innenräumen anzusiedeln – inklusive der surrealen Pointe eines Autounfalls, an den sich die Amy-Adams-Figur erinnert: Da steht dann plötzlich das Wrack in einem Nebenzimmer, wo es von der Decke schneit.

Fotografiert hat den Film ein Meister des comichaften Antinaturalismus, der Franzose Bruno Delbonnel („Die fabelhafte Welt der Amélie“). In einem behutsamen Zusammenspiel von Ausstattung und Licht taucht er die Innenräume in matte Buntstiftfarben, was wunderbar mit der Film-Noir-Ästhetik von expressionistischem Halbdunkel kontrastiert. Es ist schon ein seltenes Vergnügen: Während man einer Handlung folgt, die bis zu ihrem grotesken, unfreiwillig komischen Finale immer blödsinniger wird, bewundert man Bilder wie von Edward Hopper. Und ein erlesenes Darsteller-Ensemble. Danny Elfman hat dazu eine faszinierende Filmmusik geschrieben, die keine Leere im Kammerspiel aufkommen lässt – bis er am Ende allerdings auch nur noch stumpfes Fortissimo anrühren darf.

Was für ein sonderbarer Film – und welch merkwürdige Wendung der Filmgeschichte hat ihn uns serviert. Ursprünglich hatte ihn das Filmstudio 20th Century Fox bereits 2019 ins Kino bringen wollen. Die Romanrechte hatte man für eine Unsumme schon vor Veröffentlichung erstanden. Dann wurde Fox an Disney verkauft, dies ist nun der letzte Film, der für das nun eingestellte Label „Fox 2000“ produziert wurde. Auf Disneys eigenem Label „Disney Plus“ wäre er ein Fremdkörper gewesen, so läuft er jetzt auf Netflix.

Ja, die Geschichte wiederholt sich gerade in Hollywood, aber nicht zum Guten. Fast alle großen Filmstudios wurden von Medienkonzernen geschluckt, am Montag ließ der Konzern AT & T seine Besitztümer Warner und Discovery zu einem künftigen Major Player im Internetfernsehen fusionieren, am Dienstag wurde bekannt, dass Amazon beabsichtigt, MGM zu erwerben. Das klassische Kino – es wird wohl bald nur noch eine Erinnerung sein, die sich in Filmen wie diesem zitieren lässt.

The Woman in the Window. Zu sehen auf Netflix. Regie: Joe Wright. 100 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare