Die Polizisten Mathieu (Mathieu Demy) und Baptista (Wendy Nieto).
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Die Polizisten Mathieu (Mathieu Demy) und Baptista (Wendy Nieto).

TV-Kritik

„They Were Ten“ (ZDFneo): Tropeninsel mit tödlichen Tücken

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Die spannende französisch-belgische Adaption von Agatha Christies Krimiklassiker „Und dann gabs keines mehr“ als Sechsteiler bei ZDFneo und in der ZDF-Mediathek.

  • Agatha Christie hat mit ihrem Roman „Und dann gabs keines mehr“ einen Krimiklassiker geschrieben.
  • Für das französische und belgische Fernsehen entstand 2020 mit dem Sechsteiler „They Were Ten“ die jüngste Verfilmung.
  • Nun ist der Sechsteiler bei ZDFneo zu sehen.

Agatha Christies „Und dann gabs keines mehr“ gilt als der meistverkaufte Kriminalroman aller Zeiten. Dieses Werk steht außerhalb der Reihen um Christies Stammfiguren Miss Marple, Hercule Poirot, Tommy und Tuppence Beresford. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2015 von der britischen BBC nahe an der Vorlage als Fortsetzungs-Dreiteiler. Die serielle Form liegt nahe, denn Christies späterer Bestseller erschien 1939 zunächst in Fortsetzungen als Zeitschriftenroman und erst Ende des Jahres auch in Buchform.

Christie hatte sich zu ihrer Geschichte von der Insel Burgh in Devon inspirieren lassen, die bei Flut vom Festland abgeschnitten ist. 1929 wurde das kleine Eiland von dem als exzentrisch geltenden Millionär Archibald Nettlefold erworben, einem Filmproduzenten und Theaterbesitzer, der dort ein Hotel im Art-déco-Stil errichten ließ. Zu den Gästen zählte, neben anderen hochrangigen Persönlichkeiten jener Ära, die mit Nettleford befreundete Agatha Christie. Die Insel liegt eine gute Eisenbahnstunde von ihrem Geburtsort Torquay entfernt.

„They Were Ten“ (ZDFneo): Ein klassischer Plot von Agatha Christie

Im Roman hieß die Insel ursprünglich „Neger-Insel“. Das beleidigende Schimpfwort wurde in späteren Ausgaben durch „Soldaten-Insel“ ersetzt. Ein gewisser U. N. Owen, ein Wortspiel mit „unknown“, lädt zehn einander unbekannte Personen zu sich ein. Sie sind die einzigen Menschen auf diesem Eiland, das sie mangels Schiffverbindung nicht mehr verlassen können. Der Gastgeber lässt sich nicht blicken. Dann fällt einer nach dem anderen einer Mordattacke zum Opfer.

Für das französische und belgische Fernsehen entstand 2020 mit dem Sechsteiler „They Were Ten“ die jüngste Verfilmung unter Mitwirkung der Agatha Christie Productions, dem Produktionsarm des zu Lebzeiten noch von Agatha Christie selbst gegründeten Unternehmens Agatha Christie Limited.

„They Were Ten“ (ZDFneo): Gelungene Modernisierung von Agatha Christies Krimiklassiker

Die Autoren Bruno Dega und Jeanne Le Guillou verlegen das Geschehen in unsere Gegenwart. Schauplatz ist nun eine kleine tropische Insel vor Französisch-Guyana. Der Struktur des Romans bleiben sie treu, entwickeln aber eigene Figuren mit modernen Biografien. Wie Christies Protagonisten zu ihrer Zeit, bildet auch diese Gruppe einen Querschnitt durch die Gesellschaft, die auf der zweiten Ebene eine kritische Kommentierung erfährt.

Unter den Geladenen sind ein New-Age-Guru (Patrick Mille), der per Leih-Hubschrauber heranrauscht, eine Ärztin im Karriereloch (Romane Bohringer), eine ehemalige Kriminalkommissarin (Marianne Denicourt), eine Schuhverkäuferin mit dem Drang nach Höherem (Manon Azem), ein Vertreter für Solaranlagen (Guillauma de Tonquédec), ein Ex-Anwalt (Nassim Lyes), ein Berufssoldat (Samuel Le Bihan). Eine Köchin (Isabelle Candelier) und ein Verwalter (Samy Seghir) warten bereits im abgewirtschafteten „Green Paradise Hotel“, nicht aber der Direktor.

Er wird auch nicht kommen, denn die Gäste wurden unter Vorwänden hergelockt. Niemand hier will eine Solaranlage erwerben, eine Immobilie veräußern oder in eine NGO investieren. Die Insel ist verlassen. Auf der Hotelterrasse hängt ein Windspiel aus Totenköpfen, die junge Botanikerin Nina Goldberg (Matilda Lutz) erschrickt über einen lebenden Fisch in der Kommodenschublade.

Die Vorzeichen trügen nicht. Die Telefonanlage und der Helikopter werden sabotiert. Bald gibt es den ersten Toten.

Zur Sendung

„They Were Ten“, Samstag, 21.11., ab Mitternacht alle sechs Teile auf ZDFneo, ab Sonntag, 22.11., 10:00 Uhr, in der ZDF-Mediathek.

„They Were Ten“ (ZDFneo): Ein Mord mehr

Auch wer den Roman oder frühere Verfilmungen kennt, wird dem Geschehen mit Spannung folgen können. Dramaturgisch geschickt wurden zwei weitere Figuren eingeführt, ein gemischtgeschlechtliches Kommissars-Duo (Mathieu Demy und Wendy Nieto), das in einer Parallelhandlung herauszufinden versucht, wo die zehn Flugpassagiere abgeblieben sind, und wer ihren Piloten ermordet hat.

In jeder Episode gibt es Rückblenden, die die Vorgeschichten der einzelnen Charaktere erzählen und zu erkennen geben, welche Schuld die Inselgäste auf sich geladen haben. Denn das ist ihr gemeinsames Merkmal: Jeder hat den Tod eines Menschen zu verantworten.

Einige Anleihen beim Gruselgenre heben diese Adaption von der ursprünglichen Vorlage ab. Dazu kommt die tropische Kulisse der Teufelsinsel, die eigene Gefahren bereithält: giftige Pflanzen, umstürzende Bäume, gefährliche Strömungen. Neben den Mordattacken drohen in der brütenden Hitze Hunger und Durst – das Trinkwasser ist vergiftet, die Nahrung wird knapp. Das wachsende Misstrauen sorgt dafür, dass die Genasführten bald selbst aufeinander losgehen. Der Traumurlaub wird zum Höllentrip.

Hinzuweisen wäre noch auf einen augenzwinkernden Besetzungscoup: Romane Bohringer ist auch im realen Leben Tochter des französischen Schauspiel-Stars und Schriftstellers Richard Bohringer, der in der Serie ihren Vater Professor Villemont verkörpert. (Harald Keller)

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