Durch israelische Attacken zerstörte Gebäude in Beirut.
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Durch israelische Attacken zerstörte Gebäude in Beirut.

TV-Kritik

TV-Kritik: „Libanon – Gefangen im Chaos“ - Explosion am Beiruter Hafen im Arte Themenabend

  • vonIrit Neidhardt
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Duki Drors Film „Libanon – Gefangen im Chaos“ spart wichtige Details aus. Die zweite Doku irritiert mit einem Off-Kommentar, der Partei nimmt.

Am 4. August 2020 explodierten im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut mehrere Tonnen ungesichert gelagerten Ammoniumnitrats. Große Teile der anliegenden Stadtviertel wurden zerstört, mindestens 204 Menschen kamen ums Leben, 6.500 Personen wurden verletzt und 300.000 obdachlos. Noch am selben Abend sagten die ersten internationalen Nahost-Expertinnen und Experten, dass eine solche Katastrophe bei der Korruption im Land nicht verwundere.

Innerhalb weniger Tage legten zunächst Parlamentsabgeordnete ihr Amt nieder, bald darauf trat die gesamte libanesische Regierung zurück. Arte widmet der Explosion in Beirut einen Themenabend mit zwei Erstausstrahlungen: Dem Dokumentarfilm „Libanon – Gefangen im Chaos“ von Duki Dror und der Dokumentation „Libanon: Krisenstaat am Abgrund“ von Amal Mogaizel. Beide Beiträge beginnen mit Bildern der Explosion, um dann ihre jeweilige Erklärung für die politische und sozio-ökomische Lage im Libanon darzulegen.

TV-Kritik zu neuen Dokus über Libanon: Eher einseitige Perspektive

Drors „Libanon – Gefangen im Chaos“ besteht aus Archivmaterial und Interviewsequenzen mit so unterschiedlichen Gesprächspartnern wie dem früheren libanesischen Präsidenten (1982-88) Amine Gemayel von den rechtsradikalen libanesischen Falangisten, dem ehemaligen Auslandkorrespondenten von New York Times und UPI in Beirut (1979-84) Thomas Friedman, dem deutschen Filmregisseur Volker Schlöndorff oder dem pensionierten israelischen Geheimdienstler Yair Ravid-Ravitz, der Mitte der 1970er Jahre Kommandeur des Norddistrikts der Geheimdiensteinheit 504 war, die für den Einsatz von Agenten außerhalb Israels verantwortlich ist und von 1982 bis 1985 Kommandeur des Mossad-Büros in Beirut.

Weder die Parteizugehörigkeit Gemayels noch der Verantwortungsbereich Ravid-Ravitzs werden in den Namenseinblendungen erwähnt. Viele Jahre Krieg, Gewalt und Misswirtschaft hätten den Libanon geprägt, so der Off-Kommentar zu Beginn des Films „Libanon: Gefangen im Chaos“. All das sei in eine katastrophale Explosion im August 2020 gemündet, für die niemand die Verantwortung übernehme.

Neue Dokus zum Libanon in der TV-Kritik: Wichtige historische Ereignisse wurden ausgespart

Das erste Wort, den Libanon zu erklären, bekommt der derzeitige Vorsitzende der Kataeb-Partei der Falangisten, Ex-Präsident Amine Gemayal. Der Aufbau des Films folgt der israelischen Geschichte mit dem Libanon, sowohl dem Krieg mit den Palästinensern als auch dem Bündnis mit den Falangisten, deren Milizen unter anderem 1982 die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila begangen haben.

Für den Libanon einschneidende politische Ereignisse wie beispielsweise die Libanonkrise 1958 und die erste Anwendung der Eisenhower Doktrin oder das Bank- und Kreditgesetz von 1963 und der folgende Kollaps der Intra-Bank 1966, auf den zahlreiche ökonomische Analysen des Libanon seit Oktober 2019 fast zwangsweise rekurrieren, finden keine Erwähnung.

Filmteam der neuen Dokus über Libanon: Die wenigsten waren vor Ort

Der Regisseur und ein Großteil des Teams dieser WDR-Auftragsproduktion namens „Libanon: Gefangen im Chaos“ sind Israelis. Aufgrund des Kriegszustands zwischen Israel und dem Libanon ist ihnen seit 1948 die Einreise in das Land verwehrt, auch mit ausländischen Pässen. Ausschlaggebend für die Einreisegenehmigung ist der Geburtsort, das gilt ebenso für palästinensische Staatbürgerinnen und Staatsbürger Israels.

Die Machart der WDR-Produktion, sein ordnender allwissend auftretender Off-Kommentar, die relativ vielfältige Auswahl der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, das Archivmaterial sowie die Visualisierung durch Landkarten suggerieren Wissen über den Libanon und Sachlichkeit. Beides kann aufgrund der Reisebeschränkungen und des Kriegszustands nicht gegeben sein, eine Nennung der Position des Regisseurs bleibt zu vermissen. Dabei ist seine Perspektive interessant.

Themenabend Libanon auf Arte

„Libanon – Gefangen im Chaos“, Dienstag, 17. November 2020 um 20.15 Uhr. Direkt im Anschluss „Libanon: Krisenstaat am Abgrund“.
Wiederholungen am Donnerstag, 26. November 2020 um 09.50 Uhr bzw. 11:20 Uhr.
Beide Filme sind außerdem vom 14. November 2020 bis 15. Februar 2021 in der Arte-Mediathek abrufbar.

Der Film zeigt Archivmaterial, das sonst selten bis gar nicht (mehr) zu sehen ist, nämlich den Jubel der pro-israelischen Gruppierungen im Südlibanon beim Einmarsch der israelischen Streitkräfte sowie die Flucht der libanesischen Kollaborateure der Südlibanesischen Armee SLA und ihrer Familien nach Israel, nachdem die Hizbollah den von ihr als Befreiungskrieg bezeichneten Kampf gegen die israelische Besatzung im Jahr 2000 gewonnen hatte. Allein anhand dieser Bilder hätte ein wichtiges Puzzlestück von Krieg, Gewalt und Misswirtschaft im Libanon in seiner Komplexität beleuchtet werden können.

Falsche Karten: Geschichte des Libanons wird teilweise nicht akkurat dargestellt

Die im Film eingesetzten Karten sind falsch. Zur Erläuterung der britisch-französischen Grenzziehung nach Ende des Ersten Weltkrieges wird eine Karte animiert, die das Gebiet südlich Syriens, zu dem der Libanon damals noch gehörte, als Israel bezeichnet. Vor 1948 hieß das Landstück offiziell Palästina, sein Name stand in den drei Amtssprachen arabisch, englisch und hebräisch auf Briefmarken, Geldnoten und an öffentlichen Gebäuden. Auch die Jewish Agency hieß bis 1948 „Jewish Agency for Palestine“. Die von Israel besetzten Golanhöhen sind nicht als besetztes Gebiet gekennzeichnet, als was es völkerrechtlich gilt. Auf die eingangs erwähnte Misswirtschaft geht der Film nicht ein.

Libanon-Dokus in der TV-Kritik: Dokumentarfilme ergänzen sich trotzdem gut

Auch „Libanon: Krisenstaat am Abgrund“, der zweite, wesentlich kürzere Beitrag des Themenabends hat einen ordnenden allwissend auftretenden Off-Kommentar und Interviewsequenzen mit so unterschiedlichen Gesprächspartnerinnen und -partnern wie der Journalistin Gisèle Khoury, dem Psychiater Chawki Azoury, dem Schriftsteller Amin Maalouf oder der Mode-Influencerin Hiba Dandaschli.

Was bei Dror Archivmaterial ist, sind bei Amal Mogaizel Bilder von der Strasse, die Interviews finden zumeist in Privathäusern statt. Die beiden Filme ergänzen sich gut. Hört die Erzählung im ersten mit dem Libanonkrieg 2006 auf, fokussiert der zweite auf die Themen und Nöte, die zu den Massenprotesten im Oktober 2019 geführt haben und endet bei deren Wiederaufnahme nach der Explosion am Hafen von Beirut. Dabei spielt auch die Historie eine Rolle und einige Aspekte aus „Libanon – Gefangen im Chaos“ tauchen aus anderer Perspektive wieder auf. Im Mittelpunkt stehen sozio-ökonomische Themen und die Frage, was es für den Alltag heißt in einem Land in Dauerkrise zu leben. Dem Land mit der größten Diaspora der Welt. (Irit Neidhardt)

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