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„The Sunlit Night“: Jenny Slate und Alex Sharp kommen vom New Yorker Regen in die nordnorwegische Traufe.
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„The Sunlit Night“: Jenny Slate und Alex Sharp kommen vom New Yorker Regen in die nordnorwegische Traufe.

„The Sunlit Night“

„The Sunlit Night“ im Kino: New York auf den Lofoten

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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David Wnendts skurrile Kunst-Satire „The Sunlit Night“ führt eine Metropolen-Bohème ins Wikingerland.

Beim Filmemachen wie beim Kochen lassen sich mit kontrastierenden Zutaten verblüffende Effekte erzielen. Aber was hilft dem wagemutigsten Koch sein Gefühl für den Kontrapunkt, wenn sich die Geschmacksknospen der Gäste einfach nicht für das Ungewohnte öffnen wollen? Als David Wnendts erster englischsprachiger Film 2019 beim amerikanischen Sundance-Festival Premiere feierte, überschlug sich die einheimische Presse förmlich mit Verrissen. Dabei hatte der deutsche Filmemacher einige für sich genommen höchst attraktive Zutaten aufgefahren. Doch genau die wollte man nicht so recht miteinander in Verbindung bringen.

Da ist zunächst die liebenswerte Hauptdarstellerin Jenny Slate. Mit Indie-Komödien wie „Obvious Child“ oder der Serie „Girls“ ist sie im vergangenen Jahrzehnt zu einem Star jenseits des Glamour aufgestiegen. Mit wenigen wohlgesetzten Tupfern platziert Wnendt ihre Filmfigur Frances, eine durch fehlende Anerkennung verunsicherte Künstlerin, in der New Yorker Bohème. Doch ihr durchaus kunstsinniges Elternhaus eignet sich kaum als Eintrittskarte in die schnieke Galerieszene von Manhattan.

Noch passt alles im Film wie die Faust aufs Auge: Der kauzige Vater, der seine undankbare Arbeit als naturkundlicher Illustrator von Schulbüchern mit dem Anspruch eines Bauhaus-Professors auflädt. Und die liebevoll-überkandidelte Mutter, die mit der gleichen Kunstsinnigkeit die winzige Wohnung permanent um- und übermöbliert. Das Drehbuch von Rebecca Dinerstein bietet dazu genau jenen pointierten Dialog, den man für ein heimelig-überzeichnetes jüdisches Intellektuellenmilieu erwartet. Diesen wohlvertrauten Film hätte die amerikanische Filmpresse wahrscheinlich sehr gerne weitergesehen, doch Wnendt kehrt ihm abrupt den Rücken. Und ersetzt das attraktive Milieu durch ein für sich genommen nicht weniger attraktives.

Der Rest des Films spielt auf der Lofoteninsel Vestvågøy, wohin Frances spontan zu einer Künstler-Residenz aufbricht. Wieder liegt dem Drehbuch von Rebecca Dinerstein eine kluge Beobachtung zu Grunde. Denn weltweit wimmelt es inzwischen von dubiosen Angeboten für Künstler-Auslandsaufenthalte. Hier sucht ein lokaler Künstler (Fridtjov Såheim) einfach eine billige Hilfskraft, um ein aufwendiges Bewerbungsprojekt zu vollenden: Eine marode Scheune soll durch einen gelb-gemusterten Anstrich erstrahlen wie ein Werk des isländisch-dänischen Künstlers Olafur Eliasson.

Auch dieser zweite Film, in dem die frustrierte Frances vom New Yorker Regen in die nord-norwegische Traufe kommt, wird uns schnell sympathisch. Doch dann beginnt auch schon der dritte, in dem sich beide mischen.

Wie selbstverständlich trifft Frances in der öden Gegend auf eine Art männliches Pendant, gespielt von Alex Sharp: Ein verloren aussehender junger New Yorker Bäckerssohn ist zum örtlichen Wikingermuseum gereist. Dort möchte er unter fachkundiger Mithilfe des kostümierten Personals seinen toten Vater nach altnordischem Ritus bestatten. Der ist zwar nie im Leben an seinem Sehnsuchtsort gewesen, aber welcher Europäer träumt nicht umgekehrt von New York? Immerhin war es ein Wikinger, der als erster den amerikanischen Kontinent ansteuerte.

Ab diesem Zeitpunkt wurde es der amerikanischen Filmkritik einfach zu viel New York am falschen Ort. Das abstruse i-Tüpfelchen liefert noch der Überraschungsauftritt von Gillian Anderson als des Jungen reiche Mutter mit russischem Akzent. Dabei ist es genau diese Absurdität, die aus den disparaten Zutaten ein herrliches Menü zaubert. Es ist auch nicht so, dass nun alles in einer großen Schüssel verrührt würde. Dafür bleiben die Figuren viel zu sehr ihren eigenen Spleens treu.

Das gilt natürlich auch für die örtlichen Hobby-Wikinger. Das Wikingermuseum Borg mit seinem rekonstruierten Langhaus ist tatsächlich eine Touristenattraktion, aber man besaß offensichtlich genug Humor für eine groteske Überzeichnung: Es ist schon eine herrliche und vielleicht gar nicht so abwegige Vorstellung, dass dessen kostümiertes Personal auch außerhalb der Öffnungszeiten weiter Wikinger spielt.

Auch wenn diese deutsch-norwegische Koproduktion fast wie ein amerikanischer Independent-Film erscheint, ist sie doch selbst eine Camouflage. Vielleicht erwischte sie deshalb die amerikanische Kritik auf dem falschen Fuß. Dabei steckt eine enorme Freiheit in dieser inneren Ortlosigkeit einer Komödie über unfreiwillige Kultur-Nomaden. Denn auch die New Yorker Bohème ist heute ja nicht viel mehr als eine touristische Idee. In den teuren Galerien Manhattans geht es jedenfalls in diesem Sinne nicht authentischer zu als in einem rekonstruierten Wikingerhaus.

The Sunlit Night. D/Norwegen 2021. Regie: David Wnendt. 91 Min.

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