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„The Princess“ im Kino: Verstörende Szenen des Diana-Hypes

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Von: Daniel Kothenschulte

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Prinzessin Diana auf einem Foto in einer Szene aus dem Dokumentarfilm „The Prinzess“.
Prinzessin Diana auf einem Foto in einer Szene aus dem Dokumentarfilm „The Prinzess“. © dpa

Der Dokumentarfilm „The Princess“ lässt Diana Spencers öffentliches Leben Revue passieren.

Als Diana Spencer, die Prinzessin von Wales, am 31. August 1997 in Paris verunglückte, gab es noch keine Smartphones. Wenn damals zufällige Videoaufnahmen an die Öffentlichkeit gelangten, stammten sie meist von Touristen; so auch die Bilder am Anfang von „The Princess“, einem Film, der allein aus Archivmaterial zusammengesetzt ist. „Oh, der Deckel ist noch auf der Kamera“, sagt eine australische Paris-Urlauberin und öffnet sogleich den Blick auf den Louvre. Gleich darauf dirigiert sie ihren Begleiter am Steuer in Richtung des Ritz-Hotels, angelockt von einer Menschenmenge. „Da muss jemand sehr Wichtiges sein“, trällert sie. „Oh, sie jagen Prinzessin Diana.“

Gleich darauf blendet der Film ins Jahr 1978, als die 17-Jährige erstmals mit Prinz Charles in Verbindung gebracht wurde. Man kann aufatmen: Wenigstens für die nächsten 90 Minuten werden einem wohl die schrecklichen Unfallbilder erspart bleiben. Und wenn sie dann auftauchen, so zunächst aus ähnlicher Distanz wie am Filmanfang: Pokerspieler bemerken erst allmählich die CNN-Übertragung im Hintergrund.

„The Princess“ Diana Leben im Kino aufgeblättert

Amateuraufnahmen rahmen den Montagefilm von Ed Perkins, einem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilmer. 2019 erhielt er eine Oscar-Nominierung für „Black Sheep“, einen Kurzfilm über einen Fall von Rassismus in einer englischen Kleinstadt. Man kann sich darüber streiten, ob es überhaupt ein Dokumentarfilm war – Perkins hatte eine wahre Geschichte mit Laien nachinszeniert. Diesmal ist jedes Bild authentisch, mit dem er das öffentliche Leben Dianas aufblättern lässt wie in einem opulenten Bildband, aber wieder ist da eine durchgehende Distanz: Perkins versucht gar nicht erst, sein Publikum mit dem Reiz des angeblich Nie-Gezeigten zu verwöhnen.

Die Bilder gehören größtenteils zum Corpus des bekannten medialen Diana-Bilds. Zugleich erklärt er nichts, nur manchmal wird eine Bildquelle kurz eingeblendet. Stimmen aus dem Off sind ausnahmslos historisch, auch wenn die Überkommentierung öffentlicher Ereignisse wie der Hochzeit 1981 auf ein Minimum heruntergemischt wurde. Mit Bedacht ausgewählt, bringen sie jene oft schamlose Anmaßung auf den Punkt, mit der auch seriöse Kommentatoren Dianas Leben förmlich kannibalisierten. Noch das Heer der Trauernden musste sich etwa vom US-Journalisten Christopher Hitchens verspotten lassen.

Musik mit Pathos in „The Princess“ Diana

Ganz ohne eigenen Kommentar aber ist Perkins’ Film nicht. Wenn die O-Töne in den Hintergrund gemischt werden, treten entweder naturalistische Soundeffekte aus der Konserve an ihre Stelle oder eine aufwendige Filmmusik, die Martin Phipps, der Komponist von „The Crown“, geschrieben hat. Inspiriert von der Minimal Music eines Philipp Glass, will sie doch alles andere sein als minimalistisch, schiebt sie sich immer wieder mit sattem Pathos in den Vordergrund. Lady Diana – es gibt sie auch heute nicht ohne öffentliche Vereinnahmung, ohne kollektives Mitleid. Auch wird es wohl nie möglich sein, die Verwendung von Paparazzi-Aufnahmen mit so etwas wie einer dokumentarischen Ethik unter einen Hut zu bringen. Immer wieder scheint ihr Einsatz dadurch legitimiert, dass man Diana mit den Fotografen flirten sieht. Aber was blieb ihr auch anderes übrig?

Tatsächlich erweist diese Biographie Diana vor allem in einer Hinsicht Respekt: Sie versammelt viele ihrer Medienauftritte in einer Chronik schnell erlernter Meisterschaft. Bei einer Australienreise wird sie von Journalisten umschwärmt, die zugleich nicht die Gegenschüsse auf den sichtlich gekränkten Charles vergessen. Bei der Geburt ihres zweiten Kindes wird er sich rasch zum Polospielen verabschieden.

„The Princess“ Diana - Erinnerungen an den Tag des Todes

Auch Dianas BBC-Interview mit Martin Bashir vom 5. November 1995 beweist noch immer ihre außerordentliche Begabung im Umgang mit den Medien – gerade wenn man heute weiß, dass Bashir sie mit gefälschten Dokumenten dazu drängte.

Aber dann sind da eben auch jene verstörenden Szenen, die zugleich zum Alltag dieser bemerkenswerten Frau gehören: gejagt von den modernen Kopfgeldjägern der Boulevardpresse.

Wer erinnert sich nicht an den Tag, als die Nachricht ihres Todes durch die Medien ging? Mich erreichte sie in einem Presseraum beim Filmfestival von Montreal. Stille breitete sich augenblicklich aus, getragen von der Vorstellung, dass Vertreter des eigenen Berufsstands die Prinzessin in den Tod gejagt haben könnten. Den Boulevardmedien selbst gelang es daraufhin in erstaunlicher Weise, von dieser Entrüstung zu profitieren und die schwarzen Schafe vorübergehend zum Thema populistischer Debatten zu machen. Geändert hat sich nichts, neue Opfer fanden sich schnell.

Der ikonische Kuss in „The Princess“

Perkins thematisiert die Verfehlungen der Presse nur indirekt, aber man hat auch nicht den Eindruck, er nutze die Aufnahmen unreflektiert. Die Teleobjektiv-Aufnahme eines Kusses mit ihrem Freund Dodi Al-Fayed, erhascht von einem Paparazzo, ist inzwischen selbst ein ikonisches Zeugnis einer Ära; wer das weglässt, hat kein vollständiges Bild. Was ist es also, das dieser Film dem Diana-Hype noch hinzufügen kann?

The Princess

Dokumentarfilm. Regie: Ed Perkins. GB/D 2022. 109 Min.

Vermutlich nichts außer einer Akzentverschiebung, die man für sich selbst setzen wird. Denn etwas ändert sich ja immer mit dem zeitlichen Abstand. Manche ikonischen Gesichter des 20. Jahrhunderts verblassen, Diana nicht. Nur sieht man sie heute weit mehr im Glanz ihrer Selbstbestimmtheit, denn als Opfer. Elton John in allen Ehren, aber wann immer sie sich in der Öffentlichkeit inszenieren konnte, war sie kein Kerzchen im Wind. Sie war der Wind.

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