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In einer etwas schmalzigen Nebenhandlung: Alison Eastwood als Iris, Clint Eastwood als Earl Stone.

„The Mule“

Der Million Dollar Grandpa

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Wieder einmal singt Clint Eastwood ein Heldenlied auf das bodenständige Amerika – doch selten so amüsant wie in der Schmugglerkomödie „The Mule“.

Eine Meldung und ihre Geschichte: Im Oktober 2011 wurde der 87-jährige Amerikaner Leo Sharp mit 104 Kilo Kokain in seinem Lieferwagen festgenommen. Mehr als zehn Jahre lang hatte der Rentner bis dahin unbehelligt immense Mengen Kokain von der amerikanischen Grenze bis nach Detroit transportiert, manchmal waren es 300 Kilo auf einmal. Allein im Jahr 2010, so errechnete ein Reporter der „New York Post“, habe er mehr als eine Tonne Kokain transportiert – „genug, um siebeneinviertel Millionen Menschen mit einer Linie Koks zu versorgen.“ 

Clint Eastwood ist nicht Claas Relotius

Man könnte viele Geschichten spinnen um Sharp, der im Jahr 2014, an seinem 90. Geburtstag, zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt wurde, von der er wegen nachlassender Gesundheit nur ein Jahr absitzen musste. Aber Clint Eastwood ist nicht Claas Relotius, der phantasiebegabte Reporter, und so hält er sich wie auch Drehbuchautor Nick Schenk („Gran Torino“) mit allzu verwegenen Ausschmückungen zurück. Vorsichtshalber wurde aber der Name des vor zwei Jahren verstorbenen, spätberufenen Kriminellen geändert in Earl Stone. Sein Vorleben jedoch, das Clint Eastwood zu einem farbenprächtigen Anfang für seinen Film inspiriert, folgt Sharps Biografie mit Sorgfalt. 

Als Pflanzenzüchter kreierte der Kriegsveteran des Korea-Krieges rund 150 Lilien, für die er auf Messen Preise einheimste. Eastwood, inzwischen selbst 88, spielt den charmanten Senior zu Beginn mit altmodischem Verkäufercharme. Diese ins Jahr 2005 verlegte Exposition erlaubt Eastwood eine dezente Verjüngung, während er im weiteren Verlauf des Films souverän einen 90-Jährigen spielt (von Robert Redford, heute 82, könnte man sich das kaum vorstellen). 

Dann aber muss Eastwoods Selfmademan erleben, wie sein Geschäft ein Opfer der globalisierten Marktwirtschaft wird; Hobbygärtner bestellen die Blumensamen nun lieber im Internet. Seinem Haus droht die Pfändung, an ein Hochzeitsgeschenk für die vernachlässigte Enkelin ist nicht zu denken. Und selbst das Tanzcafé der Veteranenfreunde steht vor der Schließung. Da kommt das merkwürdige Jobangebot eines jungen Mannes mexikanischer Abstammung gerade recht: Wer würde sich für Kurierfahrten besser eignen als ein unverdächtiger Rentner, der nie in seinem Leben auch nur ein Knöllchen bekommen hat? 

Clint Eastwood findet gefallen Helden der eigenen Generation

In einer Art Gegenentwurf zu „Gran Torino“ hat Eastwood noch einmal einen gefallenen Helden in der eigenen Generation gefunden. Anders als der grantige Nachbar im genannten Film ist Earl Stone von Anfang an ein Sympathieträger. Er ist ein Verlierer des zerbrochenen amerikanischen Traums vom Erfolg in Rechtschaffenheit.

Und ausgerechnet diese Rechtschaffenheit steht nun zur Disposition: Auch wenn dieses „Muli“ – wie Gangster ihre Transporthelfer nennen – schwere Straftaten begeht, bleibt seine Alltagsmoral unkorrumpiert: Zum Schrecken seiner Auftraggeber nimmt er sich gerne Zeit, um auf der Landstraße den Pannenhelfer zu spielen, umso mehr, als es sich bei den Liegengebliebenen um technisch unversierte Mittelschichtsbürger handelt. „Ihr jungen Leute ruft ja gleich wegen allem das Internet an“, beklagt sich der Mann, dem die Drogenbosse erst erklären müssen, wie ein Smartphone funktioniert. „Wer braucht das Internet überhaupt?“, hält Stone dagegen. 

Eastwood singt das Heldenlied des bodenständigen Amerikas, das von dem derzeit populistisch argumentierenden Präsidenten für bedroht erklärt wird (Clint Eastwood, der Donald Trump zu Beginn seiner Kandidatur übrigens unterstützte, geht inzwischen zu ihm auf Distanz). Doch von allen nationalen Klischees ist gegen das vom hilfsbereiten amerikanischen Rentner wohl am wenigsten einzuwenden; wohl jeder, der einmal in den USA unterwegs war, kann davon erzählen.

Eastwood lässt herrliche Spannung entstehen

Eine herrliche Spannung lässt Eastwood aus dem Zusammenprall von nervöser Gangster-Coolness und der wahren Lässigkeit des Seniors entstehen. Da hätte es der etwas schmalzigen Nebenhandlung um die sterbenskranke Tochter, die mit dem stets abwesenden Vater vor langem gebrochen hat, kaum noch bedurft. Anderseits – wenn schon Schmalzigkeit, dann wenigstens von einem wie Eastwood.

Zum Ende, das wir natürlich nicht verraten, wächst der Sockel dieses Heldenbilds dann aber doch über Gebühr in die Höhe. Der wahre Schmuggelrentner war da vor Gericht schon ein anderes Kaliber. Statt die geforderten 500.000 Dollar Strafe zu zahlen, bot er an, dafür hawaiianische Papaya-Pflanzen anzubauen. Und auch über die Bewertung von Kokain hatte der Pflanzenfreund seine eigene Meinung: „Sämtliche Pflanzen Gottes, welche die Menschen aufheitern, wurden für einen bestimmten Zweck geschaffen: sich der depressiven Gemüter anzunehmen, damit sie sich gut fühlen.“ 

Das möchte Clint Eastwood offenbar dann doch nicht in seinem Film hören. Zur Aufheiterung der Gemüter ist dieser ohnehin die bessere Wahl.

The Mule. USA 2018. Regie Clint Eastwood. 115 Min.

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