Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der alte Mann und das Eismeer

„The Midnight Sky“ auf Netflix: George Clooney kann mit seiner Regiearbeit nicht überzeugen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Clooney Regiearbeit in „The Midnight Sky“ auf Netflix schleppt sich nur mühselig voran. Die Handlung wirkt bereits nach der Hälfte festgefroren.

  • Auf Netflix läuft „The Midnight Sky“, bei dem George Clooney Regie führte.
  • Die Rolle eines kranken Astrophysikers spielt Clooney in dem Endzeitdrama selbst.
  • Die Handlung wirkt lückenhaft und wenig packend.

Die blaue Murmel trägt einen dicken Schimmelpelz. Aus dem Orbit betrachtet, macht Mutter Erde keinen guten Eindruck mehr, anno 2047. Man kann nur hoffen: Wer hier lebte, wer sie so behandelte, hatte noch eine zweite im Kofferraum. Leider sieht es nicht so aus.

Man erfährt wenig über die Katastrophe, die unseren Heimatplaneten derart zugerichtet haben wird in George Clooneys Netflix-Spielfilm „The Midnight Sky“. Auch Greta Thunberg, die dann 44-jährige, hätte es wohl nicht so schlimm kommen sehen.

George Clooney spielt einen kranken Astrophysiker in „The Midnight Sky“ auf Netflix

Minimalismus hat einige der eindrucksvollsten Science-Fiction-Filme hervorgebracht, „Solaris“ (weniger die Steven-Soderbergh-Version mit Clooney selbst als Tarkowskijs Original) oder auch, unter Clooneys Mitwirkung, das schwerelose Pax-de-deux „Gravity“. Doch seine Literaturverfilmung nach Lily Brooks-Daltons 2016 erschienenem Roman „Good Morning, Midnight“ verschenkt früh jenen Imaginationsraum, der in bewussten Auslassungen stecken kann.

Auch der Abflug der Belegschaft einer arktischen Sternwarte in hoffentlich sichere Gefilde ist in diesem Low-Budget-Blockbuster lediglich eine Erwähnung wert. Umso mehr Leinwandzeit gönnt der Regisseur dem tristen Alltag des Letzten, der in der Eiswüste ausharrt: Diesen berühmten, nun tödlich erkrankten Astrophysiker Augustine Lofthouse spielt er selbst, mit dicken Tränensäcken und weißem Rauschebart. Rückblenden erzählen fragmentarisch von einer verlorenen Liebesbeziehung und einem Kind, das er kaum kannte, geopfert akademischem Ruhm und wissenschaftlichen Ehrgeiz.

„The Midnight Sky“ von Clooney auf Netflix: Kind gesellt sich zu dem Physiker

Zwischen Alkohol und Infusionen bewacht er an diesem verlorenen Außenposten nur mehr ein Mikrofon in Richtung Orbit. So gerät in Clooneys Erzählung auch ein apokalyptisches Menschheitsdrama ins Hintertreffen gegenüber dem Schicksal eines einsamen alten Mannes. Wenigstens mit der Einsamkeit ist es dann überraschend vorbei.

Es ist absolut nicht mehr schön auf der Erde: Regisseur George Clooney als Augustine und Caoilinn Springall als wortkarges Mädchen warten und warten.

Das Auftauchen eines etwa zehnjährigen Mädchens, das sich offenbar vor dem Abflug versteckt hat, erweitert das Solo zum Zweipersonenstück. Dem wortkargen Kind gelingt es, die müden Augen des Einsiedlers wieder leuchten zu lassen, der nun eine Aufgabe bekommt. Oder ist es nur Alexandre Desplats omnipräsente Filmmusik, die hier etwas zum Schmelzen bringen möchte?

Zugleich aber muss Augustine noch die Besatzung eines nahenden Raumschiffs warnen, von einer Jupiter-Mission auf die kaputte Erde zurückzukehren. Die Technik aber versagt, und so machen sich beide durch die Eiswüste auf zu einem anderen, besseren Teleskop.

„The Midnight Sky“ von George Clooney auf Netflix wirkt schon nach der Hälfte festgefroren

Während der Film gerade noch an Heidi und den Almöhi erinnern mochte, sieht er nun eher aus wie das Polarexpeditionsdrama „Scotts letzte Fahrt“. Den Fußmarsch durch den Schneesturm überleben beide nur wie durch ein Wunder, Augustine Lofthouse kracht zwischendurch sogar durch eine Eisdecke und befreit sich aus dem Wasser: Erstaunlich, wo er sich in den Anfangsszenen doch kaum auf den Beinen halten konnte. Der Film selbst hält sich weniger wacker und wirkt auf halber Strecke schon kaum rettbar festgefroren. Höchste Zeit, zu einer Parallelgeschichte in den Weltraum umzuschalten.

Auch hier, unter den heimwärts düsenden Erforschern eines besiedlungsfähigen Jupitermonds, herrscht ein merkwürdig unproduktiver Minimalismus. Das von außen betrachtet riesige Raumschiff scheint im Innern nur aus wenigen Räumen zu bestehen; die immerhin sind gestaltet im organisch-verschlungenen Stil der verstorbenen Architektin Zaha Hadid. Gern wüsste man, wie lange die kleine Mannschaft schon unterwegs ist, aber auch dieses Detail scheint für Clooney verzichtbar. Dabei ist das Spiel mit Raum und Zeit nun einmal das A und O der großen Weltraum-Dramen. Nichts dagegen, wenn die Genreregeln leichthändig für obsolet erklärt werden, um zu persönlichen Ansätzen zu finden. Doch auch davon kann keine Rede sein. Immer wieder muss Komponist Alexandre Desplat die Fugen kitten. Wie man hört, dirigierte er Corona-bedingt das Orchester im Londoner Abbey-Road-Studio aus dem Pariser Home-Office.

„The Midnight Sky“ auf Netflix: Regiearbeit von George Clooney überzeugt nicht

Es gibt wohl keinen Stil, den Desplat nicht beherrscht, hier ist es elegische Sinfonik mit wenigen, sich wiederholenden Motiven, gewürzt mit ein paar sphärisch-schwingenden Dissonanzen. Nur verbinden sich diese spätromantischen Qualitäten höchst unselig mit der Larmoyanz von Clooneys Darstellung. Er selbst scheint der Ausdrucksfähigkeit seines festgefrorenen Gesichts misstraut zu haben, anders ist der überbordende, emotionalisierende Musikeinsatz kaum zu erklären.

Dabei hätte alles so gut werden können: Drehbuchautor Mark L. Smith, hatte mit „The Revenant“ bewiesen, wie eindrucksvoll sich mit wenigen Figuren ein Überlebensdrama erzählen lässt; die unglückliche Parallelerzählung aber bekommt er nicht zusammen. Und dem deutschen Kameramann Martin Ruhe gelangen an den Drehorten Island und La Palma stimmungsvolle Panoramen, die in der Postproduktion allerdings recht großzügig mit digitalem Nordlicht überzogen wurden. Das größte Problem aber ist Clooneys Regie, die immer wieder fast rührselig nach dem Silberstreif im Untergang sucht. Was wäre willkommener zum Ausklang dieses Coronajahrs als ein packendes Endzeitdrama? Clooneys neueste Regiearbeit aber schleppt sich so beschwerlich voran wie sein alter Mann durch das Eismeer.

The Midnight Sky. USA 2020. Regie: George Clooney. 122 Min.

Rubriklistenbild: © --/Netflix/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare