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Von schwelgerischer Pracht: Xavier Giannolis „Illusions perdues“ nach Balzac.
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Von schwelgerischer Pracht: Xavier Giannolis „Illusions perdues“ nach Balzac.

Filmfestival Venedig

„The King of Laughter“ und „Illusions perdues“: Jäger und Sammlerinnen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Selten war die Suche nach lohnenden Filmen beim Festival in Venedig derart einfach – Wettbewerbsbeiträge aus der Ukraine, Italien und Frankreich.

Nach zwei Dritteln Festival kann auch ein chronisch überbuchtes Ticketsystem seinen Schrecken verlieren. Filmkritiker und Kritikerinnen sind Jäger und Sammler und stören sich offensichtlich nicht allzu sehr daran, zu allen Tages- und Nachtzeiten auf den Moment zu lauern, wo eine retournierte Karte wieder im Online-System auftaucht. Für die Lücken, die sich dennoch im Programm auftun, entschädigt der Lidostrand wenige Tage vor dem Ende der Badesaison. Auch ein venezianischer Freund ist dort unter die Sammler gegangen und erklärt mir, wie man die lebendigen Muscheln im Schalenmeer aufspürt, die er für seine abendlichen Spaghetti Vongole braucht. Sie graben sich senkrecht in den Sand, doch es nützt ihnen wenig. „Macht ihr Kritiker nicht das gleiche?“ – „Richtig, erst finden wir die Guten, und dann bringen wir sie um.“

Aber Scherz beiseite: Selten war ein Filmfestival so arm an Fehlgriffen. Auch der problematische ukrainische Wettbewerbsbeitrag „Reflection“ rechtfertigte nicht das Buhkonzert am Ende der Pressevorführung. Der Filmkünstler Valentyn Vasyanovych (vor zwei Jahren gewann er hier die Orrizonte-Sektion mit „Atlantis“) ist bekannt für lange, statische Einstellungen. Diesmal zählte ein Branchenblatt ganze 29 Bildwechsel in 125 Minuten. Die Unbeirrbarkeit des Filmstils korrespondiert im tragischen Höhepunkt mit der Gnadenlosigkeit einer Folterszene.

Ein Arzt hat sich von seinem Schwiegersohn überreden lassen, ihn in die besetzte Krim zu begleiten. Als ihn die Folterknechte an den Ort ihres Verbrechens führen – ein ehemaliges Zentrum für zeitgenössische Kunst – ist dem Mann schon nicht mehr zu helfen.

Das Problem dieses Films ist nicht die Behandlung eines tatsächlichen Kriegsverbrechens. Es ist die Menge an Kolportage, die der Filmemacher in die sterile Digitalfotografie seiner Szenen lädt. Ist es nötig, dass der Arzt seinem leblosen Freund auch noch den „Gnadentod“ gibt, um schließlich, nach einem Gefangenenaustausch, mit schwerstem Gewissen nach Hause zu reisen? Eine sicherere Hand bewies Festivaldirektor Alberto Barbera dagegen bei den sonst oft wenig preisverdächtigen Kostümfilmen.

Mario Martones italienischer Beitrag „The King of Laughter“ umwirbt sein Publikum im leichten Ton einer Boulevard-Komödie aus dem Milieu eines Boulevard-Theaters der Jahrhundertwende. Das Thema aber ist hochaktuell, es geht um einen Urheberrechtsstreit, den der neapolitanische Komiker und Theatermacher Eduardo Scarpetta nach einer Klage Gabriele D’Annunzios führte. Scarpetta hatte ein Stück des ultranationalistischen Dichterpapstes parodiert, der ihn im Gegenzug des geistigen Diebstahls bezichtigte. Martone nähert sich der komplexen Debatte um Autorenschaft so leichthändig, dass es einem mit seinem Film ergehen könnte, wie Scarpetta selbst: Man ist versucht, ihn zu unterschätzen, aber das wäre ausgesprochen ungerecht.

Von schwelgerischer Pracht ist dagegen das neueste Werk des Franzosen Xavier Giannoli. „Illusions perdues“ ist eine Verfilmung des gleichnamigen Balzac-Romans von 1843; die fast zweieinhalb Stunden konzentrieren sich auf dessen Mittelteil „Ein großer Mann aus der Provinz in Paris“. Benjamin Voisin spielt den aufstrebenden Dichter Lucien, der im aufstrebenden Zeitungsjournalismus als Literaturkritiker Karriere macht, doch in einem korrupten System, das man heute „Kulturwirtschaft“ nennen würde, unter die Räder gerät. Es ist nicht schwer, in Balzacs messerscharfer Analyse des Klassensystems und seiner kritischen Sicht auf die frühen Massenmedien nach Aktualitäten zu suchen. Giannoli breitet sie sorgsam vor uns aus, in glänzenden Dialogen und detailverliebt wie ein zweiter Bertolucci.

Das wäre dann auch das einzige, dass sich gegen diesen kulinarischen Film vorbringen könnte – hier wird das Kino nicht neu erfunden, seine Eleganz ist von einer Art, wie man sie schon vor fünfzig Jahren bei diesem Festival gefeiert hätte. Und sicher hätte die Filmindustrie schon damals genüsslich ihrer Erbfeindin eins ausgewischt, der Kritikerzunft, die angeblich blind für wahre Schönheit ist.

„Treffen sich zwei Kritiker auf einem Boot am See Genezareth“, beginnt in „Verlorene Illusionen“ ein Autor einen Scherz: „Vor ihnen wandelt gerade Jesus auf dem Wasser. Sagt der eine: Sieh mal, der kann noch nicht mal schwimmen.“

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