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Keine geradlinige Initiationsgeschichte für Sir Gawain, Dev Patel, hier mit Alicia Vikander als Lady Essel.
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Keine geradlinige Initiationsgeschichte für Sir Gawain, Dev Patel, hier mit Alicia Vikander als Lady Essel.

Kino

„The Green Knight“ im Kino: Der hölzerne Gast

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der beste Ritterfilm seit Jahrzehnten: David Lowerys wunderbares Fantasy-Epos „The Green Knight“.

Wann haben wir zuletzt einen richtig guten Ritterfilm gesehen? Keinen monumentalen Actionfilm wie Ridley Scotts „Königreich der Himmel“ oder maskulinen Kraftakt wie Mel Gibsons „Braveheart“ (beides hat selbstredend seinen Platz). Sondern eine fein gewobene, mittelalterliche Tapisserie, die Legenden für das nimmt, was sie sind: Märchen, die ernst genommen werden wollen.

„The Green Knight“ ist wahrscheinlich die beste Ritter-Fantasie seit den achtziger Jahren, seit Rob Reiners „Die Braut des Prinzen“ und John Boormans „Excalibur“. Regisseur und Autor David Lowery, der dieses seltene Schmuckstück geschmiedet hat, war da noch ein Kleinkind.

Bekannt geworden mit dem ungewöhnlich feinfühligen Disney-Remake „Elliot, der Drache“ und dem minimalistischen Gespensterfilm „A Ghost Story“, entspinnt er seinen bisher persönlichsten Film aus der Artus-Legende. Um sie rankt sich seine verwunschene Geschichte wie eine leichte Kletterpflanze um eine mächtige Eiche. Ihre wichtigste Quelle ist das anonym überlieferte Epos „Sir Gawain and the Green Knight“ aus dem späten 14. Jahrhundert.

Dev Patel spielt diesen Gawain, einen Neffen König Artus’, als sinnenfreudigen Lebemann. Bevor er sich an einem Weihnachtsabend zur Burg Camelot aufmacht, denkt sich seine Mutter, eine von Sarita Choudhury gespielte Hexe, heimlich für ihn eine Prüfung aus. Schließlich weiß niemand, ob er tapfer oder gar ritterlich genug ist, um einen Platz an der berühmten Tafelrunde zu verdienen.

Verkündet wird diese Prüfung von einem unheimlichen Reiter, mehr Baum als Mensch in seiner Ritterrüstung: Wer von den Anwesenden den Schneid dazu habe, dürfe ihm an Ort und Stelle einen Schlag mit dem Schwert versetzen. Doch das Angebot kommt mit einem Preisschild: Falls er diesen überleben sollte, würde er seinen Gegner am nächsten Weihnachtsabend in seiner grünen Kapelle empfangen – um ihm den gleichen Schlag zurückzugeben.

Als einziger der Anwesenden meldet sich Gawain auf die scheinbar unproblematische Mutprobe. Tatsächlich ist sie aber eher ein Intelligenztest: Der Kopf lässt sich zwar mühelos vom Rumpf des Pflanzenmannes trennen, doch nimmt ihn dieser gleich lachend wieder unter seinen Arm. Und lässt einen belämmerten jungen Mann zurück, dem nurmehr ein Jahr Zeit bleibt, sich auf den Verlust des eigenen Kopfes vorzubereiten.

Lowery gelingt schon in diesen ersten Szenen die Balance sonst konträrer Elemente: Eine rohe, fast dokumentarisch anmutende Darstellung des mittelalterlichen Lebens, malerisch komponierte Tableaus und wenige, aber effektvolle Digitalanimationen. Verbindend legt sich eine oft atonale Filmmusik darüber, komponiert von Daniel Hart mit viel Perkussion und Carl-Orff’schen Chören.

Zu voller Wirkung kommt die surreale Gesamtheit aber erst im Mittelteil des Films – der Odyssee des tragischen Helden durch verwunschene Wälder, zu einem Hexenhäuschen und ins Schloss eines vermeintlichen Gönners.

Auch das in den meisten Mittelalter-Epen obligatorische Schlachtfeld lässt Lowery ihn passieren – doch nicht für eine spektakuläre Massenszene: Übersät mit Leichen, warnt der morbide Ort den furchtsamen Helden vor den Folgen der von ihm ersehnten ritterlichen Macht.

Der eigentliche Kunstgriff für diese nicht ganz geradlinige Initiationsgeschichte eines Mannes, der mit dem eigenen Idealbild einfach nicht verschmelzen kann, ist seine Einfachheit. Welch wunderbare Irritation entsteht zum Beispiel an einer einfachen Doppelbesetzung: Da begegnet uns die betörende Alicia Vikander erst in einem Bordell, dann als höfische Verführerin. Oder es gibt eine Kamera-Kreisfahrt in einem Wald, wo Gawain von Räubern überfallen wurde: Erst erfasst sie das Opfer als Skelett, dann dreht sie noch einmal in die andere Richtung, und er ist wieder lebendig. Aber was ist schon der Unterschied? Eine von Gawains Bekanntschaften am Wegesrand ist die Heilige Winifred. Er fragt sie: „Bist du wirklich?“, und Winifred antwortet: „Was ist der Unterschied? Ich brauche meinen Kopf.“

Wirklich umwerfend aber ist eine Richtungsänderung des Films kurz vor seinem Ende. Das getragen-balladenhafte Epos erfindet sich jetzt noch einmal neu als wortloses, 15 Minuten langes Finale. David Lowery arbeitete, bevor er Regisseur von Spielfilmen wurde, lange Zeit als Schnittmeister, auch dieses Virtuosenstück hat er selbst montiert. Selten hat man in einem großen Spielfilm so viel Spielerisches gesehen, so viel Unorthodoxes und einen so selbstverständlichen Surrealismus.

Ganz am Anfang bedrängt das Königspaar den sympathischen jungen Mann vergeblich: „Wir wollen deine Geschichte hören.“ Ein verständlicher Wunsch in einer Zeit voller Legenden. Doch da hat Gawain noch nichts erlebt. Was er danach erlebt, inszeniert Lowery nicht einfach als Geschehen. Er zeigt es so frisch wie eine Geschichte, die man sich gerade ausdenkt. Allerhand für einen Ritterfilm nach dem uralten Epos eines anonymen Autors.

The Green Knight. USA, Irland 2020. Regie: David Lowery. 130 Min.

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