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Es muss eine im Himmel geborene Redaktion sein: Wes Andersons „The French Dispatch“.
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Es muss eine im Himmel geborene Redaktion sein: Wes Andersons „The French Dispatch“.

Cannes

„The French Dispatch“ und „Bergman Island“ in Cannes: Die schönste Zeitschrift, die es niemals gab

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Zwei kunstsinnige Beiträge im Wettbewerb von Cannes: Wes Andersons „The French Dispatch“ und „Bergman Island“ von Mia Hansen-Løve.

Hollywood hegte nie viel Sympathie für den Journalismus, heroische Kriegsreporter einmal ausgenommen. Und was man von uns Feuilletonisten hielt, dafür ist der Klassiker „Alles über Eva“ ein schönes Beispiel: Der von George Sanders gespielte Theater-Kolumnist erklärt es lässig: „Wir Kritiker gehören zum Theater wie die Ameisen zum Picknick.“

Vielleicht lieben wir deshalb Cannes so sehr, wo das Festival seine besten Akkreditierungen nicht an die Produzenten, sondern an die Presse vergibt. Und der Filmkritik noch heute mit demselben Respekt begegnet, wie vor sechzig Jahren, als sich die „Nouvelle Vague“ der französischen Filmkunst aus Kritikerinnen und Kritikern rekrutierte.

Wes Anderson müssen wir natürlich von den Kritiker-Verächtern ausnehmen. Sein neuer Film „The French Dispatch“ ist eine doppelte Hommage, sowohl an das kultivierte Zeitungsmachen wie auch an das Land, welches das Wort „Feuilleton“ einmal erfunden hat. Der von Bill Murray gespielte Herausgeber und Chefredakteur eines in Paris verlegten Ebenbilds der Zeitschrift „New Yorker“ ist zu Beginn der Handlung verstorben. Das macht ihn zum Thema der Nachruf-Seite seiner letzten Ausgabe – denn das ausnahmslos von Edelfedern verfasste Blatt soll laut seinem Testament mit ihm begraben werden.

So blättert sich der Episodenfilm liebevoll durch alle Ressorts und beschwört eine geradezu übermenschlich innige Verbindung zwischen dieser im Himmel geborenen Redaktion und ihren Themen: Tilda Swinton spielt zum Beispiel eine Kunstkritikerin, die sich zugleich als Muse versteht. Was ihren von Benicio del Toro gespielten Lieblingsmaler Moses Rosenthaler nicht daran hindert, selbst ein Doppelleben zu führen: Verurteilt wegen Doppelmordes, hat er sein Atelier im Gefängnis aufgeschlagen, und sein von Lea Seydoux gespieltes Nacktmodel ist eigentlich dort Wärterin.

Dies ist nur eine von vielen prominent besetzten Geschichten, durch die Wes Anderson in seinem typischen Stil flaniert – eingefasst in zweidimensionale Dekors und doppelbödige Pointen. Wollte man ein Buch über Anderson schreiben, wäre es wohl ein Pop-up-Buch mit prächtigen Tableaus und vielen Fußnoten. Doch so liebevoll sein Kino feiert, was es liebt – hier unter anderem Jean-Luc Godards Farbfilme aus den sechziger Jahren – so wenig echte Emotionalität wagt es für sich selbst.

Mehr noch als seine früheren Filme ist „The French Dispatch“ ein Wes-Anderson-Museum, ebenso einladend wie zugleich distanziert. Fertiggestellt schon für die abgesagte Cannes-Ausgabe im vergangenen Jahr, beginnt der Film noch mit dem Logo des inzwischen an Disney verkauften, ehemaligen Arthouse-Labels „Fox Starlight“. So ist er selbst bereits ein Stück Geschichte, würdig nostalgischer Erinnerungen.

Dass es durchaus möglich ist, vergangene Kunst auch ohne Nostalgie zu feiern, beweist im selben Wettbewerb die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve. In „Bergman Island“ verbringt ein Filmemacherpaar (gespielt von Vicky Krieps und Tim Roth) einen Kreativ-Aufenthalt auf den Spuren des großen Schweden. Ich erinnere mich, wie einmal ein schwedischer Filmkritiker, der ihn gut kannte, dessen einfache Adresse weitergab: „Ingmar Bergman, Fårö, Schweden“. Schließlich leben auf dem kleine Eiland nur etwa 500 Menschen. Heute ist Bergmans Wahlheimat, in die er sich bei der Arbeit an seinem Film „Wie in einem Spiegel“ verliebte, ein Freilichtmuseum für Fans aus der ganzen Welt.

Doch diese filmische Huldigung verstummt nicht in Respekt: Die semidokumentarischen Szenen aus Ingmar Bergmans Umfeld verhalten sich nicht dominanter als eine grundierte Leinwand. Darauf tupft diese unvergleichliche Filmemacherin zunächst ein federleichtes Beziehungsstück über kreative Differenzen. Gänzlich pathosfrei gestaltet, ist es reinster Anti-Bergman – um erst allmählich (und dann sehr Bergman-haft) mit Traum und Wirklichkeit zu spielen.

Das Projekt, das die junge Filmautorin ihrem Partner erzählt, ist die Verfilmung ihrer Jugendliebe: Mia Wasikowska spielt in diesem imaginären Film-im-Film ihr Alter ego. Doch als böte dieser sehr private Filmstoff nicht genug Diskussionsmaterial für Szenen einer Künstlerehe, mischen sich hier auch die frischen Eindrücke und Begegnungen zwischen die Erinnerungen.

Wann hat man je eine derart unprätentiöse Hommage an einen sonst ins Unerreichbare überhöhten Künstler gesehen? Einmal streift die Kamera kurz durch Bergmans private Videothek, in der es Platz auch für die populärsten Genres gab (unter anderem war er Fan der Serie „Dallas“). Keine Frage, diese verblüffende Kreuzung zwischen „Das Lächeln einer Sommernacht“ und einem unscheinbaren französischen Landhausfilm hätte Bergman sich nicht entgehen lassen.

Wer kann Filme derart unbeschwert und geistreich zaubern wie Mia Hansen-Løve? Ein besseres Lebenszeichen kann sich das Kino jedenfalls nicht wünschen.

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