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Bill Murray als Chefredakteur Arthur Howitzer Jr., Wally Wolodarsky and Jeffrey Wright (v.l.n.r.) in dem Film „The French Dispatch“.
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Bill Murray als Chefredakteur Arthur Howitzer Jr., Wally Wolodarsky and Jeffrey Wright (v.l.n.r.) in dem Film „The French Dispatch“.

„The French Dispatch“

„The French Dispatch“ im Kino: Das jüngste Museum des Wes Anderson

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Die kunstvolle Komödie „The French Dispatch“, einladend und distanziert zugleich.

Diese Tage haben wieder einmal gezeigt, welche Blüten der Journalismus treiben kann. Kein Wunder, dass Hollywood nie viel Sympathie für diesen Berufsstand hegte, heroische Kriegsreporter einmal ausgenommen. Und was man von uns Feuilletonisten hielt, dafür ist der Klassiker „Alles über Eva“ ein schönes Beispiel: Der von George Sanders gespielte Theaterkolumnist erklärt es lässig: „Wir Kritiker gehören zum Theater wie die Ameisen zum Picknick.“

Wes Anderson müssen wir natürlich von den Kritiker-Verächtern ausnehmen. Sein neuer Film „The French Dispatch“ ist eine doppelte Hommage, sowohl an das kultivierte Zeitungsmachen wie auch an das Land, welches das Wort „Feuilleton“ einmal erfunden hat. Der von Bill Murray gespielte Herausgeber und Chefredakteur eines von Amerikanern in Frankreich gemachten Ebenbilds der Zeitschrift „New Yorker“ ist zu Beginn der Handlung verstorben. Das macht ihn zum Thema der Nachrufseite seiner letzten Ausgabe – denn das ausnahmslos von Edelfedern verfasste Blatt soll laut seinem Testament mit ihm begraben werden.

So blättert sich der Episodenfilm liebevoll durch alle Ressorts und beschwört eine innige Verbindung zwischen dieser im Himmel geborenen Redaktion und ihren Themen: Tilda Swinton spielt eine Kunstkritikerin, die sich zugleich als Muse versteht. Was ihren von Benicio del Toro gespielten Lieblingsmaler Moses Rosenthaler nicht daran hindert, ein Doppelleben zu führen: Verurteilt wegen Doppelmordes hat er sein Atelier im Gefängnis aufgeschlagen, und sein von Léa Seydoux gespieltes Nacktmodel ist dort Wärterin.

In einer idealen Zeitungswelt

Nein, wenn sich in dieser idealen Zeitungswelt Sex und Arbeit einmal kreuzen, dann weil hier die Gesetze der Liebe eben auch am Arbeitsplatz gelten. Wenn Reporterin Lucinda Krementz (Frances McDormand) mit dem etwas verschrobenen Studentenaktivisten (Timothée Chalamet), über den sie schreibt, auch schläft, dann führt sie ihn nur fürsorglich zum Pfad der Tugend.

Andere Autoren sind selber Künstler. Roebuck Wright, gespielt von Jeffrey Wright, ist nach dem Vorbild von James Baldwin gezeichnet. Wrights Geschichte über die kuriose Entführung eines Talkmasters ist so virtuos ausgeschmückt, dass ihm Bill Murray auf den Zahn fühlen muss. Man muss schon den Qualitätsjournalismus lieben, um dem idealen Zeitungsmacher solch ein Denkmal zu setzen. Anderson und Murray orientierten sich auch hier am berühmten Vorbild: am „New Yorker“-Gründer Harold Ross.

Durch prominent besetzte Geschichten flaniert Wes Anderson in seinem typischen Stil – gefasst in zweidimensionale Dekors und doppelbödige Pointen. Wollte man ein Buch über Anderson schreiben, wäre es wohl ein Pop-up-Buch mit prächtigen Tableaus und vielen Fußnoten. Doch so sehr sein Kino feiert, was es liebt – hier unter anderem Jean-Luc Godards Farbfilme aus den 60ern –, so wenig echte Emotionalität wagt es. Mehr noch als seine früheren Filme ist „The French Dispatch“ ein Wes-Anderson-Museum, so einladend wie auch distanziert.

Fertiggestellt schon für die abgesagte Cannes-Ausgabe im vergangenen Jahr beginnt der Film noch mit dem Logo des inzwischen an Disney verkauften Arthouse-Labels „Fox Starlight“. So ist er selbst bereits ein Stück Mediengeschichte, würdig nostalgischer Erinnerungen.

Und doch stehen wir wieder fassungslos vor diesem schwelgerischen Liebesdienst an der Kultur des 20. Jahrhunderts – und was von ihr wohl übrig bleibt. Wäre Anderson nur ein Nostalgiker, müsste ihn ihr Überleben nicht sorgen. Aber auch wenn er hier eine Fantasiegazette beschreibt und in einem erfundenen Städtchen namens Ennui-sur-Blasé ansiedelt, können wir das, wofür sie steht, noch retten. Das Beziehungsgeflecht, das Anderson beschreibt, diese kosmopolitische Bohème, die sich um die Printmedien der Jahrhundertmitte gruppierte, gibt es ja noch.

Die Welt ist voller Kulturmenschen, nur haben sie sich in ihren Heimbüros vergraben. Wenn es ein paar jetzt ins Kino schaffen, ist schon viel gewonnen.

The French Dispatch. USA/D/F/UK 2021. Regie: Wes Anderson. 108 Min.

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