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„The Card Counter“ im Kino: Die letzte Karte

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Von: Daniel Kothenschulte

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Oscar Isaac als William Tell, Tye Sheridan als Cirk. Foto: 2021 Focus Features
Oscar Isaac als William Tell, Tye Sheridan als Cirk. © © 2021 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED

„The Card Counter“: Paul Schrader hat das Trauma von Abu Ghraib in einen meisterhaften Spielerfilm geschmuggelt.

Vor 20 Jahren erzählte uns Paul Schrader in einem Interview, am liebsten wolle er zurück zu seinen Anfängen und wieder Filmkritiken schreiben. „Ich würde am liebsten wieder nur noch das machen. Aber leider darf man ja nicht zugleich Autor und Kritiker sein. Aber ich glaube, ich könnte heute wunderbare Kritiken schreiben. Wenn ich heute einen Film sehe, dann weiß ich genau, warum sie das so gemacht haben und nicht anders. Viele Kritiker können das nicht, sie raten herum. Wenn ich einen Film sehe, dann höre ich die Unterhaltungen auf dem Set, die konzeptuellen Überlegungen, die man sich gemacht hat.“

Glücklicherweise tat er es nicht. In seinen Siebzigern erlebt er die kreativste Phase seit Jahrzehnten. Den Anfang machte 2017 „First Reformed“, das meisterhafte Kammerspiel mit Ethan Hawke als radikalisiertem Priester, der seinen Sohn im Irakkrieg verlor.

Martin Scorsese, dessen „Taxi Driver“ er in jungen Jahren schrieb, unterstützte ihn als Produzent eines weiteren Dramas über Schuld und Sühne, mit dem ersten thematisch eng verwandt. Gleichwohl empfängt es sein Publikum getarnt als etwas völlig anderes. Schrader, der die Filmgeschichte kennt wie kaum jemand sonst, präsentiert uns zunächst einen klassischen Spielerfilm.

In muffigen Provinzcasinos

Oscar Isaac spielt die Hauptrolle in „The Card Counter“ so eindringlich wie der junge De Niro: Ein gefallener Kriegsveteran und ehemaliger Sträfling hat sich als Berufs-Pokerspieler ein neues Leben eingerichtet. Während er aus dem Off einige durchaus nachahmenswert erscheinende Tricks verrät, zitiert Schrader mit leichter Hand das Genre von „The Cincinnati Kid“ und Scorseses eigenem „Casino“. Aber nicht die schillernden Neonpaläste von Las Vegas sind seine Jagdgründe, sondern muffige Provinzcasinos und schäbige Hotels. Eigentlich heißt er William Tillich, doch er nennt sich William Tell: Seine Technik, die ausgespielten Karten mitzuzählen, verschafft ihm eine unauffällige Überlegenheit. Dann aber durchbricht die Begegnung mit einem jungen Mann die wohlvertrauten Rituale.

Am Rande einer Pokerveranstaltung lernt er Cirk (Tye Sheridan) bei einer Sicherheitskonferenz im selben Hotel kennen. Was sie verbindet, ist ihre Beziehung zum von William Dafoe gespielten Redner: Der pensionierte Major John Gordo war Befehlshaber in Abu Ghraib, wo sowohl Tillich als auch der Vater des Fremden dienten. Während der Major unbeschadet davonkam und inzwischen gut als privater Militärberater verdient, beging der Vater des Jungen Suizid. Tillich selbst verbrachte Jahre im Gefängnis und sieht sich dennoch außerstande, die Schuld, die er als Folterknecht auf sich geladen hat, zu büßen.

Schrader, der in seinem Werk schon oft Genreelemente gegen den Strich gebürstet hat, lässt seinen tragischen Helden nun den Jungen unter seine Fittiche nehmen. Auch das wäre typisch für einen Spielerfilm. Doch schleichend und zunehmend beklemmend entfesselt er das eigentliche Thema seines Dramas, Trauma und Traumaübertragung. Die ungleiche Freundschaft scheint einen positiven Effekt zu entfalten, und auch dem Spieler scheint es plötzlich attraktiv, sein Schattendasein zu verlassen: Eine Talentsucherin hat ein Auge auf ihn geworfen. Doch alle Hilfe, die er dem jungen orientierungslosen Mann anbietet, löst diesen nicht aus seinen Rachefantasien.

Was schnell vergessen wurde

Susan Sontag schrieb einmal vom „amerikanischen Surrealismus“, wenn sie über jene Unorte der amerikanischen Alltagskultur schrieb, die in der Fotografie so beliebt sind. Die schäbigen Pokerhallen würden sich dafür qualifizieren. Auch die Folterfotos aus Abu Ghraib, die Schrader in Traumsequenzen mit dieser Realität kontrastieren lässt, sind Teil der amerikanischen Ikonographie geworden. Kein großer Hollywoodfilm hat sich diesem Trauma bislang gestellt, und wahrscheinlich käme ein Steven Spielberg damit auch nie so weit wie Paul Schrader mit diesem Kammerspiel. Gnadenlos reißt er den Vorhang über dem Schnellvergessenen beiseite.

Das Schrecklichste an dieser amerikanischen Tragödie ist wohl, dass niemand ihre Wiederholung ausschließen kann – an einem anderen Ort, in einem anderen Foltergefängnis. Wer derzeit über eine Erhöhung von Verteidigungsausgaben nachdenkt, muss stets das ganze Bild im Blick haben. Kriege ohne Kriegsverbrechen wird es niemals geben, und auch das ist etwas, das Paul Schrader mit wenigen, aber pointierten Strichen skizziert: Die Strukturen, die diese Verbrechen ermöglicht haben, blühen und gedeihen.

The Card Counter. USA 2021. Regie: Paul Schrader. 111 Min.

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