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Ringo Starr, Paul McCartney, John Lennon und George Harrison in „The Beatles: Get Back“.
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Ringo Starr, Paul McCartney, John Lennon und George Harrison in „The Beatles: Get Back“.

„The Beatles: Get Back“

„The Beatles: Get Back“ auf Disney+: „Ich glaube, ich werde euch jetzt verlassen“

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Peter Jackson hat aus dem Beatles-Archiv einen Kulturschatz geborgen: Der Dokumentarfilm „The Beatles: Get Back“.

Frankfurt - In der modernen Archäologie gilt es als weise, manche Schätze erstmal in der Erde zu lassen. Schließlich sollen auch spätere Generationen mit besseren Techniken noch etwas zu bergen haben. So mögen es auch die Gralshüter des Beatles-Archivs der noch immer existierenden Firma Apple gedacht haben. Mehr als fünfzig Jahre blieben die rund 55 Stunden Film- und 120 Stunden Tonmaterial der sogenannten „Get Back Sessions“ unangetastet, seit daraus LP und Film „Let It Be“ zusammengestellt wurden. Beiden Werken, belastet vom Nimbus der Trennung, wurde trotz zeitloser Hits wie dem Titelsong der Klassikerstatus früherer Beatles-Alben verwehrt.

Auch wenn sich viele der inzwischen legendären Tonaufnahmen auf Bootlegs wiederfinden, schien für viele Fans doch ein Fluch darauf zu lasten. Will man seiner Lieblingsgruppe wirklich bei der sich anbahnenden Trennung über die Schulter schauen?

Beatles: Zeitpunkt ihrer Auferstehung hätte nicht besser gewählt werden können

Tatsächlich kann man hier Anfang und Ende der berühmtesten Band der Rockgeschichte stets zusammen hören. Auf der Suche nach Material für eine große Live-Show für das Fernsehen graben sie tief in ihrer Vergangenheit, schwelgen im Rock’n’Roll der 50er, erinnern sich an erste, unveröffentlichte Lennon-McCartney-Songs. Sie schwärmen vom Hamburger Top-Ten-Club, dessen Verstärkeranlage sie sich jetzt zurückwünschen. Zugleich erfinden sie in der Improvisation zeitlose Klassiker wie „Get Back“ und „Don’t Let Me Down“. Dagegen treffen die Geniestreiche Einzelner, wie McCartneys „The Long and Winding Road“ oder Harrisons „Something“, bei anderen Bandmitgliedern auf fast gequälte Unterstützung.

Für die 70er waren diese Tonbänder so etwas wie Vorboten von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“. Eine Million Scheidungen soll der Film des Schweden angeregt haben, aber er war nichts gegen die Trennung der Beatles: Für jeden, der diese Band geliebt hat, ist ihr glanzloser Abschied das prägende Narrativ über die Endlichkeit von Glück und harmonischem Miteinander. Doch wenn man Drama und Kreativität nun in leuchtenden Farben vor sich sieht und nicht nur auf verrauschten Bändern hört, ist es das reine Glück. Diese Bilder und der messerscharfe Ton, kunstvoll aus verschiedenen, sich überlagernden Quellen destilliert, lassen uns zwar durchaus tief in Krisen blicken, aber das Gros der Aufnahmen führt in Wolken von grenzenloser Kreativität.

Der Zeitpunkt ihrer Auferstehung hätte nicht besser gewählt werden können. Erst heute gibt es digitale Scanner, die aus dem 16mm-Film eine solche Klarheit destillieren können, dass man beinahe vergisst, überhaupt einen Film zu sehen. Und es gibt mit Peter Jackson einen Beatles-Fan und Filmemacher, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere keinen Hollywoodauftrag annimmt, sondern lieber vier Jahre seines Lebens der Restaurierung und Montage dieses Materialbergs widmet. Zum Vergleich: An jedem seiner „Herr der Ringe“-Filme schnitt er nur vier Monate. Vermutlich kommt für ihn dieser Heilige Gral der Beatles-Forschung in seiner Bedeutung für die Kulturgeschichte den begehrten Ringen Tolkiens schon recht nahe.

Nie zuvor hatten sich die Beatles bei ihrer Studioarbeit filmen lassen

Die Form, die er wählt, ist die des korrekten Archivars: Ein Kalender notiert die Tage im eng gefassten Schedule vom 2. bis 30. Januar 1969. Nach dem 16. müssen die Beatles die Halle im Londoner Twickenham-Studio verlassen, dann zieht man um in den Studiokeller des Apple-Gebäudes in der Savile Row.

Wer den Kinofilm „Let It Be“ des Regisseurs Michael Lindsay-Hogg kennt, erinnert sich an das Finale, das auch den Höhepunkt dieses mehr als achtstündigen Dreiteilers bildet: Statt ein prächtiges Open-Air-Konzert in einem antiken Amphitheater zu geben, fahren die Beatles recht skeptisch mit dem Fahrstuhl auf das Dach des Apple-Hauses und geben dort ihr letztes Live-Konzert.

Lindsay-Hogg ist mit neun Kameras dabei, lässt begeisterte Passant:innen interviewen und inszeniert grandios den verzögerten Einlass zweier echter Polizisten, die Beschwerden wegen Lärmbelästigung nachgehen. Der Sohn von Orson Welles ist während der ganzen Proben- und Aufnahmezeit präsent. Wie sein berühmter Vater stilisiert er sich Zigarre rauchend, doch wie alle, die um die Beatles herumschwirren, ist er diskret und hilfsbereit. Noch bescheidener hält sich Produzent George Martin im Hintergrund. Dem Quartett, dem er zu Größe verhalf, hat er nur noch auf Anfrage etwas zu sagen.

Man glaubt, man ist im Raum bei dieser ohne Übertreibung sensationellsten künstlerischen Zeitreise, die man sich nur vorstellen kann. Nie zuvor hatten sich die Beatles bei ihrer Studioarbeit filmen lassen, doch im Januar 1969 war eben nichts mehr wie zuvor. Trennungsgerüchte füllten die Blätter. Die Beatles zitieren belustigt daraus, lassen auch einmal Sätze in einen improvisierten Text einfließen, während sich das Drama um sie herum hochschaukelt.

Am 10. Januar sagt George Harrison, betont beiläufig: „Ich glaube, ich werde euch jetzt verlassen.“ John Lennon unterbricht sein Spiel und fragt zurück: „Was?“ Antwort: „Die Band“. John: „Wann?“ George: „Jetzt“.

Drückt den Beatles-Produzenten vier Tage vor Ende der Album-Produktion langsam die Deadline?

Schon zwei Tage zuvor ist die Frustration des jüngsten Beatle spürbar, der bei anderer Gelegenheit einwirft, er habe Songs für etliche Alben fertig, die er sofort anderen Musikern geben könnte. Da war er am Morgen ins Studio gekommen und hatte stolz den frischen Song „I Me Mine“ vorgespielt und dafür wenig Enthusiasmus geerntet. Selbst eine meisterhafte Ballade wie „Something“ verfehlt an einem anderen Tag die verdiente Wirkung.

Am nächsten Aufnahmetag bleibt George verschwunden. Dafür wagt sich Yoko Ono aus dem Hintergrund für eine anarchische Kreisch-Einlage in einer befreienden Interpretation von „Don’t Let Me Down“. Immer wieder wird sich die Band an diesem Song versuchen, bis der Zufallsbesuch eines alten Freundes aus Hamburger Tagen frischen Wind hineinbringt. Der Keyboarder Billy Preston, der schon als Teenager mit Little Richard spielte und danach zur Band von Ray Charles gehörte, erweist sich in jedem Augenblick als unfehlbar. „Du bist in der Band“, verkündet John begeistert, Preston kommentiert das nicht. Als könne John so etwas überhaupt entscheiden. Wenn es einen Bandleader gibt, dann ist es Paul, der sich unermüdlich um Disziplin bemüht. Er ist es auch, der gegenüber den anderen die Anwesenheit von Yoko Ono verteidigt – „wenn sie sich nun mal so lieben“. Eineinviertel Jahre später, am 10. April 1970, wird er es sein, der das Aus der Band verkündet. Sieht man diese Bilder, hätte es schon viel eher geschehen können.

Zu Beginn der dritten Episode haben die Nebenfiguren ihren großen Auftritt. Am Flügel begleitet sich Ringo bei seiner Komposition „Octopus’s Garden“: Zweimal zwei Finger in Flohwalzer-Manier. George kann das so nicht stehen lassen und stellt sich mit der E-Gitarre dazu. Sofort nimmt das Lied Gestalt an, aber eine etwas andere als auf dem Album „Abbey Road“; ein einfaches Stück Folk-Rock ist daraus geworden. Nun kommt George Martin in den Raum. Drückt den Beatles-Produzenten vier Tage vor Ende der Album-Produktion langsam die Deadline? Stets sah man ihn nur im Hintergrund, wie ein freundlicher Helfer, der selten gebraucht wird. Auch jetzt scheint er einfach nur die Kreativität im Raum zu genießen und steuert ein paar summende Backing-Vocals bei.

„The Beatles: Get Back“ : auf Disney+

Aufmunternde Worte für den Abschied der Beatles aus der „Mania“

Das ist die Magie dieser Bilder: Stets ist Musik in der Luft, selbst wenn jemand meckert, macht jemand anders wunderbare Töne. Allein Musik und Sprache in der restaurierten Tonmischung auseinander zu bekommen, ist ein Wunder für sich. Zu den drei Episoden, die der Streamingdienst Disney+ seit Donnerstag anbietet, erlaubt ein Bildband („Get Back by the Beatles“, Droemer Knaur, 240 S., 44 Euro) das Nachlesen jeder einzelnen Bemerkung. Darin sind auch die Fotos von Linda McCartney zu finden, die wir vor der Kamera entstehen sehen.

Die Einleitung stammt von Hanif Kureishi, der sogar ein paar aufmunternde Worte für den Abschied der Beatles aus der „Mania“ findet: „Sie mussten entkommen. Und wir mussten sie gehen lassen. Das waren wir ihnen schuldig, nach allem, was sie für uns getan hatten.“ (Daniel Kothenschulte)

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