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„The Batman“ im Kino – Zweikampf der Schatten

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Von: Daniel Kothenschulte

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„The Batman“: Ein Paar mit Zukunft, auch wenn es düster ausschaut: Catwoman und Batman, Zoë Kravitz und Robert Pattinson.
„The Batman“: Ein Paar mit Zukunft, auch wenn es düster ausschaut: Catwoman und Batman, Zoë Kravitz und Robert Pattinson. © Jonathan Olley/Warner Bros. 2021

Matt Reeves schwelgerisch-altmodischer Blockbuster „The Batman“ ist der vielleicht dunkelste Film der Serie.

Carl Barks, das Genie hinter Donald Duck, sprach vom reellen Gegenwert, den er den Kindern für die 10-Cent-Heftchen liefern wollte. Um sich nicht lumpen zu lassen, zeichnete er so viele Gags und Details wie möglich in seine Bilder. Wäre „The Batman“ ein Comicheft, würde man seine 10 Cents wohl schon für die satte Druckerschwärze ausgeben.

Schon Christopher Nolans „Dark Knight“-Trilogie war finster, doch in Matt Reeves’ „The Batman“ sorgt allenfalls das Batman Sign am Nachthimmel für etwas Helligkeit. Der Genrebegriff „film noir“, in ersten US-Kritiken zu lesen, ist noch untertrieben.

„The Batman“ ab jetzt im Kino: Drei Stunden voller Finsternis

„Zwei Jahre Nacht haben mich zu einem Nachttier gemacht“, haucht eine Stimme zu den ersten Stadtpanoramen einer diesmal besonders ungemütlichen Gotham City. Batmans Geständnis würde wohl auch sein Gegenspieler unterschreiben, der Serienmörder The Riddler. „Die Menschen denken, ich versteckte mich in den Schatten. Dabei bin ich selbst die Schatten.“ Das Originellste an dieser Szene aber ist die Musik von Michael Giacchino.

Das Hauptmotiv besteht nur aus zwei Tönen, die sich, geschlagen auf schweren Glocken, über die Bassgeigen und das dunkle Blech des Orchesters legen. Während der folgenden drei Stunden gönnen sich die Studiosinfoniker kaum eine Pause. Opernfans lieben Batman, der immer ein wenig aussieht wie der Steinerne Gast aus „Don Giovanni“, aber so viel musikalisches Pathos gab es nicht mal in Tim Burtons „Batman Rückkehr“.

Die uralte Geschichte über korrupte Politiker und den Einsatz des fledermausmützigen Millionärssohn Bruce Wayne wird diesmal als klassischer Serienmörderfilm erzählt. Im Stil von David Finchers „Se7en“ treibt ein besserwisserischer Nerd sein Unwesen. Dass seine Opfer, beginnend mit dem amtierenden Bürgermeister, alle Dreck am Stecken haben, schürt begreiflicherweise schnell Todesangst unter den lebendigen Honoratioren der Stadt.

„The Batman“: Robert Pattinson verkörpert beliebten Held aus Gotham City

Die Fäden im Hintergrund ziehen Mafiaboss Carmine Falcone, verkörpert in gruseliger Geschwätzigkeit von einem heiseren John Turturro, und der „Pinguin“: Kein Geringerer spielt ihn als ein zur Unkenntlichkeit hinter Make-up verschanzter Colin Farrell. Vergeblich wartet man auf eine Rückblende, die erklärt, welcher Rasenmäher sein Gesicht so zugerichtet hat. Passen würde die grausige Szene fraglos in den Film.

Nun hätten wir, beeindruckt von den Nebendarstellern, fast die Stars vergessen: Robert Pattinson spielt den müden Helden in dumpfer, aber muskelmächtiger Ruhelosigkeit. Nur einmal leistet er sich ein Lächeln, das allerdings könnte einen Stein erweichen. Da hat sich ihm die mysteriöse Nachtclubkellnerin, Katzensammlerin und Klettermäxin Selina Kyle auf die Entfernung eines Kusses genähert. Dieses Ereignis ist so rar und betörend, dass es der Verleih zum zentralen Werbemotiv gewählt hat.

Eine erotische Spannung erfüllt den Film gleich mit der ersten Begegnung dieses seltsam zurückgenommenen Kraftmenschen mit seinem impulsiven und behänden Gegenüber. Auch wenn sich fast nichts davon erfüllt, lässt sie den Film doch unerhört knistern. Zoë Kravitz macht sich in dieser Rolle jedenfalls derart unvergesslich, dass sie für Teil zwei und drei der Trilogie bereits gebucht sein dürfte. Auch die angedeutete Liebesgeschichte verbindet den Film mit Burtons magischem Fortsetzungsfilm, in dem Michelle Pfeiffer ihre Rolle spielte.

„The Batman“ im Kino: Kann der Superhelden-Film überzeugen?

Doch während der Riddler Opfer um Opfer mit hübschen Grußkärtchen an Batman hinterlässt, versehen mit Rätseln in Kinderreimen, tritt der Film doch auf der Stelle. Ohne die Musik wäre er verloren; wie im klassischen Hollywood verstärkt sie das Spiel, lässt manches bedeutender erscheinen, als es ist.

Denn wirklich originell ist nichts an dieser „Batman“-Interpretation, da waren Burtons und Nolans Filme ein anderes Kaliber. Das Abarbeiten an den Konventionen des Serienmörder-Thrillers degradiert Batman zum Gaststar in einem Kriminalfilm. Erst als er sich selbst als potenzielles Opfer begreift und seine Familiengeschichte zum Thema wird, verzahnen sich beide Ebenen. Besonders enttäuschend ist in dem ansonsten vorzüglich besetzten Film Paul Danos Verkörperung des Killers als Nerd. (Sind die Zeiten so spießig geworden, dass schon schräg aussieht, wer eine etwas zu große Andy-Warhol-Brille trägt?)

Im Superheldengenre sind die „Batman“-Filme so etwas wie Luxusartikel für ältere Semester: Es geht etwas langsamer zu, und man versteht sogar, worum es geht. Es ist wirklich ein wenig wie in der Oper, wo man sich in Ruhe das Bühnenbild anschauen kann, ohne dabei auch nur eine Nuance der Handlung zu verpassen. Hier gibt es etwa eine erlesen inszenierte Verfolgungsjagd bei strömendem Regen mit „Blade-Runner“-Flair. Nur ist sie überhaupt nicht mitreißend im Einsatz der aufgebotenen Effekte. Und was die offensichtlichen Anleihen an das Film-noir-Genre angeht, fehlt es doch an der damit üblicherweise verbundenen Coolness und Lässigkeit. Das typische Voice-over des Helden steigert sich sogar zum Finale in geradezu larmoyante Selbstinterpretation.

Matt Reeves „The Batman“ ohne jeglichen Funken Humor

Und anders als in den lakonischen Vorbildern gibt es keinen Anflug von Humor – angefangen damit, dass ein erstklassiger Komödiendarsteller wie Colin Farrell eine völlig unkomische Rolle spielt. Andererseits langweilt man sich auch nicht während der drei Stunden, im Gegenteil: Man sieht all dem sehr gerne zu, ist nur etwas erstaunt darüber, wie altmodisch dieser Film inszeniert ist, inklusive der Autofahrten. Sie sehen manchmal aus, als hätte man sie in den 50er Jahren mit Rückprojektion gedreht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Wie Catwoman sagt: „Du klingst, als seist du niemals arm gewesen.“ In der Tat, wir waren arm. Schön, dass solch schwelgerisches Blockbusterkino nach den Lockdowns wieder zu erleben ist.

The Batman. USA 2022. Regie: Matt Reeves. 176 Min.

Auch startet der Thriller „The Card Counter“ in den deutschen Kinos.

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