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Oscar-Favorit „The Banshees of Inisherin“: Niemand ist eine Insel

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Von: Daniel Kothenschulte

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Brendan Gleeson (l) als Colm Doherty und Colin Farrell als Padraic Suilleabhain in einer Szene des Films „The Banshees Of Inisherin“.
Brendan Gleeson (l) als Colm Doherty und Colin Farrell als Padraic Suilleabhain in einer Szene des Films „The Banshees Of Inisherin“. © dpa

Martin McDonaghs Oscar-Favorit „The Banshees of Inisherin“ ist schon jetzt ein Film-Klassiker.

Frankfurt – Wenn vom großen Gefühlskino die Rede ist, denkt man meistens an Liebesgeschichten. Dabei endet einer der bekanntesten dieser Liebesfilme mit dem berühmten Satz: „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Hier, am Ende von „Casablanca“, zeigte Hollywood sein wahres Gesicht: Ein Kuss zum Ende ist eine feine Sache, doch wer weiß schon, wie es dann weitergeht? Eine echte Männerfreundschaft dagegen, wie, sagen wir, die von Laurel und Hardy, ist doch etwas ganz anderes, oder?

Colin Farrell und Brendan Gleeson spielen in „The Banshees of Inisherim“ ein solches Freundespaar. Das glauben wir ihnen gern, denn der britische Bühnen- und Filmautor Martin McDonagh „paarte“ sie (das sagt man in der Filmbranche wirklich) schon einmal unvergesslich – als Gangsterduo in der Tragikomödie „Brügge sehen… und sterben?“. Da sollte der eine den anderen umbringen und brachte es kaum übers Herz.

Film-Tipp: „The Banshees of Inisherin“ – eine Freundes-Geschichte im Kino

Aber was wäre, wenn Hardy eines Tages zu Laurel gesagt hätte: „Ich will dich nicht mehr sehen“? Und Laurel geantwortet hätte: „Aber warum denn? Habe ich vielleicht aus Versehen, als ich betrunken war, etwas Dummes zu dir gesagt? Ich glaube ja nicht, aber wenn, dann täte es mir wirklich leid“? Und Hardy nur erwidert hätte: „Nein, hast du nicht. Ich mag dich einfach nicht mehr“?

Genau das sagt – auf der malerischen, fiktiven irischen Insel Inisherim – der von Gleeson gespielte Colm Doherty gleich am Anfang des Films zu seinem bis dahin engsten Freund Pádraic Súilleabháin. Farrell, der die erstaunliche Gabe hat, seine schwarzen Augenbrauen auf der Stirn fast in einem spitzen Winkel zu positionieren, tut genau das. Wie auch noch einige weitere Male im Laufe dieser ungewöhnlichen Trennungsgeschichte.

Kino-Film: „The Banshees of Inisherin“ – gutmütige Seele und bärbeißiger Musiker

Manche Dinge lassen sich einfach nicht in einer gutmütigen (wenn auch etwas treudoofen) Seele wie der dieses Pádraic Sùillebháin unterbringen. Tatsächlich gibt der etwas bärbeißige Folk-Musiker Colm auf Nachfrage genau diese Einfältigkeit als Trennungsgrund an. Abgesehen davon, dass er seine Zeit nicht mehr sinnlos vertun wolle. Er sei nicht mehr der Jüngste und würde die ihm verbliebenen Jahre lieber dem Komponieren widmen.

Das ist schon eine radikale Aussage in einem Kuhdorf, das außer seinem Pub, in dem die beiden wohl schon Jahre ihres Lebens verbracht haben, wenig zu bieten hat. Für den Verstoßenen macht es das nicht einfacher. Immer wieder fühlt er seinem Kumpel auf den Zahn, bis dieser zu einer handfesten Drohung greift: Bei der nächsten Belästigung werde er sich einen seiner Geigenfinger der linken Hand abschneiden. Als Pádraic sich kurz darauf entschuldigt, wirft ihm Colm den ersten Finger an die Haustür.

Film-Tipp: „The Banshees of Inisherin“ – Noch nie ein solches Drama

Es ist erstaunlich, dass sich ein Konflikt wie der einer anlasslos aufgekündigten Freundschaft über eine Spielfilmlänge von zwei Stunden so kraftvoll entwickeln lässt. Tatsächlich aber fällt einem beim besten Willen kein Film ein, der schon einmal etwas Ähnliches erzählt hätte. McDonagh erwähnte den Titel vor Jahren in einem Interview als eines von sieben Theaterstücken, die er allein im Jahr 1994 geschrieben habe. Alle seien auch aufgeführt worden, bis auf – wegen mangelnder Qualität – „The Banshees of Inisherin“. Tatsächlich sind es filmische Elemente, die das tragikomische Drama erst komplettieren.

Zunächst einmal sind es die Landschaften und das dörfliche Ambiente auf den Inseln Árainn und Acaill vor der irischen Westküste, zurückversetzt in die Spielzeit 1923. Wo auf der Welt könnten Männerfreundschaften noch heiliger sein und erst recht die Finger eines Fiedlers irischer Folklore? Gerade weil sich zur selben Zeit Landsleute einen blutigen Bürgerkrieg liefern.

Kino-Film: „The Banshees of Inisherin“ – absurd-anarchisches Trennungsdrama

Aber auch der absurd-anarchische und schließlich blutige Verlauf dieses Trennungsdramas hat viel mit dem Kino zu tun. Vielleicht wirklich auch mit dem von „Dick und Doof“: Niemand sonst drückte Gefühle physischer aus als die beiden Komiker, besonders wenn sie sich in absurde Vergeltungs-Kaskaden etwa mit einem Nachbarn stürzten. McDonagh macht etwas Geniales: Er nimmt ein solches, in seinem Temperament durch gemeinsame Lebenserfahrungen synchronisiertes Gespann, und versetzt ihm einen Bruch aus heiterem Himmel. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich männliche Trauer in Aggression artikulierte.

Für gewöhnlich sammeln Menschen eine gewisse Trennungserfahrung. Pádraic hingegen scheint eine Beziehung nie gesucht zu haben; er lebt mit seiner Schwester zusammen und widmet sich hingebungsvoll der Landwirtschaft und Käseherstellung. Seine Liebe gehört der Eselin Jenny, die tragischerweise und unverschuldet den Trennungsstreit der Männer mit dem Leben bezahlt: Sie frisst einen von Colms abgeschnittenen Fingern und stirbt daran – was in Pádraic einen Rachegeist entfesselt.

Kino-Tipp: „The Banshees of Inisherin“

Die von Kerry Condon gespielte Schwester Siobhan bringt lebensvollen Realismus in die dramatische Konstruktion. Auch hierin mag man eine filmische Referenz erkennen. Spätestens seit John Fords Klassiker „The Quiet Man“ war Irland in Hollywood auch eine Insel unabhängiger Frauenfiguren.

Dass zwischenzeitlich scheinbar versöhnliche Momente einen Frieden suggerieren, macht die Situation für den Verstoßenen nur noch schlimmer. Einmal lädt ihn Colm zu sich nach Hause ein, um ihm seine erste Komposition vorzuspielen, „The Banshees of Inisherin“. Aber kann man das ertragen? Nicht mehr Freund sein dürfen, aber dafür Publikum?

The Banshees of Inisherin

Irland/USA/GB 2022. Regie: Martin McDonagh. 114 Minuten.

Nachzudenken also gibt es viel in diesem Film, nur ist man vermutlich zu gut unterhalten, es zu tun: Man bestaunt die Fotografie von Ben Davis und Carter Burwells Musik, aber dies ist nicht die Sorte Film, die vorbei ist, wenn das Licht angeht. Wie „Brügge sehen… und sterben?“ ist er schon im Neuzustand ein Klassiker. (Daniel Kothenschulte)

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