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Filmfestival in Cannes

Teufel im Weib und Klotz am Bein

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Sex und Psychologie beim Cannes-Wettbewerb: Pedro Almodóvar und Marco Bellocchio triumphieren, Lars von Trier scheitert. Von Daniel Kothenschulte

Nicht alles, was Kameras einfangen, nehmen sie auch auf. So wie die Live-Bilder der modernen Internet-Telefonie (hoffentlich) noch im selben Augenblick im selben Datenstrudel verhuschen, der sie transportiert, verfliegen auch die Filmbilder zwischen den "Takes": Jene Momente, die von Filmkameras am Set eingefangen werden, bevor der Regisseur noch "Bitte" oder "Action!" gerufen hat. Und die wieder einsetzen nach dem "Danke!" oder "Cut!"

Pedro Almodóvar ist fasziniert von diesen verlorenen Augenblicken, sie sind die Essenz aller Filme, die er an Filmsets angesiedelt hat. Wenn er dreht, blickt er gerne noch etwas länger auf den Monitor und beobachtet heimlich seine Schauspieler und Techniker, sammelt Momente, in denen der Schein wieder zur Wirklichkeit wird. Für sein neues Thriller-Melodram "Zerrissene Umarmungen" hat er eine wunderbar-geheimnisvolle Vorspannsequenz aus solchen Bildern geschaffen. In diffusem Schwarzweiß sieht man die seltsam unmotivierten Protagonisten einer Liebesszene agieren. Hat Penélope Cruz wirklich einen so schlechten Tag erwischt? Nein, es sind nur die Lichtdoubles der Hauptdarsteller.

Penélope Cruz ist Magie

Die Handlung beginnt mit dem Alltag eines blinden Regisseurs. Anstatt in Trübsal zu versinken, widmet er sich dem Schreiben oder verführt seine Vorleserin. Dass er das verlorene Leben damit nicht ersetzen kann, bekräftigt er bereits mit seinem Pseudonym: Nach seinem tragischen Unfall und dem Tod seiner großen Liebe ist aus dem gefeierten Regiestar Mateo Blanca der Autor "Harry Cain" geworden. Viel braucht es allerdings nicht, um die Erinnerung an die amour fou wachzurufen, die so tragisch endete. Die zerrissenen Fotos seines vergangenen Glücks liegen, sichtbar für alle außer ihm, schon in der obersten Schreibtisch-Schublade.

Almodóvar fügt die unbemerkten Spuren Teil um Teil zusammen zu einem Thriller nach Hitchcockscher Bauart, wobei er noch ausgiebig zweier Lieblingsfilme huldigt: Rossellinis "Reisen in Italien" und Michael Powells "Peeping Tom". Ein Großteil der Magie aber liegt in einer faszinierenden Penélope Cruz, die wieder mit Haut und Haar für Almodóvars Visionen einsteht. Oder, in einer verspielten Selbstparodie der Frühwerke des Regisseurs, eine hinreißende Träne über eine saftig rote Tomate vergießt. Wirft man noch die lustfeindliche Uhrzeit der ersten Vorführung in Cannes um 8 Uhr 30 in die Waagschale, dürfte man es hier mit dem bislang überragenden Wettbewerbsbeitrag zu tun haben.

Wie stets zur Mitte dieses Festivals kommt kein Film im Programm ohne spektakuläre Sexszenen daher. Die schönste gelang Almodóvar verdeckt unter einem weißen Laken, das erst im Nachhinein erstaunlich viel Penélope Cruz enthüllt. Lars von Triers Psycho- und Horrordrama "Antichrist" mit Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe als einzigen Darstellern waren in dieser Hinsicht einschlägige Versprechungen vorausgegangen. Dennoch dürften die Buhkonzerte bei den Pressevorführungen kaum aus enttäuschter Lüsternheit allein zu erklären sein. Die nachgestellte Widmung an den großen Andrej Tarkowskij brachte das Fass zum Überlaufen - als hätte sich der Russe in seinen Werken nicht stets in weiter Ferne von Sex und Horror aufgehalten.

Im Stil eines gestylten Werbespots treibt es das Paar in einer Winternacht, während ein hübsches Kleinkind in Zeitlupe zum Hochhausfenster hinausklettert und unbemerkt zu Tode stürzt. Es ist eine Szene von gelackter, lebloser Zielstrebigkeit. Auch in seinen besseren Filmen setzte der dänische Regisseur immer wieder auf die Instinkt-Wirkung vermeintlich emotionaler Kinobilder, die er in ihrer Manipulation bloßzustellen hoffte. So plump jedoch sah man das bei ihm noch nie.

Was dabei anfangs immerhin noch an Stilwillen durchscheint, verwischt im Folgenden in verhuschten Reißschwenks im Videoformat HD: In Selbsttherapie-Sitzungen und anschließenden Sexszenen versucht das Paar ein Trauma zu lösen, das aus unerklärten Gründen allein die Mutter von den tragischen Ereignissen davon getragen hat. Eine Schlüsselrolle kommt dabei ihrer unfertigen Dissertation über mittelalterliche Hexenverfolgung zu und deren politisch unkorrektem Ansatz: dem Teuflischen im Weibe.

Das Übel bricht sich dann auch in den Sexpraktiken der Protagonistin Bahn, die sich benimmt wie in einem B-Movie, wenn sie erst ihre Klitoris beschneidet und dann ihrem Liebhaber einen Klotz an das Bein schraubt. In seiner Gänze ein tragischer Ausdruck der Schaffenskrise seines Regisseurs, leidet der Film im Detail an der inneren Distanz seiner Protagonisten. Und die lässt sich in den Sexszenen natürlich besonders wenig verbergen.

Psychologie, Sex und Politik sind auch die wiederkehrenden Themen im Werk des italienischen Altmeisters Marco Bellocchio ("Teufel im Leib"). "Vincere", der neue Film des 69-Jährigen, behandelt die oft behauptete, aber schwer darstellbare erotische Faszination des Totalitarismus. Es geht um Ida Dalser, die erste Ehefrau Benito Mussolinis, deren Schicksal erst in jüngerer Zeit bekannt wurde. Getrennt vom gemeinsamen Sohn, wurde sie in ein Irrenhaus verbracht, wo sie 1937 starb.

Der Stachel der Verfremdung

Bellocchio nimmt die Perspektive seiner Protagonistin ein, und in den stärksten Momenten macht er sie sich derart zu eigen, dass sogar einer frühen Sex-Szene mit dem Noch-Kommunisten nichts Peinliches anhaftet. Im Gegenteil: Die Bewunderung scheint emotional erklärlich. Anders als die jüngsten deutschen Ausstattungsfilme über die Nazi-Zeit verfällt Bellocchio nicht in illustrativen Naturalismus. Trotz aufwendiger historischer Ausstattung besitzt jede Szene ihren eigenen Stachel der Verfremdung: Mal in opernhafter Übersteigerung, mal in einem klug gewählten Stummfilm-Zitat und durchweg in einem großartigen Soundtrack. Carlo Crivellis Filmmusik schlägt eine Brücke zwischen dem Modernismus eines Hanns Eisler und dem Minimalismus der Postmoderne, wobei ein Werk von Philip Glass überzeugend eingearbeitet wurde.

So gelingt Bellocchio das, was Lars von Trier so oft vergeblich versucht: eine Vermittlung Brechtscher Theatertechniken in eine absolut zeitgemäße Filmsprache. Allerdings ist das für Bellocchio, diesen Zeitgenossen Pasolinis, natürlich keine neue Errungenschaft.

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