TV-Moderator Günther Jauch.
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TV-Moderator Günther Jauch.

Jauch zu „Charlie Hebdo“-Anschlag

Terrordebatte mit wenig Debatte

  • Steven Geyer
    vonSteven Geyer
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Die Morde von Paris eigneten sich nicht für den üblichen Krawall-Talk, also ging es auch bei Günther Jauch zurückhaltend zu. Nur, was bleibt ohne die Themen Islam, Pegida und Integrationsversagen? Immerhin einige Impulse, denen man anderswo nachgehen sollte.

Der Schock über die Terroranschläge von Paris verbat es, dass die Runde von Günther Jauch zu dem Thema nach dem üblichen Talkshowkonzept gestrickt wurde, das vor allem auf Widerworte und Krawall ausgerichtet ist.

Stattdessen waren weniger Gäste eingeladen, die zudem angemessen zurückhaltend blieben – und in den meisten Punkten miteinander und mit dem Studio-Publikum einig waren: Europa müsse jetzt zu seinen demokratischen Werten stehen, man dürfe jetzt nicht alle Muslime über einen Kamm scheren, die freie Presse dürfe sich jetzt nicht einschüchtern lassen. Schon vorab hatte man sich gefragt, ob eine Runde mit so wenig Streitpotenzial wohl die bessere Diskussion führen würde – oder einfach nur die langweiligere? Weder, noch, muss man am Ende wohl sagen.

Immerhin konnte die Redaktion den für die Terrorabwehr zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Deutschlands einst populärsten Frankreichkenner Ulrich Wickert und den Vorstandschef des mächtigen Springer-Verlags, Mathias Döpfner, als Gäste gewinnen, wobei bei Letzterem unklar blieb, was ihn für das Thema genau qualifiziert hatte.

Das war bei Investigativreporterin Souad Mekhennet aus Frankfurt umso klarer, immerhin recherchiert sie seit Jahren in der Dschihadisten-Szene und hat ein Buch darüber geschrieben. Bei Jauch erzählte sie leider wenig über ihre Erkenntnisse dazu und wurde von Jauch zu oft als eine Art Sprecherin für Islam und political correctness befragt, was ihr außer persönlichen Ansichten und ausweichenden Antworten nicht viel entlockte.

Nehmen US-Medien mehr Rücksicht?

Der Punkt, den Mekhennet offenbar setzen wollte, war dagegen der kontroverseste der Runde – und wäre auch generell so medienethisch interessant wie heikel zu debattieren: Als Springer-Chef Döpfner den Mordanschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ als „europäischen 9/11“ bezeichnete, der sich symbolisch noch stärker gegen die Meinungsfreiheit richte, widersprach Mekhennet. Die Täter seien eher vom Frust darüber getrieben gewesen, dass die Meinungsfreiheit sich immer nur gegen den Islam richte. Und obwohl sie auf Döpfners Protest hin betont, diese Sicht nicht zu teilen, setzt sie später nach, amerikanische Juden hätten ihr gegenüber die Mohammed-Karikaturen mit der beginnenden Hetze der Nationalsozialisten durch antisemitische Karikaturen verglichen. Das war, im doppelten Wortsinn, jedenfalls gewagt.

Schließlich verwies Politologin Mekhennet noch auf einen Kommentar aus der New York Times, laut dem die Arbeit „Charlie Hebdos“ in einigen US-Staaten als „Hate Speech“ strafrechtlich relevant wäre. Das stimmt zwar nicht, denn der Kommentator (www.nytimes.com/2015/01/09/opinion/david-brooks-i-am-not-charlie-hebdo.html?_r=0) bezieht sich allein auf Political-Correctness-Debatten an US-Unis. Doch die Frage mag diskutabel sein: Sind wir wirklich ungleich sensibler, was potenziell antisemitische Satire angeht – und wenn ja, sind wir das nicht aus gutem Grund? Immerhin, auch das ein Manko, thematisierte auch die Jauch-Runde so gut wie nicht, dass neben den Satirikern in Paris auch gezielt Juden ermordet wurden.

Erklärungsversuche als Rechtfertigungen schmähen

Fakt ist – wie Wickert zum Glück noch einmal betont –, dass „Charlie Hebdo“ alle Autoritäten und damit auch alle Religionen „durch den Kakao gezogen hat“. Damit liegt der Fall ganz anders als der der dänischen „Jyllands Posten“, den Jauch ebenfalls bemühte. Das rechte Blatt hatte 2005 bewusst Krawall schüren wollen und erst nach einigem Aufwand seine dankbaren kulturkämpferischen Widersacher aufgestachelt.

Auch aus diesem Grund druckten damals viele deutsche Zeitungen die Islam-Karikaturen nicht, deren satirischer Kern zudem tatsächlich teilweise an plumpe Stimmungsmache grenzte. Die Unterschiede herauszuarbeiten und die Frage zu stellen, welches Maß an Rücksicht eine moderne Gesellschaft nehmen sollte, hätte anregend und brisant zugleich sein können. Eine Stunde bei Günther Jauch ist dafür aber zu kurz und zugleich der falsche Rahmen.

Doch wofür ist eine Stunde bei Jauch ausreichend?  Was bleibt vom Polit-Talk, wenn man den Krawall abzieht? Die Antwort: Für angedeutete Differenzierung immerhin schon – etwa, als Terrorexpertin von der Alltäglichkeit solcher Anschläge in der arabischen Welt sprach, die in Europa kaum Empathie auslösten und ihr sogar de Maizière Recht gab. Auch dass man die Sozialisation der Attentäter untersuchen müsste und dass spätere Dschihadistenkarrieren oft mit einem Integrationsversagen beginnen, wurde kurz gestreift.

Kaum Kontext – und kein „Pegida“

Allerdings so kurz, dass man sich dann wieder schnell einig werden konnte, dass „wir nie Mord und Terror damit rechtfertigen dürfen, zu sagen, das waren aber arme Hunde“, wie de Maizière es ausdrückte. Das heißt freilich, dass Erklärungsversuche im Talkshow-Pingpong sofort in den Ruch kommen, Rechtfertigungen zu sein – also als Gesprächsthema ebenfalls ausscheiden. Für derlei und weiteren Kontext – hatte nicht die IS-Miliz gedroht, europäisches Eingreifen in Syrien „mit Feuer“ zu vergelten? – bleibt in Talkshows einfach keine Zeit.

So taucht auch das Stichwort „Pegida“, auf das viele der bei Sendungsbeginn knapp 700 Online-Forums-User gehofft hatten, ganze anderthalb mal auf. Das unfreiwillig Komische daran: Zwar quoll das Online-Forum der Sendung über mit Ablehnung und Skepsis gegenüber Islam und Muslimen und Thomas de Maizière betonte pflichtschuldigst, man müsse auf die Themen der „Pegida“-Demos eingehen und etwa die Demokratiefähigkeit des Islam in Europa und der Welt besprechen – wo darüber aber kaum ein Wort verloren worden war, war die Sendung, die er mit dieser Mahnung beendete.

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