Hier fährt der Regisseur noch selbst: Jafar Panahi als Fahrer in einer Szene seines Films „Taxi“.
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Hier fährt der Regisseur noch selbst: Jafar Panahi als Fahrer in einer Szene seines Films „Taxi“.

Berlinale

Taxi zur Freiheit

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Kritische Filme aus Ländern, in denen die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten wird, stehen bei westlichen Festivals hoch im Kurs. Die Berlinale ehrt den verfolgten, aber ungebrochenen Filmemacher Jafar Panahi mit dem Goldenen Bären.

Die digitale Revolution wird uns in Kürze Robotertaxis per App nach Hause schicken, und niemand wird darin sitzen, der uns über das Leben erzählt. Na, für irgendeine Bord-Unterhaltung wird Google dabei schon sorgen.

Zunächst aber beschert uns das digitale Kino „Taxi“, gefilmt mit Mini-Kameras in einem ebensolchen auf den Straßen Teherans. Der Regisseur Jafar Panahi lenkt seine rebellische, dramatische Komödie im wahrsten Wortsinn: Als Filmautor, Hauptdarsteller und Produktionsfahrer in einem. Als dieses ästhetisch minimalistische, aber in seiner Wirkung gewaltige Lebensbild aus dem gegenwärtigen Iran vor zehn Tagen den Berlinale-Wettbewerb anschob, hatten manche Beobachter schon eine Preisverleihung in Abwesenheit vor Augen. Sie sollten Recht behalten. Jafar Panahi, wohl neben dem Chinesen Ai Wei Wei der berühmteste von Staatswegen drangsalierte Künstler der Welt, hat den Zensoren schon wieder ein Schnippchen geschlagen. Und nach seinem bitter gefärbten Essayfilm aus der eigenen Wohnung, „This is not a film“, erstaunlichen künstlerischen Lebensmut gewonnen. „Taxi“ wirkt wie ein Befreiungsschlag, geradezu ansteckend in seiner Wirkung.

Mit der Verleihung des Goldenen Bären an diesen im wahrsten Wortsinn entwaffnenden Film über die Filmzensur prämierte Jury-Präsident Darren Aronofsky wie er sagte „eine Liebeserklärung an das Kino“. Wie mag sich wohl die Teheraner Regierung dabei fühlen? Werden sie nach der langen Nase aus Berlin nun die Mitwirkenden mit Repressalien belegen, etwa jene Filmkritikerin, die in der Rolle einer Anwältin die politische Justiz beklagt? Viel spricht inzwischen ganz im Gegenteil dafür, dass die Offiziellen mit der gegenwärtigen Situation gut leben können. Immerhin ließ man die Ehefrau und die Nichte des Regisseurs nach Berlin ausreisen. Und geht doch daheim weiterhin kontinuierlich gegen weniger prominente Regimekritiker und Medienschaffende vor.

Doch wie mag Panahis zehnjährige Nichte diese Situation aushalten? Sie schenkte dem Film seinen Höhepunkt, als sie sich mit dem Onkel für ein Schüler-Video über die Zensurwünsche der Lehrerin auslässt. Ihr Name bleibt im Abspann wie der aller Mitwirkenden zu deren Schutz ungenannt. Nun rief ihn Moderatorin Anke Engelke durch den Berlinale-Palast bei der in alle Welt übertragenen Preisverleihung. Kinderschutz sieht anders aus. Dieter Kosslick rannte ihr mit dem Bären entgegen, sie schaffte es gerade noch lächelnd bis zum Podium, wo sie den Bären mutig hoch hielt. Dann brach sie in Tränen aus. Die einzigen Worte, die sie herausbrachte: „Ich bin überwältigt, ich kann nicht sprechen“. So anrührend diese Szene wirkt, so schwer wird es für das Mädchen in dieser Woche sein, diesen Augenblick des Weltruhms den Klassenkameraden zu erklären. So wichtig der Kampf um die Meinungsfreiheit ist, soll man ihn wirklich auf dem Rücken einer Zehnjährigen austragen? In der 3-Sat-Übertragung hört man noch Kosslicks Regieanweisung, der intuitiv die Überforderung bemerkte. „Schnell die anderen hoch rufen, das Filmteam, dass sie nicht alleine steht.“

Mit der Preisverleihung für den – nach dem unseligen Eröffnungsfilm „Nobody Wants the Night“ – zweiten Wettbewerbsbeitrag schloss sich der Kreis dieser Berlinale. Dazwischen gab es zwar keinerlei Entgleisung aber wenig wirklich Bedeutsames. Der Jury fiel es nicht schwer, es zu benennen. Gleich beide Darstellerpreise gingen verdient an das britische Ehedrama „45 Years“, auch wenn das bedeutendste daran die makellose Arbeit des Autors und Regissurs Andrew Haighs ist. Auch den Großen Preis der Jury für das tiefschwarze chilenische Priesterdrama „Der Club“ war absolut berechtigt. Am besseren deutschen Beitrag, Sebastian Schippers „Victoria“ prämierte die Jury eine Handkameraleistung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, auch wenn sich der Norweger Sturla Brandth Grøvlen den Preis mit seinen russischen Kollegen Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk teilen muss. Die haben Alexey German, Jr.‘s pessimistisches Sittengemälde („Under Electric Clouds“) in Bilder gegossen, die gut genug sind, den aktuellen Bezug dieser kulturellen Verfallsgeschichte zu überdauern.

Kritische Filme aus Ländern, in denen die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten wird, stehen bei westlichen Festivals hoch im Kurs. Aber man muss auf der Hut sein. Nicht nur im Iran, auch in Russland herrscht inzwischen eine politisch willkürlich instrumentierbare Filmzensur. Gerade bekommt sie Andrei Zvyagintsevs Oscar-Anwärter „Leviathan“ zu spüren, der in Cannes gefeiert wurde: Obwohl mit staatlichen Mitteln produziert, prangert der Film die Verstrickung von Religion und Politik an. Unter dem Druck eines neuen Gesetzes, dass Fluchen in Kunstwerken ahndet, wurde der Film nun für den russischen Markt umsynchronisiert. Jafar Panahi hat keine Chance seine außer Landes geschmuggelten Filme der Nation zu zeigen, von der sie erzählen. Da ist es ein schwacher Trost, dass sie nicht noch von der Zensur verstümmelt werden.

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