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„Tausend Zeilen“ von Michael Bully Herbig: Im Land der Lügen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Elyas M’Barek als Juan Romero. Foto: Warner Bros.
Elyas M’Barek als Juan Romero. Foto: Warner Bros. © Warner Bros.

Michael Bully Herbig versucht sich am Relotius-Skandal – und wird weder dem Ernst noch dem surrealen Witz daran gerecht.

Frankfurt am Main – Filme über wahre Medienereignisse haben für Kritiker den Vorteil, dass es an ihnen nichts zu „spoilern“ gibt. Wenn sich also am Ende die Frage stellt, was denn aus dem großen Fälscher-Journalisten geworden sei, der hier Lars Borgenius heißt, gibt sich der Film genauso schlau wie wir.

Das Verschwinden des ehemaligen „Spiegel“-Reporters Claas Relotius aus der Öffentlichkeit ist Bully Herbigs betont freier Adaption von Juan Morenos Sachbuch „Tausend Zeilen Lüge“ nur noch eine kleine, verspielte Szene in einer psychologischen Selbsthilfegruppe wert. Auch da hat er die Pinocchionase noch nicht ganz abgestreift.

„Tausend Zeilen“: Der Aufklärer ist der Held der Geschichte

Die letzten Worte des Films gehören dann auch wieder dem Helden in dieser Geschichte: Juan Moreno, der Mann, der ihn enttarnte, heißt hier, weniger verändert zu einem Beinahe-Anagramm, Juan Romero. Offenbar musste man die Nähe zum Original weniger fürchten – schließlich hat man ja Tantiemen bezahlt. Sein Fazit klingt versöhnlich und lässt auf den Berufsstand wegen eines einzelnen schwarzen Schafs nichts kommen: „Es war nicht der Journalismus, der gelogen hat, sondern er wurde belogen. Und dagegen kann auch nur der Journalismus etwas ausrichten.“ Schließlich habe ja ein Journalist das alles aufgeklärt. Folglich ist der Aufklärer, gespielt von Elyas M’Barek, einem der größten Stars des deutschen Films, auch der Held der Geschichte. Der Versuchung, sich in der Tradition von Helmut Dietls Fälscherkomödie „Schtonk“ auch in die schillernden Sehnsüchte und das fehlgeleitete Genie eines Betrügers einzufühlen, hat Bully Herbig widerstanden. Das macht im Gegenzug den von Jonas Nay durchaus glaubhaft gespielten Bogenius zu einem denkbar langweiligen Kinoschurken.

Die eigentliche Frage, wie denn eines der renommiertesten Nachrichtenmagazine der Welt zumindest für diese rund sechzig Texte zur waschechten Lügenpresse werden konnte, bohrt freilich weiter. Vielleicht weil das Duo aus Ressortleiter (Michael Maertens) und Chefredakteur (Jörg Hartmann), das wichtige Redaktionsentscheidungen über Rotwein oder am Golfplatz fällt, genau dem Vorurteil des typischen AfD-Wählers entsprechen dürfte?

Michael Bully Herbig hat sich in seinen ersten Filmkomödien und dem handwerklich famosen „Wickie“ als einer der begabtesten deutschen Mainstream-Regisseure bewiesen. Doch genau dieses virtuose Spielen mit der Übertreibung, das ihn zu einer kulinarischen Form von Ironie befähigte, ist hier kaum zu spüren. Wenn Romero der letzten Borgenius-Lügengeschichte nachspürt, führt ihn das zwar in Monument-Valley-Landschaften, von denen der beschuhte Manitu nur träumen konnte. Doch es entsteht kein surrealer Überschuss aus diesem Aufwand. Im Gegenteil scheint Herbig, der kürzlich im Zuge der Winnetou-Debatte in einer Fernsehdiskussion vor einer „Comedy-Polizei“ warnte, hier geradezu gelähmt – als wolle er um jeden Preis vermeiden, mit den populistischen „Lügenpresse“-Rufern in einen Topf geworfen zu werden.

Der Film

Tausend Zeilen. D 2022. Regie Michael „Bully“ Herbig. 93 Min.

„Tausend Zeilen“: Markt will „Menschelndes“

Seinen heute so auch für ihn nicht mehr machbaren „Schuh des Manitu“ erklärte er an gleicher Stelle rückblickend mit „Leidenschaft, Spielfreude und der Verwirklichung von Träumen“. Auch dieser Stoff hätte dazu wohl reichlich Anlass gegeben, verrückt genug sind die Relotius-Erfindungen ja zum Teil gewesen. Doch die Beschränkung auf die einsame Heldenreise seines Gegenspielers hat dann doch nur zu einem handzahmen Familienfilm gereicht – über den liebenswerten Vater von vier Töchtern, der (in einer nicht ganz nachvollziehbaren Verkürzung) sogar um das Vertrauen seiner doch anscheinend liebevollen Ehefrau kämpfen muss.

Herbig wäre nicht der erste große Komödiant, der im Griff nach ernsteren, scheinbar bedeutenderen Themen seine Unbefangenheit verlöre. Das Bedauerliche ist nur, dass er zugleich den ganzen Ernst gar nicht dingfest macht – nämlich die strukturellen Hintergründe dieses Medienskandals. Warum sehen Redaktionen überhaupt einen Bedarf an Human-Touch-Geschichten, die in der Realität nach Protagonist:innen suchen wie für einen großen Kinofilm? Es ist der angebliche Marktwert des Menschelnden, der zusehends sogar die Nachrichtenformate des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vergiftet und mit „Lovemobil“ zu einem eigenen Fälschungsskandal im Dokumentarfilm führte. Erfundene Geschichten seien doch etwas Schönes, fasst Moreno den Erkenntnisgewinn schließlich zusammen, nur im Journalismus hätten sie nichts verloren. So ist es, nur wäre hier der eigentliche Film zu finden. (Daniel Kothenschulte)

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