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Angelegenheiten des Sehens und der Perspektive: Michael Caine (hinten) und Harvey Keitel.
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Angelegenheiten des Sehens und der Perspektive: Michael Caine (hinten) und Harvey Keitel.

Neu im Kino: "Ewige Jugend"

Taumelnd durch ein Zwischenreich

Paolo Sorrentinos schwindelerregend heiterer Film „Ewige Jugend“ handelt von zwei alten Männern, die durch das Fernglas ihres Lebens schauen - es sind Paraderollen für Michael Caine und Harvey Keitel.

Von Frank Olbert

Die Band spielt „You’ve Got the Love“ von Florence and the Machine, die Bühne dreht sich dazu, und wir sitzen tatsächlich auf einem Karussell: Gesichter huschen vorüber, die Kulisse eines herrschaftlichen Hotels zieht vorbei, Swimming Pools, die Berge der Schweizer Alpen. Wie in einem Rausch beginnt Paolo Sorrentinos neuer Film „Ewige Jugend“, und so schwindelerregend heiter, so versunken in den eigenen Tanz wird er sich bis zur allerletzten Szene weiterdrehen. Dass Sorrentino aus Kamerafahrten und einem exquisiten Soundtrack ein wahres Ballett hervorzuzaubern weiß, hat er bereits mit dem oscarprämierten „La Grande Bellezza“ bewiesen. Nun fügt er der Schönheit die Weisheit hinzu.

Denn seinem Titel zum Trotz umrundet dieses Phantom namens „Ewige Jugend“ ein ganz und gar anders geartetes Zentrum – zwei alte Männer nämlich, Michael Caine und Harvey Keitel, die zwei alte Männer spielen, die durch das Fernglas ihres Lebens schauen. Wortwörtlich: Einmal nutzt Keitel als Filmregisseur Mick Doyle ein solches Fernrohr, um zu illustrieren, wie einem die Jugend entgleitet, wenn man vom Ende her zurückblickt. Philosophie ist bei Sorrentino stets eine Angelegenheit des Sehens und der Perspektive.

Schauplatz seines Films ist ein Luxushotel in den Bergen, und wie so oft ist eine solche Herberge auch hier Metapher für ein Leben, das gesteigert und in der dünnen Höhenluft der Alpen zugleich wohlig verlangsamt ist. Der Alltag ist am Fuß der Berge zurückgeblieben; hier oben herrscht ein Ausnahmezustand mit eigenen Regeln und Rhythmen, die durch Massagen und Wassergymnastik, vorzügliche Mahlzeiten und ausgedehnte Verdauungsspaziergänge vorgegeben werden. Und dem morgendlichen Austausch zwischen Keitels Mick Doyle und Caines Fred Ballinger darüber, wie viele Tröpfchen sie ihrem gemeinsamen Prostataproblem abtrotzen konnten.

Ein aphroditegleicher Auftritt

Ansonsten reagieren Doyle und Ballinger recht unterschiedlich aufs Alter. Während der Regisseur mit einer Truppe nerdiger Jungautoren an einem neuen Drehbuch herumspinnt, hat der Komponist Ballinger den Taktstock endgültig aus der Hand gelegt – selbst ein Emissär ihrer Majestät der Königin von England, der sich eigens ins Alpendomizil bemüht, kann ihn nicht zu einer letzten Aufführung seiner „Simple Songs“ vor Elizabeth und Philip überreden. Nur wenn er allein und unbeobachtet ist, mag der Meister wieder dirigieren: vor Weiden, Kühen und Bäumen, die gehorsam konzertant zu zirpen, muhen und rauschen beginnen.

Natürlich ist „Ewige Jugend“ ein Fest für Caine und Keitel und alle, die ihnen zusehen dürfen. Wenn zwei Schauspieler jemals die Summe unter all ihre Rollen gezogen haben, annähernd zumindest, dann gelingt es diesen beiden unter Sorrentinos Regie: Der virile, scharfkantige Keitel, der im Alter mit überraschender Traurigkeit und Milde anrühren kann, und der Gentleman Caine, in dessen triefender Melancholie unversehens eine diebische Vergnügtheit aufblitzt.

Im Original heißt Sorrentinos Film lakonisch „Youth“, aber wer diese Jugend repräsentiert, wer weiß? Die Schönheitskönigin vielleicht, die in einem aphroditegleichen Auftritt am Pool die beiden Protagonisten daran erinnert, dass man vor allem mit den Augen liebt. Der Fußballstar – ein Tribut an Diego Maradona – hingegen eher nicht. Er, dem als Running Gag stets mehr Verehrung zuteil wird als dem Komponisten und dem Regisseur zusammen, hat seine Jugend längst an einen fettleibigen Körper verloren, auf den er ein riesiges Porträt von Karl Marx tätowieren ließ. Immerhin beherrscht er seine Balltricks noch perfekt, wie Sorrentino in einer optisch atemberaubenden Szene vorführt.

Trennen von den Lebenslügen

Doch sie alle taumeln durch ein Zwischenreich, in dem Begriffe wie Jugend und Alter zwar objektive Zuverlässigkeit vorspiegeln, wie eine Art Maßband, das man ans Leben anlegen kann, und die doch immer wieder verrutschen – für den Hollywoodveteranen Mick, der durch einen furiosen Auftritt von Jane Fonda als seiner Muse Brenda Morel aus der noch immer jugendbewegten Bahn gerät. Für den jungen Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano), der nicht mit seiner Paraderolle, mit der er zum Star avancierte, altern will. Und auch für Ballingers Tochter Lena, wunderbar vornehm gespielt von Rachel Weisz, die über das musikalische Vermächtnis ihres Vater wacht, obwohl sie nicht verwinden kann, dass er sie als Kind konsequent vernachlässigt hat: Nun muss sie erleben, wie sie ihr Mann mit dem Popstar Paloma Faith betrügt, die sich allerdings als weniger oberflächlich entpuppt, als Lena gern glauben möchte.

Man sollte sich von all diesen Lebensentwürfen und Lebenslügen trennen können, so wie der Yogi, der über die gesamte „Ewige Jugend“ hinweg davon träumt, fliegen zu können. Am Ende gelingt es ihm wirklich, obwohl das fast nicht notwendig wäre. Sorrentinos Film fliegt mit allem, was darin ist, ohnehin.

Ewige Jugend. Frankreich/GB/Italien/Schweiz 2015. Regie: Paolo Sorrentino. 124 Min.

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