Im Taubenschlag

  • schließen

Keine Zeit für eine vollständige Version: Die ruhelose Musikdokumentation "La Paloma"

Wollen Sie die Platte komplett hören?", fragt der Archivar des mittlerweile geschlossenen Musikmuseums von Havanna seinen Besucher. Aber selbstverständlich doch: Immerhin bestückte man mit der Lochscheibe in den 1880er Jahren eine Musiktruhe, um die damals schon beliebteste aller Habaneras zu spielen: "La Paloma". Die Radio- und Fernsehjournalistin Sigrid Faltin hat einen abendfüllenden Film über dieses eine Lied gedreht. Obwohl sie seiner Wirkung um die Erde folgt, in einen mexikanischen Wahlkampf, die eine deutsche Enklave in Rumänien, nach Sansibar und natürlich zum Hamburger Hafen, auf Hochzeiten und zu Begräbnissen, hat sie selten Zeit für eine ganze Version von "La Paloma".

Wirklich musikalisch ist das Interesse dieses Musikfilms nicht. Wenn zwei rumänische Frauen einmal das Lied intonieren, staunt man eher zufällig über den gewagten Satzgesang zum alten Harmonium. In der Szene geht es eher um den Text.

Faltin hetzt ruhelos wie die Taube La Paloma durch den Film, anstatt das Lied wenigstens einmal in einer befriedigenden Version zu spielen. Immerhin gibt es Elvis. Oder sollte der große Berliner Jazz-Gitarrist Coco Schumann, der die Weise immer wieder als KZ-Insasse spielen musste, vielleicht doch recht behalten? "Es ist schon 'ne dolle Komposition, ich finde es auch schön und genial, aber es geht mir auch seelisch nicht unter die Haut. Sonst hätte ich es nie wieder spielen können." Die Szene mit Schumann ist die beste in einem Film, bei dem man sich ansonsten fragt, warum er wie so viele andere (Fernseh-)Dokumentationen - diese ist eine Koproduktion mit dem WDR - derzeit ins Kino drängt. Visuell ist er ereignislos, die Videokamera ist oft schon damit überfordert, mit der Weitwinkeloptik eine volle Sammlerwohnung zu erfassen. Geradezu lieblos die Verbindung der einzelnen Sequenzen durch den immergleichen Klang eines Taubenflatterns.

Wie reizvoll könnte es dagegen sein, dem musikalischen Interesse an einer einfachen Melodie einmal wirklich nachzugehen. Immerhin ist kaum eine andere Komposition so oft aufgenommen worden wie "La Paloma". Stolz zeigt ein Sammler die Version des Mundharmonika-Solisten Larry Adler, nach der er ewig gesucht hatte. Aber darf man sie vielleicht einmal in Ruhe hören? Natürlich nicht. Dieser Dokumentarfilm fürchtet den Ton, so wie mancher Mensch die Leere fürchtet. Seine tatsächliche Fehlstelle, den Schnittpunkt zwischen Bild und Musik, und was aus diesem Zusammenspiel entstehen kann, bemerkt er dabei nicht.

La Paloma, Regie: Sigrid Faltin, D / F 2007, 93 Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion