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Von Tauben und Menschen

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Von: Daniel Kothenschulte

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An trüben Tagen tröstet man sich hier mit einem Klaren.
An trüben Tagen tröstet man sich hier mit einem Klaren. © Neue Visionen Filmverleih

Roy Anderssons gesellschaftskritische Farce „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“

Ein paar Breitengrade unter Aki Kaurismäkis traurigem Finnland liegt das triste Schweden des Roy Andersson. Wortkarge Menschen finden sich auch hier, ebenso ganz ähnlich triste Imbissstuben. Und doch ist alles noch ein gutes Stück verschrobener, böser, bitterer und zugleich nachdenklicher. Aber deshalb nicht weniger komisch. Auf leisen Sohlen kommt dabei nicht nur der Tod, der sein erstes Opfer zu Beginn beim Öffnen einer Weinflasche findet. Auch den Lebendigen ist nicht gerade zu Freudenschreien zumute.

In einem Göteborg, in dem die Zeit in einem unbemerkten Augenblick irgendwann in den siebziger Jahren stehen blieb, verkaufen zwei Männer Scherzartikel: Um Freude unter den Menschen zu verbreiten, wie sie mit Grabesmiene verkünden. Dafür besteht natürlich keinerlei Bedarf, nicht für den „Klassiker“, den Lachsack, und auch nicht für die Draculazähne zum halben Preis.

Als der 71-jährige Andersson bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig für diesen Film den Goldenen Löwen erhielt, war die Ehrung lange überfällig, und doch war fast jeder davon überrascht. Vielleicht, weil die Verlorenheit aller Liebesmühen eben doch ein allzu fester Bestandteil seines Universums ist, ebenso wie der Undank als ihr sicherer Lohn.

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist vielleicht Anderssons bester Film. Die aufwändigste der 39 Szenen dieses Werks führt in eine Kneipe hinter Plattenbauten. An trüben Tagen tröstet man sich hier mit einem Klaren. Oder fordert die beiden Scherzartikel-Verteter auf, ihren Musterkoffer auszupacken. Ihr besonderer Stolz: Eine gruselige Gummimaske namens „Onkel Einzahn“.

Lachen mag darüber niemand, so richtig ernst aber wird es erst noch werden. Durch die Fenster sieht man Soldaten aus dem 18. Jahrhundert vorbeimarschieren, dann öffnen zwei die Tür und stehen Spalier. Durch ihre Mitte betritt König Karl XII das Lokal, unterwegs zu seinem zweiten Russlandfeldzug. Gönnerhaft lobt er den Kellner, den er gleich zwangsrekrutiert. Alle Frauen müssen das Lokal verlassen. Was das alles zu bedeuten hat? Roy Andersson sieht gerne Ambitionen beim Scheitern zu. Nichts scheint ihm lächerlicher als das menschliche Streben nach Erfolg. Da ist es auch kein Trost, dass Schwedens imperialistische Ambitionen bereits im frühen 18. Jahrhundert auf russischen Schlachtfeldern zu Grabe getragen wurden.

Man möchte die beiden Vertreter gern als Protagonisten dieses Films betrachten, doch auch wenn sie als einzige durchgehend darin auftreten, sind und bleiben sie ewige Nebenfiguren. Das ist der Platz in ihrem Leben. Sie wohnen in einem streng geführten Wohnheim, das ihnen immerhin einen gewissen Schutz bietet vor den Nachstellungen des Scherzartikel-Vertriebs, der sie offensichtlich als Schein-Selbstständige ausbeutet. Obwohl oder vielleicht weil sie beide im selben Boot sitzen, schwelt eine latente Eifersucht in ihnen. Keiner mag sich vortasten hinter die verdrängten Traumata des anderen. Nur der Aufseher ermahnt von Zeit zu Zeit zur Ruhe, wenn einer von ihnen wieder einmal seine traurige Lieblingsplatte spielt, eine volkstümliche Ballade um ein spätes Wiedersehen mit den Eltern im Himmel.

Als Chaplin seinen Stummfilm „The Kid“ drehte, den ersten dramatischen Slapstick-Film der Geschichte, stellte er ihm einen Satz der Erklärung voraus: „Ein Film mit einem Lächeln und vielleicht mit einer Träne.“ Komische Filme, die zu Tränen rühren gab es seither viele. Roy Andersson aber rührt eine andere emotionale Mischung an. Man lacht aus Trotz, weil die Tristesse sonst nicht auszuhalten wäre. Aber Schadenfreude ist es auch nicht, eher die natürliche Reaktion auf das Absurde. Jeder andere Filmemacher hätte wohl noch ein wenig Sentimentalität eingebaut als Ablaufrinne für die aufgestaute Empathie, die seine traurigen Helden fraglos verdienen. Doch das wäre Andersson zu billig. So bleibt uns zwar nicht das Lachen im Halse stecken, aber die Chaplin’sche Träne vertrocknet in den Augen.

Seit Mitte der sechziger Jahre macht Roy Andersson nun schon Filme. Die Filme wie gewohnt in einzelnen, für sich stehenden Tableaus erzählt, bringt er seine Trilogie über die menschliche Existenz zum krönenden Abschluss: Vorausgegangen sind die Meisterwerke „Songs from the Second Floor“ und „Das jüngste Gewitter“. Fast zwei Jahrzehnte hat er daran gearbeitet. Er ist der bildenden Kunst näher als dem Erzählkino, doch auch im Kunstbetrieb würde er als Humorist wohl zwischen alle Stühle fallen. Seine visuelle Begabung ist dem großen Karikaturisten Saul Steinberg ebenbürtig, sein Hang zum Anachronismus dem tschechischen Animationsfilmer Jan ?vankmajer.

Andersson selbst nennt zwei deutsche Maler als seine entscheidenden Einflüsse, Otto Dix und Georg Scholz, zwei Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit. So sehr Andersson in seinem Werk aktuelle Zeitbezüge verwischt in eine Überzeitlichkeit, so sehr zeigt er sich doch einer sozialkritischen Kunsttradition verpflichtet. „Ich hasse Erniedrigung, bei anderen und bei mir selbst“, erklärte er anlässlich der Premiere dieses Films in Venedig. „Ich komme aus der Arbeiterklasse und habe gesehen, wie sich Verwandte vor ihren Vorgesetzten erniedrigten, aus übertriebenem Respekt vor den Autoritäten – unfähig aufzubegehren, gefangen in Schuldgefühl. Ich habe das alles im Leben erlebt und habe beschlossen, dagegen zu kämpfen.“

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. S/D/N/F 2014. Regie: Roy Andersson. 100 Minuten.

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