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Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler)

„Tatort: Das verschwundene Kind“, ARD

Frauen im Sandkastenkrieg

Sie will nicht nach Göttingen und nicht mit der da arbeiten. „Das verschwundene Kind“, ein Lindholm-Tatort.

Nach dem Fiasko des „Falles Holdt“ Ende 2017 taucht die daraufhin strafversetzte LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm, Maria Furtwängler, an ihrem ersten Arbeitstag bei der Kripo in Göttingen auf. Man hat also den seltenen Fall, dass die Zeit im Krimi langsamer vergeht als draußen im Leben, wo Charlotte Lindholm allerdings womöglich ähnlich borniert antreten würde. Zweifellos würde sie.

Es könnte lustig werden, neue Stelle, neue Leutchen, aber das Buch zu „Das verschwundene Kind“, geschrieben von Regisseurin Franziska Buch zusammen mit Jan Braren und Stefan Dähnert, führt vor, wie schlecht es laufen kann. Die kühlsten und ehrlichsten Szenen in diesem unfrohen NDR-Tatort betreffen Lindholms Gereiztheit, ihre Aggressionsbereitschaft, ihren Bedarf, die neuen Kollegen kleinzumachen. Wer so etwas schon selbst einmal erlebt hat, der weiß: Ja, so etwas geschieht im Berufsleben. Man kann auf einmal die sein, die angeschnauzt wird, oder die, die schnauzt. Beides unangenehm. Wer denkt, Frauen seien subtiler, hört, wie Lindholm grundlos Sätze raushaut wie: „Ich habe Probleme mit Leuten, die nicht auf meinem Niveau ermitteln.“

Die neue Tatort-Rolle muss gleich aufgeladen werden

Furtwängler spielt das großartig lapidar weg, mit einer beiläufigen Verachtung, bei der es eh viel mehr um die Verachtung als um den Inhalt geht. Aber die Göttinger haben ja Ohren. Eine vor allem, die neue Kollegin Anaïs Schmitz, Florence Kasumba, die von Frau Lindholm bei der ersten Begegnung für eine Putzfrau gehalten wird. Ein sensationelles Entrée, selbst Lindholm ist das etwas unangenehm, aber sie will so sehr nicht hier in Göttingen bei diesen schrecklichen Provinzlern sein (sondern unbedingt in Hannover, nun ja), dass sie nicht die Kurve bekommt. Besser wäre es, denn Schmitz haut ihr nachher eine runter. Das ist allerdings eine Überraschung.

 „Geht manchmal mit mir durch“, sagt sie, „mangelnde Impulskontrolle, habe schon jede Menge Therapien gemacht“. Und auch wenn es bedauerlich ist, dass diese interessante neue Tatort-Rolle gleich so aufgeladen werden muss – mangelnde Impulskontrolle ist nicht das einzige Problem der coolen Schmitz, während es uns einstweilen völlig reichen würde, ihr bei der Arbeit zuzuschauen –, ist auch das eine bleibende Szene. Lindholms Fassungslosigkeit kurz vorm Losheulen, die Diskretion der uniformierten Polizisten, die die seltene Gelegenheiten haben, Frauen bei einem Sandkastenkrieg zu erleben. Auch könnte sich an dieser Stelle erneut das Ende der Ära abzeichnen, in der Männer das Monopol auf übermäßig komplizierte Ermittlerfiguren haben. Die Arglosigkeit des Chefs, Luc Feit, erinnert an das Staunen, mit dem sonst Frauen auf Hahnenkämpfe blicken.

Schön jedenfalls, wie Lindholm und Schmitz das penetrante optische Klischee von der fabelhaft attraktiven Blondine und der fabelhaft attraktiven Schwarzen allemal mit anders gelagerten Themen niederwalzen. Es gibt auch lustige Augenblicke, ebenfalls flugs erledigt. Wie sie über den hübschen Mediziner sprechen.

Die Krimihandlung ist dunkel, aber weniger kompliziert. Eine Vergewaltigung vor neun Monaten führt jetzt zu einer dramatischen Geburtsszene, die 15-Jährige weiß nicht, wie ihr geschieht. Während Lindholm die Plazenta aus der Toilette pult, irrt Lilly Barshy mit Emilio Sakraya durch eine kalte, wurschtige Welt. Aber der Tatort hat keine Zeit, diesen Perspektivwechsel zu zwei mitleiderregenden Königskindern mit erstaunlichen Facetten zu versehen. Dem Verbrecher, hier auch Teufel genannt, wird das Publikum deutlich vor der Polizei auf die Spur kommen, obwohl er sich nichts anmerken lässt.

Es gibt noch eine unendlich traurige Szene beim Pathologen, der Tisch umstanden von betretenen Menschen. Auch hier zeigt Franziska Buch ein richtig gutes Gespür für Inszenierung.

„Tatort: Das verschwundene Kind“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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