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Karin Gorniak und Leonie Winkler warten auf die Rückkehr des Serienmörders.

TV-Kritik

Tatort „Das Nest“: Die Streberin und das Böse

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Der Dresden-Tatort „Das Nest“ konfrontiert eine facettenreiche neue Kommissarin gleich mit Serienmörder-Horror. 

Die lieblose Mutter war schuld? Der prügelnde oder missbrauchende Vater? Die Kindheit des Täters war irgendwie anders verkorkst? Der Dresden-Tatort von Erol Yesilkaya, Buch, und Alex Eslam, Regie, baut ein prächtiges Serienmörder-Horrorszenarium auf, spart sich aber jede psychologische Unterfütterung, geht stattdessen mit einem „Ich bin so geboren, das ist meine Natur“ aufs böse Ganze. Kann man machen. Problematisch wird es, wenn der Film damit auch eine Rechtfertigung für Selbstjustiz anbietet.

Der Beginn von „Das Nest“ ist wie aus der „Rocky Horror Picture Show“: Eine junge Frau verunglückt mit dem Auto, nachts, sucht Hilfe in einem – ehemaligen – Nobelhotel. Ist da jemand? Spielt da nicht Musik? Wie in jedem Horrorfilm, so ist es auch hier nicht ratsam, durch mit Plastikplanen verhängte Türen zu treten. Tu’s nicht, möchte man der jungen Frau zurufen – sie tut’s, aber immerhin kann sie fliehen. Die Polizei wird gleich darauf Räume finden, Nester von Leichen, in denen ausgeblutete, fachmännisch präparierte Mordopfer wie Statisten am Esstisch oder auf dem Sofa sitzen.

Die Polizei? Eigentlich die neue Dresdner Kommissarin, Cornelia Gröschel als Leonie Winkler – Alwara Höfels, davor sechs Mal Hennie Sieland, mochte nicht mehr. „Ich hab was gefunden!“, kräht also Leonie Winkler, auf Kratzer am Boden weisend. Und ja, es ist eine Geheimtüre zu den Tableaus des Schreckens. Gut gemacht, Eins, setzen.

Aber während dieser erste Fall von Oberkommissarin Winkler einem nicht übermäßig originellen Schema folgt – die neue und die alte Ermittlerin, Karin Hanczewski als Karin Gorniak, reden aneinander vorbei, mögen sich auch nicht sehr, die neue macht einen Fehler, kann ihn endlich zugeben, man kommt sich also doch noch näher -, bietet die Figur selbst vielversprechende Entwicklungsmöglichkeiten. Und hat nach einer Folge schon mehr Facetten als andere Tatort-Kommissare nach zehn.

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Denn man hat ihr einen dominanten Vater gegeben – Uwe Preuss, Chef der Rostocker „Polizeiruf 110“-Ermittler, hier als Otto Winkler –, der selbst Polizist war und nicht glaubt, dass seine Tochter es kann. „Guter Mann“, sagt man über ihn. „Leo wird nie ne gute Polizistin“, sagt er. Dies, nachdem er seine erwachsene Tochter zum Geschirrspülen in die Küche abkommandiert hat: „Ach Schatz, hilfste mal Mutti mit den Tellern?“ Aber es scheint keine Mutti mehr zu geben im Hause Winkler. „Otto, die is’ auch dein Kind“, sagt Kommissariatsleiter Schnabel, Martin Brambach, offenbar ein Freund der Familie. Andeutungsweise steht also eine Geschichte im Hintergrund, deren Auflösung sofort interessiert (und hoffentlich kommen wird).

Cornelia Gröschel ist großartig als kulleräugige Streberin, die so furchtbar stolz darauf ist, die Beste ihres Jahrgangs gewesen zu sein. Manchmal plappert sie unbedacht drauflos, dann dämmert ihr doch, dass sie gerade etwas Dummes gesagt hat. Der lebensgefährlich verletzten Kollegin Gorniak kommt sie mit dem Vergleich „wenn man vom Pferd gefallen ist ...“. Ja, Leonie Winkler ist naiv, es hapert auch durchaus mit dem Einfühlungsvermögen. Aber sie lernt doch auch dazu; es ist beeindruckend, wie man das in Gröschels Gesicht verfolgen kann.

Die Geschichte selbst lässt durchaus zittern, ist aber auch ein wenig Routine. Das SEK ist unfähig und am falschen Platz wie meist. Die Kommissarin gerät in Gefahr. Die Neue kann ihren Fehler wiedergutmachen. Die eine und andere überraschende Wendung ist dabei, die eine und andere blanke Unglaubwürdigkeit. Aber das Dresdner Team gibt in dieser neuen Zusammensetzung Anlass zu allemal hohen Erwartungen.

„Tatort: Das Nest“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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